Das Ende der Risikovermeidung : Für die Zeit nach Corona brauchen wir eine neue "Trial-and-Error-Kultur"

Wie wird die Zukunft nach der Krise aussehen? Wir brauchen Mut - für einen interdisziplinären Austausch und eine breite gesellschaftliche Debatte. Ein Gastbeitrag.

Stefan Brandt
Wie sieht die Zukunft aus? Hier ein kleines Modell eines Bauernhof aus dem 3D-Drucker im Futurium.
Wie sieht die Zukunft aus? Hier ein kleines Modell eines Bauernhof aus dem 3D-Drucker im Futurium.dpa

Stefan Brandt ist Direktor des Futuriums, dem Haus der Zukünfte in Berlin.

Außergewöhnliche Krisenlagen erkennt man nicht zuletzt daran, dass sie ein extrem breites Prognosespektrum über die „Zeit danach“ hervorbringen. So gesehen muss es sich bei der Covid-19-Pandemie um ein epochales Ereignis handeln, denn die Zukunftsdeutungen für die „Nach-Corona-Zeit“ reichen von dystopischen Szenarien wie dem Zusammenbruch der Demokratien bis hin zu Utopien über eine klimagerechte Welt.

Es mutet freilich gewagt an, eine Ausnahmesituation, in der im Wesentlichen „auf Sicht“ gefahren werden muss, als stabile Absprungbasis für ausgreifende Zukunftsvisionen zu nutzen. Die vermeintlichen Erkenntnisse von heute erweisen sich oft schon morgen als obsolet.

An der Tatsache, dass niemand die Zukunft voraussehen kann, hat sich durch Corona nichts verändert. Doch ist das eigentlich ein Problem? Ein Vordenker der Zukunftsforschung, der Technikphilosoph Armin Grunwald, ermunterte schon 2018 dazu, die Unsicherheit des Zukunftswissens als Bedingung des Menschseins wertzuschätzen, weil sie untrennbar mit Erwartungen an die Gestaltbarkeit der Zukunft verbunden sei.

"Eine Art Entdeckungsreise"

Unsicherheit als Chance, ja als Voraussetzung, um überhaupt ernsthaft Zukunftsgestaltung in den Blick nehmen zu können – das mag in einem Land exotisch erscheinen, das lange Zeit unter dem Motto „Keine Experimente“ beeindruckende Erfolge gefeiert hat. Vielleicht ist es kein Zufall, dass aus dem besonders von der Krise heimgesuchten Italien derzeit andere Töne zu vernehmen sind.

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Der Mediziner Silvio Brusaferro, Präsident des mit dem Robert-Koch-Institut vergleichbaren Obersten Gesundheitsinstitutes ISS, ließ mit unkonventionellen Gedanken über die Zeit „post Coronam“ aufhorchen: „Es ist eine Art Entdeckungsreise, die wir alle gemeinsam unternehmen werden. […]

Die Fantasie und die Innovationsfähigkeit unseres Landes werden dabei helfen, uns die Dinge auch anders vorstellen zu können.“

„Entdeckungsreise“ und „Fantasie“ – das sind nicht gerade Formulierungen, die wir Deutschen mit dem Thema Zukunftsfähigkeit verbinden. Wir suchen gern Sicherheit in datengestützten Szenarien, die letztlich Extrapolationen der Gegenwart darstellen. Doch mit diesem linearen Planen der Zukunft könnte nun Schluss sein.

Neue Dialoge dank Bürgerräten?

Wir werden wohl akzeptieren müssen, dass es viele denkbare Lösungswege für die existenziellen Herausforderungen gibt, denen wir uns gegenübersehen. Welche der unterschiedlichen „Zukünfte“ bzw. Zukunftsoptionen tatsächlich Teil unserer gemeinsamen Zukunft werden sollen, bedarf einer breiten gesellschaftlichen Debatte.

Hierfür sind neue Formen des Dialogs zwischen Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Zivilgesellschaft notwendig, analog wie online. Vielleicht sind ja die seit einiger Zeit erprobten Bürgerräte mit ausgelosten Teilnehmer*innen ein ausbaufähiger Ansatz.

Doch auch hier werden wir noch viel mehr Fantasie benötigen, um überzeugende Lösungen zu finden. Statt Risikovermeidung ist eine neue „Trial-and-Error-Kultur“ notwendig, die auch Scheitern zulässt. Zukunft geht uns alle an. Wir alle müssen uns freilich zutrauen, die Frage „Wie wollen wir leben?“ in aller Deutlichkeit zu stellen und die Debatte darüber einzufordern.

Balance zwischen Globalisierung und Lokalisierung

Dann werden jene Themen auf die Agenda kommen, die im neuen Corona-Alltag bereits anklingen: Ist das „Höher-Schneller-Weiter“ gleichsam ein Naturgesetz – oder finden wir erfüllende Wege der Entschleunigung?

Wollen wir nach der Krise zurück zum ökonomischen Status quo, in dem die
Produktionskette für ein Kleidungsstück zehn und mehr Länder umfasst – oder finden wir eine andere Balance zwischen Globalisierung und Lokalisierung?

Wollen wir den Massentourismus der Vor-Corona-Zeit wiederbeleben – oder können wir Erholung und Welterfahrung auch auf nachhaltige Weise suchen? Aus diesen und vielen weiteren Fragen setzt sich „Wie wollen wir leben?“ zusammen.

Interdisziplinäre Anstrengung erforderlich

Um eine solche Debatte mit substanzhaltigen Vorschlägen anzureichern, kann die Wissenschaft als gesellschaftlicher Impulsgeber fungieren. Bereits jetzt fällt auf, wie sehr die Politik bereit ist, bei der Bekämpfung der Pandemie auf die Empfehlungen der (medizinischen) Expert*innen zu hören. Das macht Mut für die Auseinandersetzung mit künftigen Problemlagen.

Um Vorschläge für die Gestaltung des „Lebens danach“ zu erarbeiten, ist eine interdisziplinäre Anstrengung von gewaltigem Ausmaß erforderlich. Die besten Köpfe des Landes sollten die Bundesregierung in einem Begleitgremium beraten, in dem neben Mediziner*innen auch Wirtschaftswissenschaftler*innen, Soziolog*innen, Kulturwissenschaftler*innen und viele andere zusammenarbeiten.

Abstand halten - zu einfachen Lösungen

So gesehen birgt der harte Einschnitt womöglich eine Chance: zu einem Innehalten, nach dem wir viele Probleme bewusster in den Blick nehmen können, als uns dies vor Corona gelungen ist.

Dafür sollten wir ein gerade hochaktuelles Prinzip auch auf unser Denken übertragen: Abstand halten – vor allem von Schnellschüssen und (zu) einfachen Lösungen. Auf diese Weise kann uns dann wiederum die Annäherung an die große Aufgabe gelingen, die wir nur gemeinsam lösen können: die Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft.