Cannes : Mit einer Krimiautorin über die Croisette

Die Deutsche Christine Cazon schreibt Krimis von der Côte d’Azur. Ihr Cannes ist das der kleinen Leute. Es zu finden, ist Detektivarbeit.

Gassenschlager. Das Viertel Le Suquet ist nicht immer so leer.
Gassenschlager. Das Viertel Le Suquet ist nicht immer so leer.Foto: Alamy Stock Photo

Es glitzert, es funkelt. Nicht nur in jenen zwei Mai-Wochen, wenn die Kamerateams und mit Gold behängte Hollywood-Prominenz in die Stadt kommen. Von hier oben, vom Gipfel der Altstadt aus betrachtet, schimmert Cannes in diesem speziellen Licht, das zum Glück nicht käuflich ist. Die Sonnenstrahlen brechen sich in den Wellen der Bucht, in den Windschutzscheiben der Porsches und Bentleys. Christine Cazon blinzelt und sagt: „Ich reibe mich noch immer an Cannes.“

Die 58-Jährige steht auf der Aussichtsplattform des Tour du Suquet und schaut auf die Stadt, die seit neun Jahren ihre Heimat ist. Diesem Ort verdankt sie ihren Erfolg als Krimiautorin, dennoch betrachtet sie ihn eher wie der Ermittler in ihren Geschichten einen Verdächtigen. Mittlerweile ist der sechste Band ihrer Regionalkrimis erschienen, in dem sie ihren Commissaire Léon Duval dort ermitteln lässt, wo viele nur Filmstars und rote Teppiche vermuten.

Das Klischee hat seine Berechtigung: Gucci, Chanel und Fendi lassen an der zwei Kilometer langen Hafenpromenade, der berühmten Croisette, ja nicht die Rollläden herunter, wenn die Filmwelt wieder abdampft. Der Glamourfaktor bleibt, Cannes zieht die Reichen und Schönen an, wie es sonst an der Côte d’Azur nur Saint-Tropez vermag. Christine Cazon kann damit wenig anfangen. Ihr Schmuck: knallbunt statt Karat. Ihre Figur: „eher deutsch“, wie die Kölnerin sagt. Ihr Cannes: „das der kleinen Leute.“ Es zu finden, ist Detektivarbeit. Der richtige Schauplatz also für ihre Krimis.

Ob Schriftsteller oder Kommissare, beide können nicht ohne Recherche

Erste Indizien finden sich hinter den Bahngleisen und der Schnellstraße, die fast parallel zur Croisette verlaufen und das kleine Stadtzentrum nach Norden hin begrenzen. Hier liegt das Cannes, von dem manche sagen, seine Bewohner seien etwas träge, nicht immer leicht zugänglich, untereinander aber durchaus geschwätzig. Cazon, die ursprünglich aus Köln kommt, und ihr Commissaire, ein zugezogener Pariser, haben diesen Menschenschlag beide erst einmal verstehen müssen. „Sein und mein Cannes, das ist mehr oder weniger dasselbe.“ Cazon sammelt Lokalgeschichten aus der Zeitung, erkundet die Stadt auf Spaziergängen, lässt sich von ihrem Mann Geschichten von früher erzählen. Sie freut sich über kleine Tischlereien im Viertel République, wird nostalgisch, wenn der letzte Bouquiniste durch den „Fit & Fight Club“ ersetzt wird, der seinerseits auch schon wieder geschlossen ist. Gegenüber hat gerade der erste Unverpackt-Bio-Laden aufgemacht, um die Ecke haben die Leute in den 50er Jahren noch Kühe und Hühner auf ihren Grundstücken gehalten. Hier ist es besonders schwierig, zu sagen, was Cannes ist: Stadt oder Dorf?

In Cazons Geschichten ist es urban und provinziell, ist nicht bloß Tatort. Ihr Ermittler unterbricht die Arbeit häufig für Schlemmereien oder ausgedehnte Mittagsschläfchen. Beim Essen treffen sich Krimi-Fiktion und Wirklichkeit: Kulinarik ist den Einwohnern von Cannes wichtig, unter eineinhalb Stunden Mittagspause kommt hier kaum einer zurück ins Büro. Und die macht Christine Cazon, macht auch ihr Commissaire gern im kleinen Restaurant „La Meissounière“, wenige Schritte vom Bahnhof entfernt, wo Cannes wie eine normale südfranzösische Stadt aussieht. Cazons Krimis werden dann zu kleinen Reiseführern.

Spurensucherin. Christine Cazon zog von Köln an die Côte d'Azur. In ihren Büchern beschreibt sie das Cannes abseits des Glamours.
Spurensucherin. Christine Cazon zog von Köln an die Côte d'Azur. In ihren Büchern beschreibt sie das Cannes abseits des Glamours.Foto: Kiwi/Welchering

Ob Schriftsteller oder Kommissare, beide können nicht ohne Recherche. Und praktisch kein Krimi ohne Mord im Hafenviertel. Die Arbeiter werfen spätabends ihre Netze kurz hinter dem Hafen aus, um sie morgens wieder einzuholen. Harter Job, machen rund um Cannes nur noch etwa 30 Männer, oft unterstützt durch ihre Familien. In Cazons Geschichte wird ein junger Fischer erschossen. Um an Informationen zu kommen, kauft Léon Duval auf dem Marché Forville, dem Markt, einen Barracuda, lässt sich genau erklären, wie man das riesige Tier zubereitet, und erfährt nebenbei, was die Fischer bedrückt. Ständig wechselnde Fang-Auflagen, die Konkurrenz der großen Betriebe und Supermärkte, Angst vor Verdrängung von ihren angestammten Liegeplätzen.

Manchmal setzt sie mit der Fähre auf die Île Sainte-Marguerite über

Besitzer von Yachten und Segelbooten haben jetzt im Hafen das Sagen. Christine Cazon muss das nicht erfinden, sie ist Stammkunde bei den Fischständen in der Markthalle. Kurzer Plausch mit den Verkäufern, dann geht es weiter.

„Am Wochenende ist das Angebot am besten, dann kommen auch ältere Mütterchen aus der Umgebung, verkaufen ihre paar Zwiebeln, Äpfel und das, was der Haselnussstrauch im Garten abwirft.“ Christine Cazon stand nie gern in der Küche. Seit sie Zucchini, Tomaten und Auberginen kaufen kann, die ihren Namen verdient haben, hat sich das geändert. Die Freundin des Commissaire kocht ein Ratatouille, das genau so bei ihr auf dem Tisch landet.

Manchmal, wenn Cazon die Stadt zu viel wird, setzt sie mit der Fähre auf die Île Sainte-Marguerite über. Die Übelkeit, die dabei in ihr aufstieg, ließ sie ihren Kommissar Léon Duval gleich auch durchleben. Der begibt sich hier auf Spurensuche nach dem Mord an einem Matrosen. Die Realität ist zum Glück friedlicher. Wer über den Steg und das klare türkisfarbene Wasser läuft, lässt alles hinter sich: das beständige Knattern und Hupen der Mofas, die reichen Rentnerinnen, die Baustellenwege, auf denen doch tatsächlich rote Teppiche liegen.

In der alten Festung buchtete einst Louis XIV. den mysteriösen „Mann mit der eisernen Maske“ ein, den Alexandre Dumas fast 150 Jahre später literarisch verarbeitete. Heute kann man in der Anlage freiwillig übernachten. Auch Christine Cazon war schon Gast, aus Recherchegründen für ein weiteres Krimi-Abenteuer.

Die Autorin geht durch das Netz aus schnurgeraden Platanen-Alleen. „Ich habe mich hier schon öfter verlaufen, Léon Duval natürlich ebenfalls.“ Macht nichts, es lässt sich aushalten zwischen den Schirmpinien, deren rissige Rinde aussieht wie die Terracottaschindeln, die man vom Tours du Suquet aus sieht. „So ist Cannes fast am schönsten“, sagt Christine Cazon. „Mit ein wenig Abstand.“

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