300 Jahre Baron Münchhausen : Lizenz zum Lügen

Keiner flunkerte so gut wie er. Seinen Nachfahren wird bis heute misstraut. Kaum zu glauben: Baron Münchhausen feiert seinen 300. Geburtstag.

Der sagenhafte Baron. Der Leipziger Künstler Thomas M. Müller hat die Geschichten rund um Münchhausen für eine Neuausgabe frisch illustriert.
Der sagenhafte Baron. Der Leipziger Künstler Thomas M. Müller hat die Geschichten rund um Münchhausen für eine Neuausgabe frisch...Abb.: © Thomas M. Müller/Faber & Faber

Da ist er doch! Der Beweis. Ein eindeutiger, nicht zu bezweifelnder, ausgestopfter Hase, mit acht Läufen, vier unter dem Körper und vier auf dem Rücken. Klar, dass ein solcher Hase besonders schnell und ausdauernd ist, braucht er sich doch nur auf den Rücken zu werfen, wenn die ersten vier Beine müde sind.

Diesen Prachtkerl konnte nur ein Münchhausen schießen! Eben jener Münchhausen, der einem Hirsch mangels Schrot Kirschkerne in den Kopf jagte und ein Jahr später denselben Hirsch im Wald antraf, mit einem Kirschbaum auf dem Kopf. Auch dafür ist hier, im Münchhausen Museum in Bodenwerder, der Beweis zu sehen: ein Geweih mit Kirschzweigen drauf. Es hängt an der Wand so ernsthaft wie andernorts ein Kruzifix.

Bei rotem Punsch und Tabak

Lügen, wohin man blickt. Eins aber steht fest: In Bodenwerder, einem kleinen Fachwerkörtchen an der Weser in der Nähe von Hameln, ist Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen vor 300 Jahren geboren worden. Hier hat der Freiherr jahrzehntelang gelebt und in der weißen „Münchhausen-Grotte“ am Hang seinen Jagdfreunden bei rotem Punsch und Tabak Geschichten erzählt.

Jeder Brunnen, jedes Denkmal, jedes Spielgerät in Bodenwerder erinnert an seine angeblichen Heldentaten: Wie der Aristokrat auf einer Kanonenkugel ritt, um eine gegnerische Festung auszuspionieren und mitten im Flug umkehrte; wie er im Winter sein Pferd an einen Pfahl band und am nächsten Morgen feststellte, dass es an einer Kirchturmspitze hing – weil der Schnee ringsum geschmolzen war. Am Brunnen vor dem Fachwerk-Herrenhaus, in dem Münchhausen geboren wurde, steht ein halbes Pferd mit dem Baron drauf. Der „Litauer“ wurde von einem Fallgitter in zwei Hälften geteilt – und das merkte sein adliger Reiter erst, als das Tier immer weiter soff, weil das Wasser hinten wieder rauslief.

Die schöne Seite des Lügens

Die Geschichten rund um Münchhausen sind weltbekannt und in über 40 Sprachen übersetzt. Haben sie uns heute noch etwas zu sagen? In einer Zeit, in der professionelle Lügner ihr Unwesen treiben, mit Fake News, Verschwörungstheorien und perfekt manipulierten Video-„Beweisen“, gegen die ausgestopfte Hasen mit acht Beinen ein Kinderspiel sind?

Vielleicht genau das: Sie zeigen die andere, die schöne Seite des Lügens. Die Wahrheit kann so anstrengend sein! Wie entspannend ist es da doch, mal kurz den Verstand auszuschalten und einem Erzähler zu folgen, der einem weismachen möchte, er sei an einer Bohnenranke zum Mond hinaufgeklettert.

Bitte mehr Augenzwinkern

Den Charme der Lügen à la Münchhausen hat Erich Kästner im Vorwort zu seiner Kinderbuchfassung 1938 so erklärt: „Durch Lügen kann man also berühmt werden? Freilich! Aber nur, wenn man so lustig, so phantastisch, so treuherzig und so verschmitzt zu lügen versteht wie Münchhausen, nicht etwa, um die Leser zu beschwindeln, sondern um sie wie ein zwinkernder Märchenerzähler mit ihrem vollen Einverständnis lächelnd zu unterhalten.“ Das Augenzwinkern ist es, das den Unterschied macht. Ein bisschen mehr Augenzwinkern und Leichtigkeit täte auch in unseren verbiesterten Zeiten not.

Freilich ist der historische Freiherr nicht identisch mit dem Ich-Erzähler der Buchfassungen. Lügengeschichten haben eine lange literarische Tradition, manche Münchhausen-Motive kommen schon beim antiken Autor Lukian oder in mittelalterlichen Schwanksammlungen vor, wie Tina Breckwoldt in ihrem hervorragend recherchierten und unterhaltsam geschriebenen Buch „Die ganze Wahrheit über Münchhausen & Co.“ aufzeigt. Aber nur Münchhausen ist auf der ganzen Welt zum Synonym für Erzähler fantastischer Geschichten geworden.

"Many lies", sagt der Grenzbeamte in Burma

Sogar in Burma – das erzählt die frühere „Zeit“-Redakteurin Anna von Münchhausen in ihrem amüsanten Buch "Mein fantastischer Vorfahr und ich" – habe ein Grenzbeamter im Pass ihres Vetters den Namen erkannt. „Er lachte ihn an und rief ,Many lies, many lies ...‘“ Manch ein deutscher Polizeibeamter oder Wirt nimmt Anzeigen oder Bestellungen von lebenden Mitgliedern der Münchhausen-Familie erst gar nicht an. „Wie heißen Sie? Aha. Und ich bin der Kaiser von China.“

Das Etikett „Lügenbaron“ für den historischen Freiherrn findet Anna von Münchhausen unfair. „Er war ein begabter Fabulierer. Gelogen ist, dass er ein Lügner war.“ Fest steht: Hieronymus wird am 11. Mai 1720 in eine weitverzweigte Adelsfamilie hineingeboren. Mit 13 verlässt der Junge Bodenwerder, um am braunschweigischen Hof in Wolfenbüttel als Page die höfische Welt kennenzulernen, mit 17 reist er nach Sankt Petersburg. Dort dient er dem braunschweigischen Herzog Anton Ulrich, der mit der designierten russischen Thronfolgerin Anna Leopoldowna verheiratet ist, als Leibpage. In des Herzogs Tross zieht Münchhausen in den Russisch-Österreichischen Türkenkrieg und erlebt die Kämpfe um die osmanische Festung Otschakow am Schwarzen Meer mit. Später wird er in Riga stationiert, kämpft möglicherweise im Russisch-Schwedischen Krieg und verbringt ansonsten viel Zeit auf der Jagd und mit den baltischen Landadligen. Er heiratet die Tochter eines Nachbarn, wird zum Kaiserlich-Russischen Rittmeister befördert, scheidet dann aber aus dem Militärdienst aus. Als 30-Jähriger kehrt er mit seiner Frau nach Bodenwerder zurück, wo er als Gutsherr bis zu seinem Tod lebt.

Krimineller Universalgelehrter

Verbürgt ist auch, dass Münchhausen gerne Geschichten erzählt. Sein Ruf verbreitet sich schnell über den Kreis seiner Jagdfreunde hinaus – aber aufgeschrieben hat er die geflunkerten Heldentaten nie. Wie sie dennoch weltberühmt wurden, das ist eine weitere fantastische Geschichte. Sie beginnt mit einer Lüge, oder vielmehr einem echten kriminellen Universalgelehrten namens Rudolf Erich Raspe. Der Naturforscher muss aus Deutschland fliehen, weil er Münzen aus der Sammlung des Landgrafen von Hessen-Cassel entwendet hat. In England stößt er auf eine in Berlin erschienene Sammlung „angenehmer Scherze, witziger Einfälle und spaßhafter kurzer Historien“, das „Vademecum für lustige Leute“. 16 Anekdoten darin werden einem „Herrn von M-h-s-n“ zugeschrieben. Raspe, der den echten Münchhausen möglicherweise in seiner Heimat kennengelernt hat, erkennt das Potenzial, das in ihnen steckt. Er übersetzt die Episoden und veröffentlicht sie 1785 anonym als „Baron Munchausen’s narrative of his marvellous travels and campaigns in Russia“.

"Bei einer Flasche im Circel seiner Freunde"

Das Buch wird ein Erfolg und findet im Gepäck eines englischen Studenten seinen Weg zurück nach Deutschland. In Göttingen liest es der Dichter Gottfried August Bürger und übersetzt es – sehr frei und mit neuen Episoden, unter anderem dem Ritt auf der Kanonenkugel – ins Deutsche. Sein Buch erscheint 1786 unter dem Titel „Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande, Feldzüge und lustige Abentheuer des Freyherrn von Münchhausen, wie er dieselben bey einer Flasche im Circel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt“, ebenfalls anonym und sehr erfolgreich.

Von da an ist der literarische Münchhausen in der Welt. Immer wieder wird der Stoff erweitert und verändert, illustriert und verfilmt: 1943 von der Ufa mit Hans Albers, 1988 von Terry Gilliam und 2012 mit Jan Josef Liefers in der Hauptrolle. Das Drehbuch zum Ufa-Film hat angeblich ein „Berthold Bürger“ geschrieben. Gelogen! Dahinter verbirgt sich Erich Kästner. Offiziell war dieser mit einem Berufsverbot belegt, er hatte aber, schwer zu glauben, eine Sondergenehmigung von Goebbels erhalten.

Der literarische und der verfilmte Münchhausen erleben Abenteuer, die der echte Hieronymus nicht erzählt haben kann. Der nämlich hat vermutlich vor allem Jagd- und Schneegeschichten fabuliert. Im Übrigen war Hieronymus vielleicht sogar besonders wahrheitsliebend. Otto von Blomberg jedenfalls ist dieser Meinung, ein Nachfahr, wenn auch nicht des kinderlos gebliebenen Barons, sondern einer seiner Schwestern. Er lebt unweit von Bodenwerder und hat eine Quelle aus dem 19. Jahrhundert aufgetan, in der es heißt, der Freiherr habe immer dann so richtig aufgedreht, wenn andere anfingen, Jägerlatein zu verzapfen: um diese jungen Angeber bloßzustellen. Nach dem Motto: Das ist doch noch gar nichts gegen das, was ich in Russland erlebt habe ...

Vor Wut gestorben

Als der echte Münchhausen, schon ein knorriger Alter, von den Buchfassungen Raspes und Bürgers erfuhr, war er so erbost, dass er laut Erich Kästner „vor Wut starb“. Der Freiherr hatte allerdings noch mehr Grund sich zu ärgern. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er mit 70 Jahren eine 17-Jährige, die den Greis in einen Scheidungskrieg verwickelte. Ihre Anwälte sollen das böse Wort vom „Lügenbaron“ als Erste verwendet haben. Verbittert und einsam starb Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen am 22. Februar 1797 und wurde in der Klosterkirche im Nachbardorf Kemnade bestattet.

Aber mit einer so traurigen Wahrheit darf ein Text über Münchhausen nicht enden. Deswegen zum Schluss eine vielleicht erlogene Geschichte aus dem „Vademecum für lustige Leute“, die es nicht in die späteren Fassungen geschafft hat. Der „Herr von M-h-s-n“ zeigt sich hier als Freund der schönen Künste, was er in Wahrheit wohl gar nicht war. Hier der Originalton von 1781: „Sie kennen die große Sängerin Gabrielle. Ich hörte sie in Petersburg; und ward äußerst entzückt von ihr. Kurz vor meiner Abreise lief ich zu ihr, bat und flehte und warf mich vor ihr auf die Knie, und bot ihr 100 Luisdor (mein damaliges ganzes Vermögen), bis sie endlich in das willigte, was ich mir von ihr wünschte. Sie gab mir einen ihrer schönsten Triller, der mich vorzüglich immer entzückt hatte; ich machte ihn in Spiritus ein, und bewahre ihn auf die Art noch. Ach, es ist ein Triller!“

Der Tagesspiegel plant eine viertägige Leserreise mit unserer Autorin, „Märchen, Lügen und Legenden: Münchhausen, die Grimms und Wilhelm Busch“. Vorausgesetzt, dass es bis dahin möglich ist, soll sie im Juli und im September stattfinden.