Berlin : Wo Alfred Topp den Kintopp erfand

Berlins ältestes Filmtheater, das Moviemento in Kreuzberg, feiert seinen 100. Geburtstag

Andreas Conrad

Es war der Schankwirt Alfred Topp, dem wir das schöne Berliner Wort Kintopp verdanken – wenn man der Legende Glauben schenkt. Als 1906 ein Panoptikum die Räume über seiner Kneipe am Kottbusser Damm Ecke Boppstraße in Kreuzberg räumte, nutzte er die Gunst der Stunde und eröffnete dort im Folgejahr ein Kino – ein bald so erfolgreiches Etablissement, dass im Volksmund erst von Topps Kino, dann von Kintopp die Rede gewesen sein soll. Nach einer weniger einleuchtenden Variante war ein gewisser Emil Pott der Namensgeber, allerdings wird auch dies fragwürdig, bedenkt man, dass bereits 1909 Alfred Döblin in einem Aufsatz ganz selbstverständlich vom „Kientopp“ als dem „Theater der kleinen Leute“ schrieb. Unwahrscheinlich, dass ein doch kaum am Eröffnungsabend erfundenes Wort solch eine rasante Karriere machte.

Wie dem auch sei, Topps Kino gibt es noch immer, als Moviemento feiert es dieser Tagen seinen 100. Geburtstag – das älteste noch bespielte Lichtspieltheater der Stadt, im Jubiläumsjahr aber mit neuer Leitung. Im Januar wurde das kurz vor dem Kinotod stehende Haus dem jetzigen Betreiberpaar angeboten, und wie einst Topp griffen Iris Praefke und Wulf Sörgel zu. Beide kommen vom Fach, er arbeitet beim Neue Visionen Filmverleih, sie beim Kino Nickelodeon in der Torstraße. Ohne Kredite, nur aus eigener Kraft wollen sie das durch einen langfristigen Mietvertrag gesicherte Haus wieder aufpäppeln. Am Anfang stand die gründliche Renovierung: neue Fußböden, überarbeitete Sitze, frischer Anstrich – das Ende des gruftigen Looks der letzten Jahre. Die Technik komme später dran, stamme noch aus den 50er Jahren, sei aber in Ordnung, so sehr, dass sich der Techniker bei Wartungen schon ärgere, weil es nichts zu reparieren gebe. Filmklassiker, Themenreihen, neue Arthouse- und Kinderfilme – mit dieser Mischung wollen die Betreiber Publikum für ihre drei Säle mit 103, 67 und 62 Plätzen locken.

Das Moviemento trägt diesen Namen seit 1984, als Ingrid Schwibbe das Kino übernahm. Vorher hieß es VitascopeTheater, Odeon, Hohenstaufen-Lichtspiele, Taki, Tali und auch „Das lebende Bild“, und bis Mitte der 70er Jahre konnte man Filme dort wahlweise ganz normal oder seitenverkehrt sehen. Da die Raumflucht dem Grundriss des Eckgebäudes folgt, hatte Topp den im 45-Grad-Winkel geknickten Saal kurzerhand durch eine halbtransparente Leinwand geteilt. Im Hauptraum sah man den Film wie gewohnt, im Saal spiegelverkehrt – was durch eine zusätzliche Spiegelfläche wieder zurechtgerückt wurde. Der Eintritt war dort billiger.Dies lag vor der Zeit, als Tom Tykwer im Kino als Vorführer und Programmgestalter arbeitete – und sich bei den Filmen wohl sagte, das könne er auch. Mittlerweile ist er ein erfolgreicher Regisseur und das Moviemento, angebliche Geburtsstätte des Wortes Kintopp, damit ein zweites Mal ein Ort der Filmgeschichte. Und diesmal ist das nicht nur eine Legende.

Zum Jubiläum eröffnet das Kino heute eine Reihe mit Filmklassikern, in der kommenden Woche folgt eine Reihe „Kreuzberg im Film“. Die 100-Jahr-Feier findet am 29. März, 20 Uhr, statt, mit der Aufführung von Walter Ruttmanns „Berlin: Die Sinfonie der Großstadt“ und anschließendem Empfang. Auch Tom Tykwer wird erwartet.

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