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Berlin ist gespalten - in Viertel mit hohem Lebensstandard und Problemkieze wie hier in der Soldinerstraße in Wedding.

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Untersuchung zur Sozialstruktur der Stadt: Wo das Berliner Problemviertel wohnt

Mit Berlin geht es aufwärts – jedenfalls für Dreiviertel der Bewohner, die in mittleren und guten Lagen leben. Der Rest, vor allem die "westliche Äußere Stadt" wie etwa Spandau, wird abgehängt, zeigt eine Studie.

Immer mehr Berliner finden Arbeit, weil die Wirtschaft wächst, sogar noch schneller als im Bundesdurchschnitt – dafür lobte sich auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) zuletzt wiederholt. Dass dies nur die halbe Wahrheit ist und der Senat die schlechten Nachrichten am liebsten übergehen würde, zeigt der neue Armutsbericht Berlins, im Verwaltungsdeutsch „Monitoring Soziale Stadtentwicklung“ genannt. Dessen neuste Ausgabe war der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung nicht einmal eine Pressekonferenz wert.

Ein Blick auf die Zahlen zeigt, warum: Trotz Wachstums ist die Kinderarmut in den vergangenen sechs Jahren kaum zurückgegangen und betrifft immer noch mehr als jedes dritte Kind (34,7 Prozent). Kaum abgenommen hat auch die Zahl der Menschen, die von staatlichen Zuwendungen abhängig sind: 13,4 Prozent. Und zu den Überraschungen zählt wohl auch, dass sich nicht mehr der Osten Berlins, sondern die „westliche Äußere Stadt“ zum Brennpunkt entwickelt: In Spandau und Umgebung nimmt die Kinderarmut ebenso zu wie die Zahl der Bezieher von Transfereinkommen.

Talfahrt im Nordwesten

Reinickendorf nennen die Wissenschaftler zuvorderst unter den Kiezen, wo es abwärts geht. Von „negativer Dynamik“ ist in dem Bericht dann die Rede, wenn Erwerbslosigkeit und Langzeitarbeitslosigkeit zunehmen und auch der „Transferbezug“ (Sozialhilfen) sowie die Kinderarmut. Zu den schlechten Nachrichten zählt außerdem, dass sich „soziale Ungleichheiten“ in einigen Quartieren verfestigen. „Wie in den letzten Jahren“, heißt es im Bericht weiter, zählen zu den „sozial benachteiligten Kiezen“ die Altbaubereiche der Stadtteile Wedding und Moabit, der Norden von Kreuzberg sowie von Neukölln, die Siedlungsbereiche von Spandau – und als einige der wenigen Ost-Berliner Bereiche die „Großsiedlungen von Marzahn-Hellersdorf“.

Aufschwung in Kreuzkölln

Nicht nur Schlechtes ist zu berichten: Mit Kreuzkölln („Altbaubereich von Neukölln-Nord“) und dem Kreuzberger Kiez („Kreuzberg-Ost“) geht es aufwärts. Hier ziehen die Kreativen hin, die Neuberliner und Studenten, die jedenfalls größtenteils über eigene Einkommen verfügen.

Die Drei-Viertel-Stadt

Wie also geht es den Berlinern? Gemessen an der sozialen Lage in den Quartieren überwiegend gut bis sehr gut: 2,7 Millionen Einwohner (77 Prozent) leben in Stadtvierteln mit einem überwiegend guten bis sehr guten sozialen Status, wobei 18 Prozent davon sogar in Quartieren mit „hohem Statusindex“ leben. Von dem übrigen Viertel der Berliner Bevölkerung, 790 000 Menschen insgesamt, leben etwa jeweils die Hälfte in Quartieren mit niedrigem und sehr niedrigem sozialen Status – Brennpunkte könnte man diese auch nennen.

Brennpunkte unter Beobachtung

Sogar in der Innenstadt haben die Wissenschaftler Brennpunkte ausgemacht, die sie aufgrund von Armut und Erwerbslosigkeit ihrer Bewohner als „Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf“ kennzeichnen. Dabei handelt es sich nicht um ganze Bezirke, sondern um 51 der 434 „Planungsräume“, in die die Forscher das Stadtgebiet aufgeteilt haben. Diese befänden sich „besonders in der westlichen Stadthälfte“. Genannt werden beispielsweise Moabit, außerdem die Osloer Straße und die Brunnenstraße Nord, beide in Wedding gelegen, sowie das Zentrum dieses Stadtteils. Die südliche Friedrichstadt in Kreuzberg steht unter Beobachtung, außerdem die Quartiere an beiden Seiten der Neuköllner Ringbahn. In Spandau ist es das Viertel die Heerstraße Nord, die Neustadt sowie das Falkenhagener Feld.

Die Gentrifizierung hinterlässt ihre Spuren.

Berlin ist gespalten - in Viertel mit hohem Lebensstandard und Problemkieze wie hier in der Soldinerstraße in Wedding.

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Quartiersmanagement soll’s richten

Die Brennpunkte liegen nach Darstellung der Verfasser der Studie „weitgehend in den fünf Aktionsräumen der Sozialen Stadt“. Das ist der Name für ein mit Zuschüssen des Bundes gestärktes Förderprogramm zur Unterstützung von Brennpunkten. Dort betreuen Sozialarbeiter, Psychologen und Pädagogen Kiezbewohner mit wenig Sprachkenntnissen und fehlenden Schulabschlüssen bei Behördengängen und Bewerbungen in dazu bestimmten Stadtteilzentren. „Quartiersmanager“ führen Stadtteilfeste durch und schlichten Konflikte.

Sonderproblem Hochhaussiedlungen

Eine „negative Entwicklungsdynamik“ stellen die Forscher gehäuft in „Großwohnsiedlungen“ fest: Im Märkischen Viertel in Reinickendorf, in den Hochhäusern vom Marzahn-Hellersdorf sowie in den Wohnmaschinen an der Heerstraße Nord. Dass dieser Siedlungstyp generell ein Rückzugsgebiet für Berliner mit geringen Einkünften oder Transfereinkommen ist, bestreiten die Forscher und weisen auf sozial gut durchmischte Großquartiere wie die Gropiusstadt, Lichtenberg, Buch oder auch einige Teile von Marzahn-Hellersdorf hin.

Drinnen ist „in“, draußen „out“

Die Gentrifizierung hinterlässt ihre Spuren. Wer nach Berlin kommt, will in der Innenstadt wohnen – und damit rechtfertigt Bausenator Michael Müller (SPD) auch sein Vorhaben, an den Rändern des Tempelhofer Feldes Wohnungen zu bauen für Berliner mit unterschiedlich hohen Einkünften. Die Verfasser des „Monitoring soziale Stadt“ halten jedenfalls fest, „dass (sehr) statusniedrige Gebiete mit einer negativen Entwicklungsdynamik eher in der Äußeren Stadt liegen“ und dass außerdem „(sehr) statusniedrige Gebiete in der Innenstadt hingegen vielfach eine Dynamik aufweisen, die auf eine Abnahme der sozialen Benachteiligung“ hinweist. Einfacher ausgedrückt: Berliner mit guten Einkünften drängen in die Innenstadt und polieren damit die soziale Bilanz der dort gelegenen Quartiere auf. Die Kehrseite ist: Weil deshalb die Wohnungen knapp und teurer vermietet werden, müssen Berliner mit geringeren Einkünften an den Stadtrand ziehen. Dort wiederum verschärfen sie die ohnehin schon problematische soziale Lage der Brennpunkte.

Was der Senat dazu sagt

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hatte in einer Presseerklärung am Mittwochnachmittag die Veröffentlichung des „Monitoring Soziale Stadtentwicklung“ mitgeteilt und die Ergebnisse nicht bewertet. Zitiert wird in der Mitteilung der neue für Wohnen zuständige Staatssekretär Engelbert Lütke Daldrup mit der Zuversicht, dass „in den kommenden Jahren auch neue, bisher nicht geförderte Gebiete in das Programm Soziale Stadt aufgenommen werden können“. Abhängig sie dies indes von den „Modalitäten des finanziell aufgestockten Bund- Länder-Programms Soziale Stadt“. Die schwarz-rote Koalition auf Bundesebene hatte die Aufstockung der Gelder für das Programm angekündigt. Bisher ist das allerdings nicht passiert.

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