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Diese Aussicht will natürlich jeder Reisende haben: vom Zimmer im Ca' di Dio aus.
© Ca' di Dio

Unsere Hotelkolumne für Venedig: Eine Nacht im Ca' di Dio

Vor den Fenstern Kuppeln und Türme, flitzende Boote und schaukelnde Gondeln. Und dann noch diese herrliche Ruhe. Ein Besuch zur Biennale in Venedig im ...

Draußen tuckern die Vaporetti auf dem Wasser und schaukeln die Besucher zur Biennale, die vergangene Woche begonnen hat. Manche laufen am Kai mit Jutebeuteln entlang und blinzeln die hell verputzte Fassade hinauf. Über einen ganzen Block erstreckt sich ein eiergelbes Gebäude: vier Etagen, relativ schmale Fenster, eine größere Eingangstür zur Linken, mehr sieht der Passant nicht. Könnte dieses beinahe prunklos wirkende Haus ein Design-Hotel sein?

Das vor kurzem eröffnete Ca’ di Dio nimmt das Wort Understatement ziemlich genau. Von außen wirbt es kaum mit Namen, Flaggen oder Portiers. Frisch eröffnet zwischen zwei Pandemiewellen, scheint das Hotel ziemlich viel daran zu setzen, der Laufkundschaft den Spontanzutritt nicht gerade nahe zu legen und eine Diskretion einzufordern, die einem Schweigekloster nahekommt.

Tritt der Gast einmal ein, hat er wortwörtlich die Hemmschwelle überschritten, braucht sie oder er auch gar nicht viel zu sagen. Der hohe Raum spricht für sich: Holzdielen auf dem Boden, eine Sofa-Insel in der Mitte, eine hohe Decke, von der ein Gebilde herunterhängt, das viel Liebe für Geometrie verrät. Sind das zwei ineinander verschränkte Zäune mit Perlenbesatz oder futuristisch aussehende Leuchten? Vermutlich beides. Man ist ja direkt im Kunstviertel von Venedig, nahe dem Arsenale und den Giardini, wo die Kunstbiennale läuft.

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Entworfen hat die Inneneinrichtung die bekannte Designerin Patricia Urquiola. Die Spanierin wirkt und lebt in Mailand, für dieses Gebäude aus dem 13. Jahrhundert hat sie warme Farben – dunkelgrün, petrolfarben, nussbraun – mit weichen Stoffen kombiniert. In der Bibliothek, gleich rechts von der Rezeption, schauen Gäste hinaus auf die Lagune, vor sich runde Messingtische, hinter sich Kuschelcouches zum Anlehnen.

Und erst die Aussicht von den Zimmern, die nach vorne hinaus gehen! Die Augen wandern vom Bett direkt hinüber zur Kirche San Giorgio Maggiore, fahren die bauchige Kuppel und den kantigen Glockenturm ab, davor flitzen Boote durchs Wasser und schaukeln Gondeln vorbei.

Ein Taxi, bitte!

Zu laut wird es nie. Die langen Gänge mit dem typisch venezianischen Granitmosaikmuster ermahnen die Gäste scheinbar, erhaben das Design zu bestaunen. Im begrünten Innenhof genießen sie Kaffee, Aperitif und Frühstück. Ein noch so kleiner Park ist in der Lagunenstadt mindestens so selten wie ein Auto auf dem Bürgersteig.

Was selbst nach dutzenden Baedeker-Auflagen immer noch nicht alle wissen. Der Engländer im Flughafenbus neben einem hat jedenfalls erklärt, er nehme vom Bahnhof einfach ein Taxi zum Hotel. Auf den sachten Hinweis, es gäbe gar keine Wagen, entgegnete er: „What do you mean: no cars?“

Ach, seufz, da müsste man gleich selbst zur gleichnamigen Brücke, übrigens vom Ca’ di Dio höchstens eine Viertelstunde zu Fuß entfernt. Das Hotel liegt etwas abseits vom Trubel des Markusplatzes, dafür nah dran am Ausstellungsgelände der Kunstfreunde.

Design mit Verstand: Die Inneneinrichtung des Hotels.
Design mit Verstand: Die Inneneinrichtung des Hotels.
© Ca' di Dio

Raus aus dem Hotel, links hinunter ins Viertel Castello, am kleinen Kanal entlang, an dessen Ende zwei Türme die Militäranlagen bewachen. Nachts beleuchten Lampen in den Nationalfarben Italiens die steinernen Löwen. Wenn Biennale ist, stellen Künstler oder Architekten hinter diesen dicken Mauern aus. Auswärtige erkennt man sehr gut am angeschalteten Smartphone in den Händen und ihren wirren Blick in den Augen: Zeigt uns den Weg durch das Labyrinth der Gassen, Kanäle, Hausdurchgänge! Pech allerdings, wenn sich der Empfang zickig zeigt und der blaue Punkt auf dem Bildschirm hin- und herirrt wie ein Feldspieler zwischen zwei Linien.

Plötzlich steht man vor einem Durchgang, Calle del Forno. Arnold Schwarzenegger hätte Schwierigkeiten, mit seinem Kreuz geradeaus durchzugehen. Gute 50 Meter lang, ein Spalt aus Stein, links und rechts hängen Kleider zum Trocknen von den oberen Geschossen, aus Blumentöpfen mühen sich Pflanzen um einen Platz an der Sonne. Am Ende Licht und Gemurmel, Chips und Spritz. Ein Glas kostet zur Aperitivo-Zeit in der Bar Basegó nur 3,50 Euro. Muss man ausprobieren.

Die Via Garibaldi ist die Lebensader des Viertels. Für venezianische Verhältnisse ist sie verschwenderisch breit, bestimmt mehr als fünf Meter, in einer Stadt, in der nichts so viel Wert hat wie die Fläche, auf der Häuser gebaut werden können. Hier darf man flanieren wie in Mailand oder Florenz. Aber bitte nicht zu großstädtisch fühlen. In der kleinen Pasticceria an der Ecke schimpft die Bäckersfrau, als ein Kunde ihr Gebäck mit Karte zahlen möchte. „Wir sind doch nicht in Rom!“

In der Bibliothek sind Materialien und Farben genau aufeinander abgestimmt.
In der Bibliothek sind Materialien und Farben genau aufeinander abgestimmt.
© Ca' di Dio

Der Delikatessenladen von Gabriele Bianchi macht sich den Spaß, seine italienischen Spezialitäten mit dem Wortschatz der Kunstkritik anzupreisen. Mixed Media, steht auf der Fensterscheibe, gemeint sind: Obst, Milch, Rind, Schwein, Weizen, Meersalz und Meeresfrüchte.

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Darunter heißt es: „Gabriele Bianchi ist geschickt darin, Materialien in emotive Symbole zu formen, direkt von der Natur beeinflusst.“ Es gibt Pasta, eingelegte Tomaten und Wurst zu kaufen.

Der Kulturraum Kokonton hat die kulturelle Hoheit über die Via Garibaldi. Vergangenes Jahr, nach dem Lockdown, haben die japanische Gründerin und ihr italienischer Mann, ein Fotograf, die Menschen aus dem Viertel porträtiert und die Bilder in der kleinen Galerie ausgestellt.

Eine Salumeria liegt neben einer Osteria, der Coop-Supermarkt nahe der Kirche. Die Fassaden der Häuser wirken wie mit dem Bimsstein abgeschrubbt. Am besten zu bewundern abends aus dem Restaurant Nevodi, das so beliebt ist, dass man eine Reservierung braucht. „Solo con prenotazione!“, ruft der Kellner der Schlange auf dem Pflaster zu. Ravioli mit cremiger Kürbisfüllung, frische Muscheln aus der nahen Lagune. Als sie auf dem Tisch kommen, dampfen sie salzig.

Abends geht es zurück ins Ca’ di Dio. Bei offenem Fenster gibt das Wasser den Einschlafrhythmus vor. Die Kirche strahlt auf der Isola – nur eine Ecke bleibt komplett dunkel. Wieso wird der Campanile am Markusplatz nicht beleuchtet?

Reisetipps: Easyjet und Ryanair fliegen direkt von Berlin nach Venedig, Tickets in der günstigsten Klasse gibt es ab 80 Euro. Mit dem Zug geht es in zwölf Stunden an die Lagune, eine Strecke kostet 69 Euro im Spartarif. Das Doppelzimmer im Ca’ di Dio kosten für eine Nacht ab 215 Euro, Infos unter vretreats.com/ca-di-dio. Eine gut geführte Tour durch unbekanntere Ecken von Venedig bietet Lucrezia della Sale an, alle Rundgänge auf Englisch, buchbar unter secretvenicetour.com. Diese wurde unterstützt von V Retreats.

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