Zu wenige Öko-Lebensmittel : Brandenburgs Bauern gefährden Berlins Bio-Strategie

Die Ernährungsstrategie des Senats sieht für Schulmensen und Kantinen gesunde Nahrungsmittel aus der Region vor. Doch Brandenburgs Landwirte liefern zu wenig.

Hier pflücken polnische Erntehelfer vom Familienbetrieb Dohrmann in Frankfurt (Oder) auf einer Plantage Äpfel (Archivbild).
Hier pflücken polnische Erntehelfer vom Familienbetrieb Dohrmann in Frankfurt (Oder) auf einer Plantage Äpfel (Archivbild).Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB

So könnte die Zukunft aussehen: In Berliner Schulmensen gibt es nur noch gesundes Bioessen aus der Region, in Nachbarschaftsküchen treffen sich Nachbarn aus dem Kiez und kochen zusammen. Wer verreist, kann dort auch seine Essensreste abgeben und so verhindern, dass sie im Müll landen. Urbane Gärten liefern der Hauptstadt frische Kräuter oder Gemüse. Schulkinder lernen in Schulgärten und Lehr-Lern-Laboren, was wo wächst und wie man all diese Dinge zubereitet. Professionelle Kantinenköche werden in einem House of Food nach dem Vorbild Kopenhagens darin geschult, Ökoessen so günstig zuzubereiten, dass das Biomahl am Ende nicht teurer ist als konventionelle Ware. Ein Gründer- und Kompetenzzentrum soll Berliner Start-ups helfen, gute, regionale Essensideen zu entwickeln und auf den Markt zu bringen.

Was klingt wie eine Folge aus „Wünsch dir was“, ist in Wirklichkeit eine Ideensammlung der Beratungsunternehmen Nahhaft und Netzwerk X für eine Berliner Ernährungsstrategie. Dass es eine solche geben soll, haben die rot-rot-grünen Koalitionäre im Koalitionsvertrag vereinbart. Auf Seite 157 heißt es: „Die Koalition wird zusammen u. a. mit dem Berliner Ernährungsrat eine zukunftsfähige, regional gedachte Berliner Ernährungsstrategie entwickeln.“

Das war im Dezember 2016. Seitdem hat es ein Kick-off-Meeting gegeben, Beratungsrunden, die in den Empfehlungskatalog von Nahhaft und Netzwerk X gemündet sind, und ein Forderungspapier des Ernährungsrats Berlin. Darin fordert das Gremium, in dem sich Privatleute, Erzeuger, Verarbeiter, Restaurantbetreiber und andere an Essensthemen Interessierte treffen, vor allem eines: eine stärkere Zusammenarbeit von Berlin und der Brandenburger Ökoszene.

Senatsverwaltung für Verbraucherschutz hat noch nicht geliefert

Nur derjenige, auf den es ankommt, hat bislang nichts geliefert: der zuständige Berliner Verbraucherschutzsenator Dirk Behrendt und seine Verwaltung. Man sei noch in der Abstimmung mit anderen Ressorts, lässt der Senator mit dem Grünen-Parteibuch ausrichten, die Ernährungsstrategie sei noch nicht fertig. Die drei Grundzüge stehen allerdings schon fest: Öko soll das Essen sein, regional und saisonal. Die Nutzer öffentlicher Kantinen dürfen sich dann wohl im Winter auf viele Kohlgerichte aus Brandenburg freuen, Blaubeeren aus Chile wären tabu, selbst wenn sie auf Biofarmen wachsen.

Ein Problem. Anhaltende Dürren sorgen auch in Brandenburg für sinkende Erträge: Ein Mähdrescher des Landwirtschaftsbetriebs Markus Grund aus Petersdorf (Kreis Oder-Spree) fährt hier über ein Roggenfeld mit Dürreschäden.
Ein Problem. Anhaltende Dürren sorgen auch in Brandenburg für sinkende Erträge: Ein Mähdrescher des Landwirtschaftsbetriebs Markus...Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB

Doch die Abstimmung mit den anderen Ressorts scheint schwieriger zu sein als gedacht. „Die Arbeiten an der Ernährungsstrategie sollten schon im Frühjahr abgeschlossen sein“, sagt Frank Nadler, einer der Sprecher des Ernährungsrats. Dabei drängt die Zeit – etwa bei der Schulverpflegung. Bis Oktober soll es eine neue Musterausschreibung für die Berliner Schulcaterer geben, die ab 2020 gelten soll. Statt 15 Prozent wie bisher soll der Bioanteil dann bei 50 Prozent liegen. Nadler reicht das nicht: Er fordert, dass so viel wie möglich von der Bioware aus der Region und nicht aus aller Welt kommt. Da der Senat sei Beginn des Schuljahres 2019/20 Gratis-Schulessen anbietet, stehen die Caterer vor derzeit vor besonders großen Herausforderungen.

Die Gemeinschaftsverpflegung, meint er, sei ein guter Hebel, um die auf die Bioregionalität zielende Essensstrategie sofort in die Praxis umzusetzen. „Berlin sollte dazu umgehend mit Brandenburg sprechen“, empfiehlt er.

Doch das ist bislang nicht geschehen. Tatsächlich würden solche Gespräche auch zu einer gewissen Ernüchterung führen. Denn obwohl Berlin ein Riesenmarkt für die Brandenburger Ökobauern und -lebensmittelproduzenten sein könnte, sind diese derzeit weit davon entfernt, die Hauptstadt ernähren zu können, warnt Michael Wimmer, Geschäftsführer der FÖL (Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg). Zumindest wenn man mehr essen möchte als Brot, Jogurt und Rindersteaks.

Schulessen in einer Grundschule in Berlin-Kreuzberg (Archivbild). Der rot-rot-grüne Senat will für eine bessere Versorgung Berlins mit regional erzeugten Lebensmitteln in Bio-Qualität sorgen - nicht nur in Schulkantinen.
Schulessen in einer Grundschule in Berlin-Kreuzberg (Archivbild). Der rot-rot-grüne Senat will für eine bessere Versorgung Berlins...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Bei Backwaren ist die Berliner und Brandenburger Bioszene nämlich mit Firmen wie dem BioBackHaus in Falkensee oder dem Märkischen Landbrot gut aufgestellt. Auch bei Milch- und Milchprodukten sieht es mit der regionalen Bioversorgung gut aus. Während es lange Zeit in Brandenburg gar keine konventionelle Molkerei mehr gab, kann die Biobranche mit der Gläsernen Molkerei, der Meierei im Ökodorf Brodowin, der Lobetaler Biomolkerei und der Luisenhof Milchmanufaktur vier Betriebe aufweisen.

Schaut man sich allein die Flächen an, die für den Ökoanbau genutzt werden, liegt Brandenburg deutschlandweit auf Platz drei. Dennoch gibt es in vielen Bereichen weiße Flecken – etwa beim Obst und beim Gemüse. Äpfel, Birnen oder Zwetschgen in Bioqualität liefert meist das Alte Land bei Hamburg nach Berlin. Auch Kartoffeln, einst vom Alten Fritz nach Brandenburg gebracht, sind in der Region heute Mangelware.

Die großflächigen Anbaustrukturen aus DDR-Zeiten wirken nach

Die Zerschlagung der Anbaustrukturen nach dem Ende der DDR wirkt bis heute nach. Anfang 2018 wurden in Brandenburg gerade einmal auf 270 Hektar Biokartoffeln angebaut, das ist weniger als die Fläche des Tempelhofer Feldes. Der Bioverband FÖL versucht jetzt, Landwirte dazu zu bewegen, Kartoffelfelder anzulegen. Dienstreisen nach Bayern oder Baden-Württemberg sollen den Bauern helfen, das Know-how aufzubauen und das unternehmerische Potenzial zu erkennen.

Skeptiker. Öko-Lobbyist Michael Wimmer warnt vor dem begrenzten Angebot in der Region.
Skeptiker. Öko-Lobbyist Michael Wimmer warnt vor dem begrenzten Angebot in der Region.Foto: Joerg Farys/Promo

Doch mit dem Anbau ist es nicht getan. Man braucht auch Verarbeitungsbetriebe, in denen die Kartoffeln geschält und mundgerecht an die Kantinenbetreiber in Berlin geliefert werden. Derzeit schafft es gerade einmal ein Betrieb in Templin, größere Mengen von bis zu zehn Tonnen am Tag zu schälen. Das Unternehmen hat jetzt die Zertifizierung als Biobetrieb beantragt, berichtet Wimmer. Nötig wären aber Kapazitäten von 70 Tonnen pro Tag. Die gibt es in Brandenburg bislang nicht, sondern in Niedersachsen. Das Trauerspiel setzt sich übrigens bei Möhren fort. „Der Berliner Markt brummt, aber das hilft Brandenburg nichts“, bedauert Wimmer.

Rolf Hoppe kann das nur bestätigen. Sein Unternehmen, der Kita- und Schulcaterer Luna, muss jeden Tag 170.000 Essensportionen an Schüler liefern. Jede Portion umfasst zwischen 400 und 450 Gramm, das Schuljahr hat rund 200 Essenstage. „Da kommt eine gigantische Menge zusammen“, berichtet Hoppe, der auch Sprecher der Deutschen Schul- und Kitacaterer ist.

Entweder bio oder regional oder saisonal: Alles geht nicht

„Der Brandenburger Markt gibt das nicht her“, weiß er, „auch nicht der konventionelle.“ Wenn künftig nicht nur Schulkitas, sondern im Rahmen einer neuen Berliner Ernährungsstrategie auch die Kantinen in der öffentlichen Verwaltung oder in kommunalen Seniorenheimen mit Bioessen aus der Region beliefert werden sollen, dürfte das das Problem verschärfen. Hoppe warnt vor zu hohen Erwartungen: Alles auf einmal, sagt er, geht nicht – entweder bio oder regional oder saisonal.

Mähdrescher bei der Agrargenossenschaft "Hellbach" in Neubukow in (Mecklenburg-Vorpommern) bei der Ernte von Weizen im August 2019.
Mähdrescher bei der Agrargenossenschaft "Hellbach" in Neubukow in (Mecklenburg-Vorpommern) bei der Ernte von Weizen im August...Foto: Bernd Wüstneck/dpa

Ist das eine Chance für die Nicht-Bio-Branche in der Region? Die Brandenburger Ernährungswirtschaft hofft auf jeden Fall, mit Berlin stärker ins Geschäft zu kommen. 57.000 Menschen arbeiten in der Lebensmittelprodukten, rund 3400 Betriebe gibt es in Brandenburg. Das mit der Berliner Ernährungsstrategie verbundene Ziel, die regionale Versorgung mit Lebensmitteln zu erhöhen, sei eine „große Chance“, sagt Detmar Leitow, der das Cluster Ernährungswirtschaft managt. Neben den bereits gewachsenen Beziehungen zwischen regionalen Produzenten und Berliner Lebensmittelhändlern sieht Leitow vor allem im Außer-Haus-Markt und bei der Gemeinschaftsverpflegung Potenzial. Dabei biete die Gemeinschaftsverpflegung „besondere Möglichkeiten für eine politische Flankierung“, meint er.

Brandenburger Klassiker: In der Firma Spreewaldmüller in Lübbenau im Spreewald südöstlich von Berlin werden im Einlegegurken von Mitarbeiterinnen sortiert (Bild aus dem Juli 2019). Vielerorts im Spreewald wird noch auf produktschonende Handarbeit Wert gelegt. Die 25 Mitarbeiter des Familienunternehmens verarbeiten täglich zwischen 15 und 18 Tonnen Gurken.
Brandenburger Klassiker: In der Firma Spreewaldmüller in Lübbenau im Spreewald südöstlich von Berlin werden im Einlegegurken von...Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB

Doch solange der Fokus in Berlin auf Bio liegt, könnte das schwierig werden. Der Ernährungsrat besteht auf diesem Kriterium und macht sich stark für regionale Wertschöpfungskreisläufe. Obwohl Berlin der größte Biomarkt Europas ist, kommen nur rund 15 Prozent der Biolebensmittel, die im Berliner Biofachhandel angeboten werden, aus Berlin und Brandenburg, kritisiert das Gremium. Urban Farming, meint Frank Nadler, kann das Problem nicht lösen. „Wir brauchen das Umland.“

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