Wirtschaftsabkommen : London und Berlin - Städtepartnerschaft gegen den Brexit

Vertreter der Städte Berlin und London haben ein Abkommen unterzeichnet: Unternehmen beider Seiten sollen auch nach einem Brexit Partner bleiben können.

Londons stellvertretender Bürgermeister Rajesh Agrawal, zuständig für Wirtschaft, und Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop.
Londons stellvertretender Bürgermeister Rajesh Agrawal, zuständig für Wirtschaft, und Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop.Foto: www.imago-images.de

Es sind nur vier Wochen bis zum Brexit, höchste Zeit zu handeln: Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) und Londons stellvertretender Bürgermeister für Wirtschaft, Rajesh Agrawal, haben am Montag in Berlin ein Abkommen unterzeichnet. Es soll Unternehmen in Berlin helfen, in London weiter zu arbeiten oder in der britischen Hauptstadt Fuß zu fassen. Und as auch im Falle, dass es wie bisher geplant am 29. März zum Austritt Großbritanniens aus der EU kommt. „London ist offen, London ist eine stolze europäische Stadt“, bekräftigte Agrawal bei der Unterzeichnung des Abkommens im Rahmen einer Pressekonferenz im 21. Stock eines Hochhauses am Potsdamer Platz. Hier, in den Räumen des Büroraumvermieters WeWork betreibt seine Standortförderagentur London & Partners auch ein Kontaktbüro mit immerhin vier Mitarbeitern.

„Das 20. Jahrhundert gehörte den Nationalstaaten. Das 21. Jahrhundert gehört den Städten“, sagte Agrawal. Deshalb seien solche Partnerschaften wichtig für die Zukunft – egal, was sie bringe. Bei der Unterzeichnung betonten er wie Pop, wie wichtig es sei, dass die beiden größten Technologie-Hubs Europas kooperieren, vor allem über die Grenzen hinweg. Agrawal sagte, dass für Großbritannien keines der möglichen Brexit-Szenarien gut sein wird, und zu London passe es überhaupt nicht. „Vierzig Prozent der Londoner wurden nicht in Großbritannien geboren", um zu unterstreichen wie sehr seine Stadt auf offene Grenzen angewiesen ist. Er berichtete, wie er selbst, geboren in armen Verhältnissen, im Jahr 2001 mit 200 Pfund in der Tasche erstmals in ein Flugzeug gestiegen sein mit dem Ziel London. "Und trotzdem konnte ich in London erfolgreich werden“. Bevor er Politiker wurde, habe er selbst zwei Fintech Firmen gegründet. Auch Senatorin Pop hat eine Biografie als Migrantin: Im Alter von elf Jahren zog sie von Rumänien nach Deutschland. Diese Partnerschaft solle ein Zeichen setzen: London und Berlin werden gemeinsam erfolgreich.

Agrawal hofft noch auf einen Brexit-Ausweg

Vor der Unterzeichnung hat Agrawal am Morgen bei einem Besuch bei dem Berliner FinTech-Netzwerkes Finleap versucht, einen optimistischen Ton im Hinblick auf die Zukunft für die Finanz- und Technologiebranche zu schlagen. Im Gespräch mit Vertretern von Berliner Firmen und Start-ups aus dem Finleap-Verbund, darunter Element Insurance AG, Elinvar GmbH, BillFront und financeAds, hat er mehrfach betont, dass London offen für Unternehmen bleiben wird. Er werde alles tun, um Unternehmen in der kommenden Zeit zu unterstützen. Trotz der Tatsache, dass es noch immer kein Abkommen zwischen der EU und Großbritannien gibt, glaubt Agrawal nicht, dass es zu einem ungeordneten Brexit kommen wird. „Das Gefühl, dass die Deadline aufgeschoben wird, wird stärker“, erklärt er den Unternehmern. „London wird weiterhin ein Zentrum für Technologie sein, London wird weiterhin ein attraktiver Markt sein“.

Rajesch Agrawal und Ramona Pop beim Pressegespräch bei WeWork am Potsdamer Platz.
Rajesch Agrawal und Ramona Pop beim Pressegespräch bei WeWork am Potsdamer Platz.Foto: Kevin P. Hoffmann

Trotz des optimistischen Tons des Londoner "Wirtschaftssenators" werden Unternehmer unruhig. „Der Brexit-Beschluss hat für uns bedeutet, dass wir uns Großbritannien als Standort gar nicht erst angeschaut haben. Stattdessen haben wir nach Frankreich geschaut“, sagt Christian Macht von Element. Und Agrawal sagt auch ganz klar: Er hätte sich gewünscht, dass Großbritannien in der EU bleibt, und er habe auch noch die Hoffnung, dass der Brexit abgewendet werden kann, zum Beispiel indem es ein zweites Referendum gibt. Als Wirtschaftsbürgermeister muss er aber auch für den gegenteiligen Fall handeln, und planen: deshalb die Eröffnung des Londoner Büros in Berlin, ein zweites - allerdings nur mit einer Person besetzten - Büro gibt es in München. „Berlin und London sind wichtige europäische Fintech-Hubs, wir müssen zusammenarbeiten. Und viele der Gründer der großen Londoner Fintech Firmen sind Europäer“, sagt Agrawal.

In Berlins FinTech-Szene ist man besorgt

Die Unternehmer der Finleap-Gruppe sind erfreut über den Schritt aus der Politik. Alle Sorgen nehmen kann er nicht. Chris Bartz, Gründer von Elinvar, sagte: "London und Berlin sind prädestiniert den einheitlichen europäischen Markt für Fintechs entscheidend zu prägen. Diese Chance ist durch den Brexit gefährdet.“ Er sei gleichwohl weniger optimistisch als der Wirtschaftsbürgermeister: Er sieht Großbritannien ohne Abkommen Ende März die EU verlassen. Auch Gregor Dimitriou, Gründer der Berliner Firma BillFront, ist besorgt, da BillFront in London einen Standort hat, und die Stadt ist ein wichtiger Ankerpunkt des Unternehmens ist. „Wir wollen wissen, wie wir nach dem Brexit überhaupt arbeiten können“, sagt er.

Senatorin Pop bestätigte auch: „Es wird schwierig für Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf Kooperation zwischen den Ländern basiert. Aber wir spielen die Szenarien durch, und wir versuchen uns auf das vorzubereiten, was wir jetzt schon wissen“.

Die Idee für das Abkommen wurde nach dem Brexit ins Leben gerufen, um europäische Unternehmen zu schützen und auch London als Wirtschaftsstandort abzusichern. Das Projekt hat verschiedene Ziele: Deutschen Unternehmen, die nach London kommen wollen, soll konkrete Hilfe geboten werden. Speziell kleinen Unternehmen aus Berlin will London helfen, schnell zu wachsen und somit die Wirtschaft zu stabilisieren. Miriam Ducke, die das London Büro in Berlin leitet, erklärt, dass sie Unternehmen in Berlin helfen wollen, trotz des Brexits nach London zu kommen oder in London zu bleiben. „Wir sind der Anknüpfpunkt für Unternehmer, die die Verbindung zu London nicht verlieren wollen“, sagt Ducke. „Wir freuen uns sehr über das Büro in Berlin“, ergänzt Agrawal.

Die Kooperation der beiden Städte ist auch schon in vollem Gange: Kommende Woche werden Berlin Partner und London & Partners gemeinsam auf die South by Southwest Conference in Austin, Texas gehen, um zusammen den Vertretern aus der Kreativwirtschaft zu zeigen: Berlin und London halten zusammen. Und für den frühen Montagabend haben die Londoner ihre neuen Freunde von der Spree in einen Lokal in Berlin-Mitte geladen, um ihren Brexit-Kummer bei ein paar Gläsern Craft Beer und Gin Tonic herunterzuspülen.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Beitrages hatten wir Chris Bartz, Gründer von Elinvar, folgendes Zitat zugeschrieben: „Allein die Menge an Mehrarbeit, die durch den Brexit entstehen würde, ist ein No-Go, besonders für kleinere Unternehmen. Da ist Großbritannien einfach keine Option mehr“. Der Satz wurde irrtümlich ihm zugeordnet. Ausgesprochen hat ihn eine andere Person, die wir nachträglich nicht mehr identifizieren können.

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