Der Sender "Ici la France" ruft zum Widerstand gegen de Gaulle auf

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Französische Nazi-Kollaborateure : Als die Vichy-Regierung in Schwaben residierte
Schriftsteller Louis-Ferdinand Céline beschreibt seine Sigmaringer Zeit in "Von einem Schloss zum andern".
Schriftsteller Louis-Ferdinand Céline beschreibt seine Sigmaringer Zeit in "Von einem Schloss zum andern".Foto: AFP

Die Regierung führt jetzt Fernand de Brinon, ein Vertrauensmann der Nazis. Die Achsenmächte – Italien, Japan, sogar Deutschland – haben Botschaften in Sigmaringen eingerichtet. Der japanische Gesandte Mitani, ein gläubiger Katholik, besucht regelmäßig die Messe. Im Hotel Deutsches Haus finden französische Vorträge und Veranstaltungen statt, am 27. Januar 1945 wird zum Beispiel zu französischen Matrosenliedern geladen. Seit Oktober erscheint vor Ort die Zeitung „La France“. Und ein Radioprogramm, das auch hier produziert wird, ruft die Menschen in Frankreich zum Widerstand gegen de Gaulle auf. Der Sender heißt „Ici la France“, hier ist Frankreich.

70 Jahre später erinnert im beschaulichen Sigmaringen wenig an die bizarre Episode aus den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs. Hinter einer unscheinbaren Holztür im Eingangsbereich des Schlosses findet sich immerhin eine französische Kritzelei: „Frankreich wird leben, weil es unsterblich ist“, steht dort an der Wand. „Es lebe Pétain! Tod dem verrückten, blutrünstigen de Gaulle“.

Wer solche Spuren entdecken möchte, braucht Hilfe, und keiner ist dafür geeigneter als Otto Becker. Anfang der 90er Jahre, da war er noch Archivar, beauftragte ihn die baden-württembergische Landeszentrale für politische Bildung, etwas über die Vichy-Zeit in Sigmaringen zu schreiben. Seitdem hat ihn das Thema nicht mehr losgelassen, obwohl er längst im Ruhestand ist. Zu faszinierend findet es der gebürtige Pfälzer, wie seine Wahlheimat für einen Augenblick zum Brennpunkt deutsch-französischer Geschichte wurde. Er hat alles an Quellen zusammengetragen, was sich finden ließ. „Viel ist es nicht“, sagt er. In den Kriegswirren wurde manches nicht dokumentiert, Aufzeichnungen gingen verloren oder man vernichtete sie. „Und die Erinnerung älterer Sigmaringer trügt manchmal.“

Becker sitzt im Café Schön, gegenüber dem Hoftheater, in dem 1944 die Weihnachtsgala stattfand. Das „Schön“ verströmt die Atmosphäre der Bundesrepublik der 80er Jahre. Es ist das letzte noch existierende der drei Cafés, in denen sich die Franzosen einst jeden Tag zu treffen pflegten. Ihr südlicher Lebensstil wurde von den Einheimischen bestaunt. Das weiß Becker aus den Tagebüchern von Maximilian Schaitel. Darin beschreibt der Sigmaringer Diplomlandwirt, wie sich das Stadtbild 1944/45 wandelte. In den Straßen hörte man plötzlich überall Französisch. Die Fremden, das waren „lebhaft gestikulierende Männer mit Baskenmützen, meist gut angezogen“. Die Frauen wiederum fielen laut Schaitel „durch ihre meist rötlich gefärbten Haare auf, noch mehr durch die dick verschmierten Gesichter“.

Bis heute kommen französische Besucher nach Sigmaringen, deren Verwandte einst ein paar Monate hier verbracht haben. Der historischen Bedeutung der Stadt sind sich in Frankreich sicher mehr Menschen bewusst als in Deutschland. Erst dieses Jahr hat der Autor Pierre Assouline unter dem Titel „Sigmaringen“ einen Roman veröffentlicht, dessen fiktive Geschichte vor dem Hintergrund des Vichy-Exils spielt.

Die berühmteste Darstellung stammt von Louis-Ferdinand Céline. Der Arzt und Schriftsteller war ein Zeitzeuge; als Vichy-Anhänger floh er selbst nach Sigmaringen. Bis in die Gegenwart wird Céline als genialer Sprachkünstler verehrt und für seinen Antisemitismus verabscheut. Sein Roman „Von Schloss zu Schloss“, in den die Erlebnisse vom Kriegsende eingeflossen sind, sei jedoch keine zuverlässige Quelle, sagt Becker. Zu viel dichterische Fantasie. Trotzdem vermittelt das Buch, geschrieben in einem atemlosen, sprunghaften Stil, ein Bild von der Stimmung, die die meiste Zeit unter den Franzosen herrschte. Es war die eines Himmelfahrtskommandos, bestimmt von Enge, Verzweiflung, materieller Not und Intrigen. „Touristen waren wir zwar! aber spezielle ... zu viel Krätze gab’s, zu wenig Brot“. Über das Schloss heißt es: „Verdammte Hohenzollernwiege! Sakra! Wie es da oben auf seinem Felsen aufgepflanzt lag! ... schief! verdreht überall! Außen! Innen! ... Alle seine Zimmer – alles Labyrinthe, Irrgänge!“

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