Berlinale-Chef Dieter Kosslick : „Joschka Fischer vereitelte mir den Scoop“

Für Jennifer Lopez organisierte er Haferkekse, mit Nicole Kidman sprach er über seinen Mundgeruch. Dieter Kosslick erinnert sich an seine 18 Jahre Berlinale.

Abschied nehmen. Im Februar bestreitet Kosslick seine letzte Berlinale.
Abschied nehmen. Im Februar bestreitet Kosslick seine letzte Berlinale.Foto: John MACDOUGALL / AFP

Herr Kosslick, in wenigen Tagen beginnt Ihre letzte Berlinale als Festivaldirektor. Wie erinnern Sie sich an Ihre allererste 2002?

Ganz schön mutig, was ich mir da zugetraut hatte. Im Grunde hatte ich nur ein halbes Jahr Zeit, um das Festival vorzubereiten. Mir war gar nicht klar, wie man es organisiert. Das waren andere Verhältnisse als heute. Bei meinem ersten und einzigen Besuch vor Amtsantritt in den Büroräumen wurde ich morgens um elf gefragt: Möchtest du einen Whiskey haben?

Geht heute nicht mehr. Was wollten Sie außerdem ändern?

Alles. Es sollte transparenter, weniger hierarchisch und vor allem lustiger werden. Und die Fanfare sollte weg.

Sie meinen die Musik, die bis dahin das Festival eingeläutet hatte.

Fanfaren klingen nach römischem Sandalenfilm. Die Musik und der Trailer sollten einen emotional auf ein Erlebnis vorbereiten. Uli M. Schueppel und Angelika Margull haben für uns eine funkelnde Sternenregenkugel kreiert, ein nicht mal 60 Sekunden langer Einspieler, der in der Kinderfilmsektion „Generation“ häufig als bester Kurzfilm bewertet wird.

Hatten Sie sich was Besonderes für die Eröffnung ausgedacht?

Corinna Harfouch als Künstlerin aus dem früheren Osten und Michael Ballhaus als Filmschaffender aus dem Westen sollten durch den Abend führen und damit symbolisieren, dass die Berlinale weiterhin Deutsch-Deutsches verbindet. Michael musste kurzfristig absagen, und Hanns Zischler übernahm. Dann ging alles holterdiepolter: Bundeskanzler Schröder saß vorne, ich in Reihe 20 hinter den Stars, und nichts klappte. Die Blätter mit den Ansagen waren verkehrt sortiert. Der arme Hanns Zischler schlug sich mutig durch das Konvolut. Jedes Mal, wenn Corinna Harfouch ans Mikrofon ging, pfiff es so laut, dass man sich die Ohren zuhalten musste. Wie wir später herausfanden, hatte sie Metallpailletten an ihrem Kleid, die zu Interferenzen führten.

Video
Letzte Berlinale mit Dieter Kosslick
Letzte Berlinale mit Dieter Kosslick

Sie sind dann aufgestanden.

Ich habe es nicht mehr ausgehalten, bin über die Stuhlreihen nach vorne geprescht und habe in meinem Schulenglisch eine 45 Minuten lange Rede improvisiert. Band-Chef Wolfgang Niedecken wartete im Orchestergraben, um mit BAP aufzutreten, und sagte später: Ich musste eine Dreiviertelstunde auf den Hintern des Kollegen Kosslick starren.

Am nächsten Morgen waren Sie froh, dass alles vorbei war.

Um fünf Uhr war ich im Bett, um acht konnte ich nicht mehr aufstehen. Der Stress hatte die Muskeln verspannt, ich musste einen Notarzt ins Hotel rufen. Jemand hat gesehen, wie er ins Hyatt reinging, aber er kam einfach nicht zu mir. Eine Stunde später stand der Aushilfsdoktor in meinem Zimmer, entschuldigte sich, weil in der Lobby vor ihm ein Berlinale-Gast ohnmächtig wurde und er Erste Hilfe leisten musste. Er sagte nur: Sorry, first come, first serve.

Heute können Sie darüber lachen.

Wissen Sie, mit der Berlinale verbinden die Leute seither, dass es Spaß macht, dorthin zu gehen. Dass ich meine gute Laune nicht verloren habe, das ist mir nach den 18 Jahren Mega-Stress, Desastern und Depressionen wirklich wichtig.

Dieter Kosslick

Dieter Kosslick, 70, wird am 7. Februar seine letzte Berlinale eröffnen. Es sind seine 18. Filmfestspiele, er hat ihnen zu viel Charme verholfen, neue Sektionen wie die „Perspektive Deutsches Kino“ oder die Nachwuchsplattform „Berlinale Talents“ eingeführt. Durch seine vorherige Tätigkeit als Chef der Filmförderung in Nordrhein-Westfalen war Kosslick bereits bestens vernetzt, er duzt sich mit Stars und Sternchen. „Unser Mann am roten Teppich“, hat „Die Zeit“ ihn einmal genannt. Aufgewachsen ist er in der Nähe von Pforzheim, er studierte in München und arbeitete ab den späten 70er Jahren in der Hamburger Senatskanzlei. In der Hansestadt begann auch seine berufliche Beziehung mit der Filmindustrie. 1983 wurde er Geschäftsführer des Hamburger Filmbüros.
In Berlin kennen ihn alle als den Mann mit dem roten Schal. Als er in seinem neuen Büro am Potsdamer Platz empfängt, trägt er – einen grünen Schal. Mit seiner Frau, der Produzentin Wilma Harzenetter, und seinem Sohn wohnt er im Hansaviertel.

Sie litten unter Depressionen?

Nicht im klinischen Sinn. Aber Sie müssen sich das mal vorstellen, wie Sie monatelang verhandeln, damit Jude Law, Renée Zellweger und Nicole Kidman zur Eröffnung kommen ...

... 2004 für den Film „Unterwegs nach Cold Mountain“ ...

Mehr zum Thema

... und drei Stunden vor der Premiere sitzt der Produzent auf der Pressekonferenz und fängt mit den Worten an: „The Berlinale and Dieter Kosslick are the greatest festival in the world.“ Da wusste ich, im zweiten Halbsatz wird er sagen, dass die Stars kurzfristig verhindert sind. Er sagte, er hätte jedem 250 000 Dollar für eine halbe Stunde auf dem roten Teppich geboten. Gut, das war keine Depression, sondern eine Katastrophe. Ich fuhr mit der Limousine am Berlinale-Palast vor, Tausende Fans und Fotografen, ich stieg aus dem Auto und sagte: „Morituri te salutant!“ Das riefen die Gladiatoren Nero zu: Die Todgeweihten grüßen dich. Diese Situation gab es zum Glück nicht wieder.