zum Hauptinhalt
Alles für einen. Die Immobilienmaklerin Leslie Rossi steht vor ihrem Trumphaus und winkt den vorbeifahrenden Pendlern zu. Zur Sicherheit hat sie Kameras im Garten.

© Schweppe

Wallfahrt nach Pennsylvania: Ein Haus für Donald Trump

Leslie Rossi hat ihr Haus zum Trump-Tempel gemacht. US-Flaggen-Anstrich, Riesenstatue des Kandidaten im Vorgarten. Die Pilgerstätte ist ein Magnet

Die Messe beginnt heute früh, und es ist die Hölle los. Schon von Weitem sehen die Anhänger ihre Kirche, spüren die Kraft ihres Gottes. Sie strömen auf die Wiese, lassen ihre Autos zurück und hasten herüber. Sie wollen ihm jetzt ganz nah sein, auch den anderen Jüngern. Ihr Angebeteter hat leuchtend blondes Haar, seine Wangen schimmern orange. Er wird die Zukunft bringen, sagen sie. „Einen wie Trump gab es noch nie. Er hat mir die Hoffnung auf ein besseres Morgen zurückgebracht“, verkündet einer am Gartenzaun. So beginnen die Tage in Latrobe, Pennsylvania.

Es ist ein kleiner Ort vor den Toren Pittsburghs, der alten Stahlstadt. Hier thront das Appalachen-Plateau, der tosende Monongahela River fließt mit dem Allegheny zusammen. Der Talkessel ist eine Industrieregion, Landstrich ehrlicher Arbeiter. Das lokale Bier kennt man im ganzen Staat, Rolling Rock. Kleine, grüne Flaschen. Und gäbe es Leslie Rossi nicht, diese zierliche Frau mit den braunen Locken, es wäre wohl dabei geblieben. Latrobe wäre am Ende doch irgendein Ort irgendwo in Pennsylvania, USA. Aber es kam anders. Leslie Rossi schuf ihre eigene Kirche, baute aus ihrem Haus einen Schrein für Donald Trump.

Es ist nicht zu übersehen. Das Haus, von Trump-Bannern und Schildern umstellt, hat zwei Stockwerke und ist bis zum Dach bemalt. Rote und weiße Bahnen, jeweils acht Stück, einmal rundherum. Im blauen Teil des Hauses, links oben, blitzen weiße Sterne in der Sonne. Ein Haus wie die Amerika-Flagge.

„Die Menschen kommen jeden Tag zu mir, sogar von weit her“, sagt Leslie Rossi. Sie kommen, um sich selbst in ihrem Glauben an Donald Trump zu bestärken, seine Botschaft zu verbreiten: Amerika soll wieder groß und mächtig werden. Auf der Rückseite des Trumphauses steht der Angebetete, fast fünf Meter hoch, in Anzug und Krawatte. Rossi hat Fotomotive ausgesucht und sie von einem Handwerker aus dem Ort auf Blech pressen lassen. Vier Teile waren es insgesamt, am Ende haben sie alles auf Holz genagelt und aufgestellt. Die Füße der Statue sind mit Beton im Boden verankert. Na klar, das habe sie auch einiges gekostet - wie viel, möchte Leslie Rossi nicht verraten. „Das war es wert.“

Die Pilger kommen in Scharen: auf Krücken und Motorrädern, in Pick-ups oder der Corvette. Sogar ein Brautpaar machte hier Station und schoss Hochzeitsfotos vor dem Trumphaus. Manche bringen ihre Haustiere mit, Hunde tragen hier Trump-Shirts. Sogar Rentner mit Atemschläuchen in der Nase ruhen sich auf der Veranda aus und schwärmen von Donald Trump. Viele bleiben mehrere Stunden hier, erzählen, von wo sie kommen und wohin sie fahren. Doch vorher machen die meisten als Erstes ein Foto. Sie fassen der Statue an die Hände und blicken zu dem riesigen, orangefarbenen Gesicht hoch. So stehen sie da und kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Donald, my Donald.

Für Trump sind Unterstützer wie Leslie Rossi wichtig

Für Trump sind Unterstützer wie Leslie Rossi wichtig. Gerade hier in Pennsylvania. Der Staat ist ein entscheidendes Puzzleteil bei den Präsidentschaftswahlen, ein Swing State. Pennsylvania, Florida, Ohio - wer Präsident werden will, muss hier gewinnen. Nach der Veröffentlichung seiner frauenverachtenden Kommentare sind die Umfragewerte für Trump überall gesunken.

Doch es gibt weiter Teile auf der Landkarte, die aller Voraussicht nach an Trump gehen werden: Staaten des Mittleren Westens und des Südens, Land der Republikaner. Es sind Staaten wie Louisiana, Utah und Mississippi. Auch Montana, South Dakota und Tennessee wird Trump wohl gewinnen.

Viele Wähler dort setzen längst mehr auf Emotionen als auf Fakten oder gar Vernunft. Trump ist ihr Blitz und Donner in einem. Er soll das Establishment von Washington hinwegfegen. Wer Trump wählt, wählt den Protest. Das haben alle die Staaten gemeinsam, auf die Donald Trump hoffen kann. Auch seine lokale Grassroots-Bewegung in Pennsylvania hält treu zu ihm. Mehr als 30 000 enttäuschte Wähler sollen sich in Pennsylvania schon von den Demokraten losgesagt haben. Und Leslie Rossi empfängt sie mit offenen Armen.

Es ist Mittwoch am Trumphaus. Ein grauer Pick-up fährt vor, der Fahrer trägt ein orangefarbenes Poloshirt. Bill. Kein guter Name für diesen Ort. „Trump ist doch schon gewählt“, bricht es aus ihm heraus. Er schreit fast. „Donald hat doch schon gewonnen - ist das hier die Party zur Amtseinführung?“ Man kennt Bill schon, er kommt öfter, heute zum zweiten Mal. Und allein vergangenen Sonntag waren 800 Leute hier, sagt Leslie Rossi. Viele lassen Botschaften da.

Es kommen Menschen in Badelatschen, Army-Shirts, Polizisten, alte Frauen mit Amerika-Fahnen. Mädchen mit Kleid und Krone. Leslie Rossi und ihre Mission sind bei ihnen fast genauso beliebt wie Donald Trump selbst.

Rossi ist 45, zog acht Kinder groß

Rossi ist 45, zog acht Kinder groß. Sie hat sich in der Gegend einen Namen als Immobilienmaklerin gemacht. Eine starke Frau, eine der wenigen, die Trump wählen. Vor einem Jahr, einer entscheidenden Phase in diesem rasanten Wahlkampf, kam Leslie Rossi nach Hause und erzählte ihrer Familie, sie wolle sich mehr in die Politik einmischen. „Die Leute sollten zu den Vorwahlen kommen. Ich musste ein Zeichen setzen.“

Als Maklerin verkauft sie Häuser und Ländereien rasch weiter oder vermietet sie. Mit dem leer stehenden Apartmenthaus in Latrobe, unweit von ihrem eigenen Zuhause, lief es anders. Leslie Rossi sah ihre Gelegenheit. Das Haus liegt direkt an der Route 982, jeden Morgen rollen die Pendler vorbei zur Arbeit.

Im vergangenen Herbst schlug Leslie Rossi die ersten Pfähle in den Boden, es folgten Holztafeln und Schilder. Mittlerweile kommt Rossi nach dem Frühstück, bringt zwischendurch ihre Kinder zur Schule oder zum Eishockey-Training. Dann fährt sie wieder zurück.

Sticker, Hüte, Fahnen: Für Trump-Pilger ist das alles kostenlos

Verehrt. Fünf Meter hohe Trump-Statue im Garten der Pilgerstätte.

© Schweppe

Vor einigen Tagen stand nach Einbruch der Dunkelheit eine Frau aus Arizona vor der Tür. Leslie Rossi faltete drinnen gerade ein paar T-Shirts - und lud die Reisende zum Dinner ein. Vorher zeigte sie ihr noch die Pilgerlisten des letzten Monats: ein Papierstapel so dick, dass er in zwei Aktenordner passen würde. Leute aus Iowa, Utah, Kentucky. Viele bringen Geschenke mit: ein Armband mit silbernen Trump-Anhängern. Oder Cupcakes mit USA-Fähnchen.

Der Wind pfeift über die Veranda mit den weißen Schaukelstühlen. Rossi hat Pizza bestellt. Da tritt ein alter Weggefährte vor Rossis Yukon-Truck. Karohemd und Khakis, silberne Haare und Hörgerät. Kein Name, keine Erklärungen. Aber er hat Bier dabei, viel Bier. „Oh Honey!“ - Leslie Rossi kennt den Mann. Er lädt das Bier in ihren Kofferraum, sein Blick streift zufrieden die Trump-Sticker neben dem Tankdeckel. So bedankt er sich für Leslie Rossis Dienste. „Das musst du wirklich nicht alles machen“, ruft die Hausherrin - und sagt, dass er ihre Lieblingssorte erwischt habe. So geht das seit dem Vormittag.

Die Leute strömen herbei, stiefeln ums Haus

Die Leute strömen herbei, stiefeln um das Haus, Runde um Runde. Sie posieren neben dem überdimensionalen Donald Trump, den Tafeln und Schildern, lassen sich vorm Haus fotografieren. Vor der Veranda steht ein Pavillon, der vor dem Wind schützt. Wer ins Innere des Hauses will, um sich für die Wahl registrieren zu lassen, muss sich anstellen. Die Schlange wird gegen Mittag immer länger.

„Diese Massen sind der Wahnsinn“, sagt Leslie Rossi. „Ich würde gerne wissen, ob ein Clintonhaus genauso funktionieren würde.“ Die Antwort für sie ist klar - würde es nicht. Denn für Rossi gibt es nur einen Gott. „Wenn ihr ihn nicht mögt, braucht ihr gar nicht erst bleiben“, sagt sie zur Begrüßung. Aber die Leute hier mögen Trump, das merkt man schon auf dem Highway. Je näher man Rossis Haus kommt, desto größer wird die Schilderdichte. Zum Beispiel Pinoccio-Hillary: „Trust me, I lie about everything“ oder bloß: „Schickt sie in den Knast!“

Die Großstadt mag in Hand der Demokraten sein, - Pittsburgh hatte seit den 30ern immer einen demokratischen Bürgermeister -, aber hier draußen zählt das nichts. Es ist der Teil des Landes, der zum Rust Belt gehört. Amerikas alter Stahl- und Kohleofen. Er hat das Land über Jahrzehnte versorgt. In Latrobe leben viele weiße Mittelständler, die hart und lange gearbeitet haben, bis die Jobs in den Kraftwerken und Stahlfabriken gestrichen wurden. Viele geben auch Präsident Barack Obama, dem Greenkeeper, die Schuld daran.

Trump umgarnt diese Klientel mit allem, was er hat

Trump umgarnt diese Klientel mit allem, was er hat. Regelmäßig kam er zuletzt nach Pennsylvania, versprach neue Jobs und die Rückkehr der Kohle. Trump malte einen Wirtschaftskrieg gegen China aus, das Land, das den US-Markt mit billigem Stahl flutet. Das kam gut an. Auch das Footballteam von Pittsburgh hat seinen Namen aus der Industrie, Steelers. Deren Logo schmückt auch Rossis Schlüsselband.

„Trump ist mein Mann“, schwärmt Leslie Rossi, „Amerika hatte noch nie einen solchen Kandidaten! Er sagt, wie es ist. Er ist ein Geschäftsmann. Obama hat uns nur geschadet, und Hillary? Oh, Gott.“ Sie könne einfach keinen Kandidaten wählen, der Obamacare nicht sofort wieder rückgängig machen würde. Ihr Schwiegervater führt einen kleinen Betrieb, und als Geschäftsfrau kennt Rossi die Kosten, die die Krankenversicherung verursacht. „Das brachte mich zu Trump, der macht da nicht mit.“

Leslie Rossi bleibt ihrem Kandidaten treu - auch wenn ihm immer mehr Frauen sexuelle Übergriffe vorwerfen. „Wer denkt, dumme Geschichten von vor elf Jahren würden uns stoppen, irrt sich. Niemand kann uns stoppen!“ Rossi wirkt fast wütend, als sie das sagt. Auch Trumps Beleidigungen gegen Einwanderer aus Lateinamerika haben für sie nichts geändert. Nicht der Rede wert.

Drinnen im Trumphaus, hinter der knarzenden Treppe, nutzt Leslie Rossi das erste Zimmer für ihre Gäste. Es ist Schrein und Fanshop in einem. Alles, was sie hier verteilt, kauft Rossi in Massen ein. Das ist billiger, aber immer noch teuer. Die Maklerin lächelt wieder nur, über Geld will sie nicht reden. Nur so viel: Bezahlt wird sie für ihren Einsatz nicht. Im Gegenteil, Rossi arbeitet weniger als Maklerin und muss, je länger der Wahlkampf dauert, immer mehr Rechnungen bezahlen. Tausend Dollar haben die Arbeiten am Haus und die Farbe gekostet. Im Fanshop stapeln sich Baseballmützen, die Trump selbst gern trägt, einfarbig, made in America. „One hat only“, hat Rossi aufs Regal geschrieben, jeder nur eine. Es gibt Kästen voller Buttons - blaue, gelbe, pinke, „Hot Chicks for Trump“ steht auf manchen. Da sind Sticker und Schlüsselbänder. Für Trump-Pilger ist das alles kostenlos.

Auf dem Flur, der ins Innere des Hauses führt, hängt das nächste überlebensgroße Porträt von Donald Trump. In einer Kammer registriert Rossi potenzielle Trump-Wähler. Denn nur wer registriert ist, darf über den nächsten Präsidenten abstimmen. Die Luft ist stickig, das Licht schummrig. „Ist aber einfacher, wenn ich das hier mache. Dann müssen die Leute nicht erst in irgendein Büro fahren“, sagt Rossi. An den Präsidentschaftswahlen nimmt in der Regel nur gut die Hälfte der Wahlberechtigten teil. Vielleicht werden es dieses Mal mehr, wie immer, wenn der Wahlkampf besonders kontrovers ausfiel. Jetzt steht gerade wieder einer bei Rossi in der Tür, der auf ihre Liste genommen werden will. Der Mann reicht ihr den Pass, gibt Telefonnummer und die letzten vier Ziffern seiner Sozialversicherungsnummer an. Fertig.

Latrobe zieht auch Ketzer an

Latrobe zieht auch Ketzer an. Der Fünf-Meter-Trump in Leslie Rossis Vorgarten hat ein paar Dellen. „Irgendwann haben die Leute angefangen, Blumentöpfe zu schmeißen“, sagt Rossi. Seitdem gibt es Kameras am Haus, eine Nachtwache hält die Stellung. Sieben Verdächtige sind festgenommen worden. Vandalen im Vorgarten des Allmächtigen. „Einmal stand wieder so ein Mann vor meiner Tür - und zog einfach die Hose aus“, sagt Rossi. Das meiste lächelt sie weg, für alles andere hat sie ihre Helfer. Auf dass in Latrobe Recht und Ordnung herrschen möge. Law and Order, das hat auch Donald Trump seinen Wählern versprochen.

Leslie Rossis Mann sorgt sich trotzdem um seine Frau, sagt, dass sie mit diesem Andrang nie gerechnet habe. Am Anfang wollte sie einfach Menschen zum Wählen bringen. Inzwischen ist seine Frau den ganzen Tag über im Einsatz - gegen Washington und das System.

Leslie Rossi ist sich sicher: Auf ihren Staat wird es am 8. November ankommen. Die letzten Umfragen sahen Hillary Clinton in Pennsylvania vorn. Es wird eng für Trump. Der Kandidat selbst hat jedenfalls schon seinen Segen nach Latrobe geschickt. „Danke an die Rossi-Familie. Ich werde euch nicht enttäuschen“, steht neben der Tür geschrieben. Es ist ein Tweet von Trump, sie hat ihn laminiert und aufgehängt. Als Reliquie der Pilgerstätte.

Christian Schweppe

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
showPaywallPiano:
false