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"Intuitiv nahm ich an, dass das, was meine Diagnose in meinen Kindern auslösen würde, von meinem Verhalten abhängig war." - Katrin Bendrich mit ihren beiden Töchtern.

© privat

Tagebuch einer Brustkrebspatientin: "Hast du etwa Krebs, Mama?"

Der Knoten in ihrer rechten Brust entpuppte sich als Krebs. Katrin Bendrich hat ihre Krankheit in einem Tagebuch verarbeitet. Wir dokumentieren es in Auszügen.

Freitag, 11. Oktober 2013:            

Mein Frauenarzt schickte mich in ein schwarzes Wochenende. Der Knoten in meiner rechten Brust entpuppte sich als Tumor. Schlimmer noch: Es waren zwei.

„Die Dinger müssen da raus. Was auch immer das ist.“, sagte

Dr. S. Noch immer lag ich mit freiem Oberkörper auf der Liege im Behandlungszimmer. „Sie dürfen sich wieder anziehen.“, hörte ich ihn sagen. Träge raffte ich mich auf. Jede Bewegung verursachte einen ziehenden und klopfenden Schmerz in meiner rechten Brust. Es war, als spürte ich die Tumore mehr denn je. Seit ein paar Tagen zog der Schmerz bis zu den Lymphknoten, die Dr. S. in seiner Untersuchung als „gut aussehend“ bezeichnet hatte. Darüber mache er sich erst einmal keine Sorgen.

Erst einmal?

Ich war heute zu Dr. S. gegangen, um meine gynäkologische Generalüberholung hinter mich zu bringen. Keine Spur von Beunruhigung. Zumindest bis vor wenigen Minuten.

Ich bekam die Telefonnummer eines renommierten Berliner Brustzentrums in die Hand gedrückt. „Lassen Sie sich mit Frau O. verbinden und berufen Sie sich auf mich. Das ist die Sekretärin. Ich habe dort viele Jahre als Oberarzt gearbeitet und kenne sie sehr gut.“ Ich verabschiedete mich. „Versuchen Sie es am besten gleich. Und das da…“, hörte ich Dr. S. hinter mir sagen, „…legen Sie mal schön wieder zurück.“ Ich drehte mich zu ihm. Er deutete auf die Broschüre der deutschen Krebshilfe neben meiner Handtasche, mit der ich mir im Wartezimmer  die Zeit vertrieben hatte. „Noch brauchen Sie die nicht.“ Sein zuversichtliches Zwinkern überzeugte mich wenig. Mir war schon während der Untersuchung ein für mich beängstigender Unterton aufgefallen. Dr. S. hatte zwar viel Humor. Dennoch glaubte ich eine unbehagliche Dringlichkeit in seinen Worten zu vernehmen. 

Ich erreichte Frau O. von meinem Handy und war erleichtert, als ich auflegte. Mein Termin stand. In vier Tagen. Ich sollte viel Zeit mitbringen. „Die Untersuchungen werden dauern. Danach haben Sie Gewissheit.“, versicherte mir Frau O. Sie war ausgesprochen freundlich. Das tat mir gut. Ich sollte mir nicht zu viele Sorgen machen und das Wochenende genießen.

Ich befolgte ihren Rat gefühlte zehn Sekunden. Nachdem ich die Frauenarztpraxis verlassen hatte, ergriff mich eine unsagbare Panik. Zwei Tumore. Beide so groß wie Walnüsse. Was nutzten mir da ganz passabel aussehende Lymphknoten? Die Ränder der Tumore „gefielen“ Dr. S. nicht. Schrumpfte damit nicht die fünfzigprozentige Chance auf Gutartigkeit in den Minusbereich?  

Vor zwölf Jahren heulte ich schon einmal auf dem ganzen Weg von meinem Frauenarzt bis nach Hause. Damals war ich schwanger. Mit einem Mal schien alle Welt schwanger zu sein. Überall sah ich Frauen mit dicken Bäuchen und Mütter mit Säuglingen im Arm. Diesmal hatte sich meine Wahrnehmung auf makabre Weise verändert. In jedem zweiten Schaufernster standen Urnen und Särge.

Vor einem Bestattungsinstitut blieb ich stehen und ließ die Auslagen auf mich wirken. Es gibt noch keinen Grund zur Panik, sagte ich mir. Es sind einfach nur zwei Tumore. Einer mehr oder weniger, was macht das für einen Unterschied? Immerhin blieben mir noch vier Tage bis zur endgültigen Diagnose. Dr. S. hatte nur von Verdacht gesprochen. Vielleicht wäre es trotzdem gut, mich in einem gesunden Maß mit dem Thema Krebs auseinander zu setzen, überlegte ich. Ich wusste es nicht. Und: Was war ein gesundes Maß? Ich starrte auf einen Marmorsarg, der auf mich zu warten schien. Augenblicklich wusste ich nur eins: Ich wollte verbrannt werden.

Drei Worte, die mein Denken gefrieren ließen: Es ist Krebs

Eigentlich war sie nur für eine gynäkologische Routineuntersuchung zu Dr. S. gekommen. Das Bild zeigt Katrin Bendrich vor ihrer Diagnose.

© privat

Montag, 14. Oktober 2013:

Ich versuchte, mir darüber klar zu werden, was mich morgen im Brustzentrum am meisten umhauen würde. Wäre es tatsächlich  die Diagnose Krebs? Könnte ein „Sie haben nur noch sechs Monate zu leben“ nicht wesentlich schlimmer sein? Gibt es überhaupt ein „schlimmer“, wenn man mit dem Tod konfrontiert ist?

Zwischendurch haute ich Schlagworte in die Tastatur meines Laptops. Wenn ich schon damit rechnen musste, zwei Krebstumore zu füttern, dann wollte ich wenigstens mitreden können. Ich fühlte mich dadurch eigenartig sicher. Das Wort „Krebs“ reifte für mich zu etwas Greifbarem heran. Es war nicht mehr nur ein Begriff, der mich zu lähmen drohte. In die Brustkrebsforschung, so viel hatte ich bereits herausgefunden, wurde viel Geld gesteckt. Das besänftigte mich vorerst.

Dienstag, 15. Oktober 2013:

12 Uhr 30. Termin bei Oberarzt Dr. B. im Brustzentrum. Während Dr. B. mir mit Hilfe eines Ultraschalls jedes Detail auf dem Monitor erklärte, schwand meine letzte Hoffnung. Anne, eine liebenswerte Krankenschwester, bereitete alles für die Stanzbiopsie vor. Sie tat einiges, um es mir auf der Pritsche bequem zu machen oder mich mit unaufdringlichen Gesprächen abzulenken. Bedauerlicherweise fiel ihr mehrmals etwas aus der Hand, was ihr gelegentlich einen  Rüffel von Dr. B. einbrachte. Ich versuchte, sie mit einem hölzernen Lächeln aufzumuntern.

Im Gegensatz zu Dr. S. fand Dr. B. meine Lymphknoten weniger ansehnlich. Zum Vergleich zeigte er mir Lymphknoten auf meiner linken Körperseite. Der Unterschied war gravierend. Während die gesunden für mich kaum zu erkennen waren, kreischten die anderen in bedrohlichem Schwarz. Wie die Tumore in meiner Brust. Dr. B. stanzte jeweils vier Proben aus beiden heraus. „Selbst wenn ich Ihnen nachher sagen muss, dass wir es mit Brustkrebs zu tun haben, werden wir über genügend Möglichkeiten sprechen, mit denen wir Ihnen helfen können“, sagte er.  Dann schickte er mich in die Kantine.

 Schwester Anne stellte ein Glas Wasser auf den Tisch, um das ich gebeten hatte. In einem Zug soff ich das Wasser aus.

Krebs!

Ich war relativ gefasst vom Schlimmsten ausgegangen, als Dr. B. mich in den Behandlungsraum zurück gebeten hatte. Aber den Befund aus seinem Mund zu hören, war dann doch etwas anderes. Von einer Sekunde auf die nächste war es unwiderruflich und nicht mehr eine bloße Spekulation, die auf den Erfahrungswerten eines kompetenten Oberarztes beruhte. Der Krebs saß in meiner Brust.

Mein Gefühl für Zeit war völlig abhanden gekommen. Mir war, als führe Dr. B. einen stundenlangen Monolog darüber, dass meine rechte Brust dem Skalpell zum Opfer fallen würde. „Aufgrund des vorhandenen Mikrokalkes im gesamten Brustgewebe und der Tumorgröße ist eine brusterhaltende Therapie nicht möglich“, hörte ich ihn sagen.

Amputation!

Was auch immer das für mich später einmal bedeuten sollte: In diesem Moment berührte mich das wenig. „Solange Sie mir nicht sagen, dass ich in sechs Monaten sterben muss, können Sie mir amputieren, was Sie wollen.“, sagte ich.

Dr. B. klärte mich darüber auf, dass die Amputation meiner Brust – eine Mastektomie - ein großer operativer Eingriff ist, der körperlich wie seelisch nicht unterschätzt werden dürfe. „Sie sind noch sehr jung, Frau Bendrich.“ Jung? Mit zweiundvierzig? Das gefiel mir. „Außerdem sagten Sie mir, Sie seien alleinerziehend. Es wird in den kommenden Monaten einiges auf Sie zukommen. Sie werden sehr viel Kraft aufbringen müssen.“ Das gefiel mir nicht.

Anschließend war ich nicht mehr aufnahmefähig. Drei Worte – Es ist Brustkrebs! – hatten es geschafft, mein gesamtes Denkvermögen einzufrieren. Ich wollte einfach nur noch diese Brust loswerden. Lethargisch saß ich auf meinem Stuhl und fieberte dem Gesprächsende entgegen. Den Gedanken an meine Kinder konnte ich nicht mehr ausweichen. Was sollte ich ihnen bloß sagen? Wie sollte ich es ihnen sagen?

„Haben sie noch Fragen, Frau Bendrich?“ Endlich, Dr. B. war fertig. Ich schüttelte hastig den Kopf. Er nickte verständnisvoll. „Eine solche Diagnose muss erst einmal verarbeitet werden.“

Er klimperte auf der Tastatur seines Computers herum. „Ihr weiter behandelnder Arzt wird Ihnen einen Überweisungsschein für das onkologische Zentrum ausstellen. Den brauchen Sie nur, wenn Sie für die Studie in Frage kommen.“ Studie? Ich hatte keine Ahnung, wovon Dr. B. sprach. „Sie dürfen sich jederzeit gegen die Studie entscheiden.“ Welche Studie, verdammt? Mir blieb nichts anderes übrig, als nachzufragen: „Können Sie mir noch mal sagen, wie die Studie heißt? Das war wohl doch ein bisschen zu viel Input“, log ich.  

„Das ist absolut verständlich. Die ADAPT-Studie steht für Adjuvant Dynamic marker-Adjusted Personalized Therapy.“

Sollte sich die Forschung doch meinetwegen mit den Überresten meines amputierten Weichteils beschäftigen. Zwei Tumore, eingebettet in bösartigem Mikrokalk… Meine rechte Brust gehörte schon jetzt nicht mehr zu mir.

Meine Tochter saß mit fragendem Blick in der Küche

 

Ich dachte, meine Tochter wäre bei einer Freundin. Doch sie saß mit fragendem Blick in der Küche. Mir war klar, es führte kein Weg daran vorbei, ihr mit Ehrlichkeit zu begegnen. Doch ich musste Zeit gewinnen. „Du bist ja schon da“, sagte ich. Unter dem Vorwand, dringend meine Notdurft verrichten zu müssen, verschwand ich mit Jacke und Tasche im Badezimmer.

Ich setzte mich auf den Klodeckel, atmete tief durch und fingerte den Befundbericht aus seinem Umschlag. Den Bericht, überwiegend in kryptischen Abkürzungen verfasst, überflog ich. Doch die Ablichtungen der Tumore fesselten mich. Etwas Seltsames passierte: Die Bilder bannten meine Angst. Das Unheil in meiner Brust war entlarvt. Es gab einen Plan. Amputation war das Einzige, was mir Hoffnung gab.

Intuitiv nahm ich an, dass das, was die Diagnose in meinen Kindern auslöste, von meinem Verhalten abhängig war. Wenn ich mich stark genug zeigte, konnte ich Verlustängste meiner Kinder steuern.  „Ich bin sofort da“, vertröstete ich meine Tochter, die ungeduldig nach mir rief. „Zwei Minuten!“ Ich zog mein T-Shirt aus und stellte mich vor den Spiegel.

Seit ich wusste, dass ich zwei Tumore in meinem Busen nährte, hatte ich meine rechte Brust nicht mehr richtig berührt. Obgleich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht klar war, dass ich Krebs hatte, machte mir die Aussicht darauf Angst. Meine Unwissenheit über Karzinome ließ mich befürchten, eine Metastasierung zu provozieren, wenn ich nicht vorsichtig mit der kranken Brust umginge.

Meine Fingerspitzen ertasteten die Knoten. Ich drückte so fest zu, bis ich schreien musste. Dabei beschloss ich, mich mit all meiner Kraft gegen den Krebs zu wehren.

Nun warich bereit, das Gespräch in Angriff zu nehmen. Ich bildete mir ein, die richtige Mischung aus Fakten und Humor gefunden zu haben. „Eine Busenfreundin brauche ich mir zukünftig wohl nicht mehr suchen“, witzelte ich. Das frostige Lächeln im Gesicht meines Kindes übersah ich gekonnt. Ich war entschlossen, dem Krebs nicht auch noch die Macht über meinen Seelenzustand zu überlassen, überschätzte aber meinen Einfluss, dieses Gefühl auch auf meine Tochter übertragen zu können. Ich war nicht fähig, mich auf Augenhöhe mit ihr zu begeben. Erst am Abend sollte ich begreifen, was ich meinem Kind zugemutet hatte. Meine Jüngste spiegelte das ganze Ausmaß wider.

"Hast du etwa Krebs, Mama?"

"Ich dachte, meine Tochter wäre bei einer Freundin, doch sie saß mit fragendem Blick in der Küche." - Katrin Bendrich mit ihrer ältesten Tochter.

© Katrin Bendrich

18 Uhr:

Zunächst benachrichtigte ich meine engsten Verwandten und Freunde. Die Reaktionen reichten von „Oh, mein Gott, Katrin. Das ist ja grausam“ bis hin zu  Krebsgeschichten aus dem Umfeld:  „Die lebt heute noch. Und das ist vier Jahre her…“

 Ich hatte meine Große, Laurien, darum gebeten, ihrer Schwester noch nichts von dem Krebs zu erzählen. Ich wollte einen geeigneten Zeitpunkt finden und hielt es für wichtig, es ihr selbst zu sagen. Das erübrigte sich, als ich ein Telefonat beendet hatte.

Meine Jüngste reagierte nicht, als ich nach ihr rief. Sie wollte mir beim Vorbereiten des Abendessens helfen. Kein ‚Noch eine Minute‘ oder ‚Ich komme gleich‘. Das war ungewöhnlich.

Ich marschierte zu ihrem Zimmer.

Laurien fing mich im Flur ab und deutete an, Lilly hätte etwas von dem Telefonat mitgehört. Mir wurde siedend heiß, doch ich ließ mir nichts anmerken. Unbeirrt klopfte ich an Lillys Zimmertür und trat ein, als sie mich darum bat. Laurien dicht hinter mir. Lilly saß auf ihrem Bett. Bemüht, ihre Tränen zu vertuschen, lächelte sie. Ich setzte mich unaufgefordert neben sie.  

Ich wusste nicht, was sie gehört hatte und versuchte zunächst, mit unbedeutenden Phrasen meine Hilflosigkeit zu überspielen. Laurien setzte sich hinter Lilly. Beide starrten mich an. „Ich möchte gern mit dir reden“, würgte ich hervor. Sie schüttelte heftig den Kopf. „Ich habe nicht geweint, Mama“, antwortete Lilly auf die nicht gestellte Frage. Ich spürte den inneren Kampf, den meine Kinder gegen aufkommende Tränen führten. Lilly fragte: „Warum hast du am Telefon gesagt, dass Katharina es auch geschafft hat?“ Sie ergriff bestürzt meine Hand. „Hast du etwa Krebs, Mama?“

Katharina, eine meiner engsten Freundinnen, besiegte vor drei Jahren den Brustkrebs. Im Telefongespräch mit meinem Bruder hatte ich sie erwähnt, um vor allem mich selbst mit dem glücklichen Ausgang zu trösten. Ich vermutete, dass meine Tochter mehr mitgehört haben musste, als mir lieb war.

Ich nickte, zu mehr war ich nicht fähig.

„Nein, Mama!“, schrie Lilly immer wieder. Ich konnte meine Kinder nur halten, sie fest an mich drücken. Minutenlang ließ meine Kehle nur Schluchzen zu. Ich wollte meine Kinder nicht verlassen. Ich wollte diese Welt noch nicht verlassen. Nun krallte ich mich an meinen Töchtern fest, als könnten sie mich davor bewahren. Ich weinte hemmungslos. Und es fühlte sich erstaunlich richtig an, wehrlos meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Sie schienen mich von dieser sinnlosen Selbstüberschätzung zu befreien, der ich erlegen war. Von dem Übermut, die Gefühle meiner Kinder kontrollieren zu wollen und meine eigenen zu verdrängen. Mit jeder Träne fühlte ich mich erlöster.

Ich mied Foren, die mich schaudern ließen und las Beiträge, die mich hoffnungsvoll stimmten

"Intuitiv nahm ich an, dass das, was meine Diagnose in meinen Kindern auslösen würde, von meinem Verhalten abhängig war." - Katrin Bendrich mit ihren beiden Töchtern.

© privat

Behutsam löste ich mich aus der Umarmung meiner Kinder und drückte ihnen Küsse auf die Stirn. Dann langte ich nach einem Paket Taschentücher und reichte jeder eins. Wir schnäuzten laut um die Wette und schmunzelten verhalten über die trompetenartigen Klänge. Wenngleich die Stimmung traurig war, konnten wir nun offen miteinander reden.

Ich war bemüht, meinen Kindern die Angst zu nehmen, mich zeitnah für immer verlieren zu können. Mir war zwar wichtig, den Tod nicht zu tabuisieren. Was ich nicht tat. Doch ich sah es als völlig sinnlos an, mit Sätzen wie „Ich kann an dem Krebs sterben“ Unruhe zu schüren. Diese Tatsache war meinen Kindern mindestens genauso bewusst wie mir. Auch wenn wir unterschiedliche Vorstellungen vom Sterben hatten. Allein der Begriff ‚Krebs‘ spulte in den Köpfen meiner Töchter den gleichen Film ab: Sie sahen mich glatzköpfig und abgemagert in einem Krankenbett verenden. Ein Bild, welches für Alpträume geradezu prädestiniert war. Ich hoffte, mir würde es gelingen, diesem Bild die Farbe zu nehmen.

So tragisch die Diagnose auch war: Noch war außer dem Wissen darum eigentlich nichts passiert. Belastende Veränderungen an mir – körperliche oder rein optische – standen uns allen ja erst noch bevor. Das Unbegreifliche der Diagnose sowie das Unkalkulierbare dieser Veränderungen nagten jedoch schon jetzt am Sicherheitsgefühl meiner Kinder. Um für meine Kinder authentisch und erreichbar sein zu können, musste ich mental stabil sein und überzeugend auftreten. So gut es eben ging. Schon deswegen war jede konstruktive Auseinandersetzung mit dem Krebs für mich etwas Lebensnotwendiges.

Trotz vieler verwirrender Veröffentlichungen im Internet schaffte ich es, mich nicht verrückt zu machen. Ich mied Foren, die mich schaudern ließen und filterte jene Beiträge heraus, die mich hoffnungsvoll stimmten.

Zugleich entschied ich mich gegen die ADAPT Studie, von der ich herausgefunden hatte, dass die geplante Mastektomie meiner rechten Brust zwar nicht unbedingt aufgehoben, aber zumindest aufgeschoben werden würde. Für mich war sehr schnell kein Sinn mehr darin zu finden, über etwas zu mutmaßen, was nur durch eine Operation abgeklärt werde konnte. Sicherheit konnte es für mich nur geben, wenn meine Brust auf einem Seziertisch lag. Ich setzte all meine Hoffnung in den medizinischen Fortschritt.

Mich ergriff ein Glücksgefühl: Ich war die Brust los

"Die Krebsbroschüre legen Sie mal wieder zurück", sagte der Arzt. "Die brauchen Sie noch nicht."

© Katrin Bendrich

Dienstag, 29. Oktober 2013

Keine zwei Stunden war es her, dass mich ein Pfleger aus dem Aufwachraum wieder auf die Station geschoben hatte. Ich war verblüffend schnell zu mir gekommen und unternahm einen ersten Check. Bisher spürte ich keinen Schmerz. Vielmehr war die ganze rechte Seite, vom Brustkorb bis unter das Schulterblatt, taub. Doch das sollte mir recht sein. Immerhin schränkte es meine Bewegungsfreiheit nicht sonderlich ein. Ich konnte zwar meinen rechten Arm nur maximal auf Schulterhöhe heben. Aber um mich hinzusetzen und einen Blick unter mein Engelshemd zu riskieren, reichte es.

Ich begutachtete die auffallend flache Stelle, an der sich noch vor wenigen Stunden meine rechte Brust befunden hatte, tastete über die Bandage, begaffte den abgeklebten Port, der mir über dem linken Brustmuskel implantiert worden war, und registrierte träge zwei Wunddrainageflaschen, die an meinem Bett hingen. 

Ich kann nicht sagen, warum, aber mich ergriff ein sagenhaftes Glücksgefühl. Womöglich lag es daran, dass ich die Brust los war, von der kein Unheil mehr ausgehen konnte.

Ich bin überzeugte Atheistin. Dennoch hatte ich immer gebetet, dass, wenn ich schon mit Metastasen rechnen musste, bitte meine Lunge und Leber verschont bleiben mögen. Da meine Leber gestern während des Ultraschalls keinerlei Auffälligkeiten gezeigt hatte und meine Lunge ebenfalls frei von Metastasen war, war ich wohl erhört worden.

Donnerstag, 31. Oktober 2013

Frau Dr. H., die Chirurgin, begutachtete fachmännisch die Narbe und das umliegende Gewebe. Bis auf ein paar operationsbedingte Schwellungen sah alles so aus, wie es auszusehen hatte. Die Narbe war durch ein Pflaster geschützt und zog sich von der Achselhöhle bis zum einstigen Dekolleté-Ansatz.

Irgendwie beeindruckte es mich zu sehen, wie schnell aus einem C-Körbchen ein – Tja, was war es denn nun? – geworden war. Ich zeigte es meiner Zimmernachbarin, und wir entschieden uns vorerst für ein ganz kleines A-Körbchen. Fr. Dr. H. hatte bereits ein „fantastisches Brustaufbauergebnis“ in Aussicht gestellt: durch Eigenfett, und das machte einen Brustaufbau für mich erst richtig interessant. Ich entwickelte die unverschämte Idee, mich für Eigenfett aus dem Bauch zu entscheiden und somit zum fantastischen Brustaufbauergebnis kostenlos eine stramme Bauchdecke zu bekommen. „Andere zahlen dafür richtig Geld“, sagte ich. Wir lachten.

Ich fühlte mich behütet auf der Bruststation. Und freier als in der Welt da draußen. Ich musste hier keine Rücksicht nehmen, sobald das Wort Krebs ins Gespräch kam.

Hier hörte ich kein „Du musst kämpfen“, keinDu darfst nicht aufgeben“ oder gar ein „Denk nicht so negativ!“ Seit der Diagnose tat ich nichts anderes, als zu kämpfen, nicht aufzugeben und positiv zu denken. Letzteres war sogar das Einzige, was ich bisher wirklich tun konnte.

Ich konnte kaum glauben, was ich getan hatte. Ich hatte Sex

"Ich war entschlossen, dem Krebs nicht auch noch die Macht über meinen Seelenzustand zu geben."

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Samstag, 2. November 2013

Meine Freundin Heike buckelte meine Tasche zum Auto, während ich von ganzem Herzen hoffte, beim Abschied von meiner Zimmernachbarin die richtigen Worte gefunden zu haben. Sie war zurückgeblieben, durfte nicht nach Hause, denn der Krebs hatte gestreut. Knochenmetastasen zersetzten bereits ihre Halswirbelsäule, andere Knochenregionen standen im Verdacht.

Verdacht.

Plötzlich war dieses Wort so mächtig geworden. Hoffnung zu haben, war für mich die eine Seite. Die Warterei auf möglicherweise Niederschmetterndes die andere. Alles, aber auch alles hing von diesem einen verdammten Wort ab. Ich wollte nicht zur Geisel eines Wortes werden.

Im Vergleich zu meiner Zimmernachbarin schien ich die besseren Karten zu haben. Ich war mir in den letzten Tagen unsicher darüber geworden, ob in ihrem Beisein Freude über meinen Befund überhaupt angebracht war. Und insgemein fragte ich mich: War durch den direkten Vergleich mein Krebs weniger dramatisch? Schlussendlich wurde mir jedoch nur eins bewusst: Krebszellen waren so unberechenbar, dass auch ich womöglich mein Leben lang mit dem Verdacht leben musste, dass sie zurückkommen.

Sonntag, 3. November 2013:

Ich konnte kaum glauben, was ich getan hatte. Im Schutz meiner vier Wände ließ ich am Abend die Geschehnisse des Tages Revue passieren. Ich hatte Sex.

Nachdem Heike gestern gegangen war, fühlte ich mich unbehaglich. Am Alleinsein lag es nicht. Das konnte ich in vollen Zügen genießen und war sogar froh darüber, erst ab Montag wieder in meine Mutterrolle schlüpfen zu müssen. Nur wusste ich die Zeit nicht sinnvoll auszufüllen.  Zum Herumwerkeln in meinem Haushalt war ich zu erschöpft. Lesen gab meine Konzentration nicht her. Medialer Zeitvertreib war mir zu anstrengend. Nach Gesellschaft war mir auch nicht. Immer wieder dachte ich darüber nach, dass der Krebs vielleicht gestreut hatte. Wie sollte ich den Gedankenschleifen entkommen?

„Tun Sie all die Dinge, die Ihnen jetzt gut tun, Frau Bendrich.“

Etwas Gescheites wollte mir nicht einfallen. Badewanne war nicht erlaubt, also nahm ich ein Sitzbad, seifte mir den Krankenhausgestank vom Leib. Anschließend schoss ich mit meinem Handy ein Foto von meiner Brust. Das hatte ich bereits mehrmals im Krankenhaus getan, um die Operation zu dokumentieren. Ich stand vor dem Spiegel und fragte mich: Stört mich, was ich sehe? Hemmt es mich? Fühle ich mich minderwertig, weniger weiblich?

Ich war zwar überzeugt, mich nicht über zwei Brüste zu definieren. Hier ging es schließlich um Lebenszeit. Und auch sonst gab es Wichtigeres, als ausgerechnet jetzt meine Reize als Frau auszutesten. Doch plötzlich war der Gedanke da. Und er lenkte mich vom Lymphknotenverdacht ab.

Seit vier Monaten führte ich eine lose Beziehung zu einem Polizisten. Die einzige Sicherheit, die mir dieser Mann jemals gegeben hatte, war, dass er spätestens nach drei Stunden wieder verschwunden war. Gerade deswegen lud ich ihn heute ein. Wie sich herausstellte: eine gute Idee.

Mein Liebhaber verabschiedete sich mit dem Klassiker Ich liebe dich, und ich antwortete lächelnd bis irgendwann. Nun saß ich da, hellwach und voller Adrenalin. Alle meine Bedenken waren verpufft. Ich hatte es getan: ohne Scham und Hemmungen. Die Fähigkeit, mich Sinnesreizen hinzugeben, war nicht auf dem Operationstisch verloren gegangen.

Es mochte ungewöhnlich sein, fünf Tage nach der Mastektomie und ungewisser Krebsdiagnose nichts wichtiger zu finden als Sex.

Doch in meinem Fall war es ein Experiment mit erfreulichem Ausgang. Mein Leben als Frau würde weitergehen. Und ich hatte nebenbei eine neue Methode gefunden: das Leben in die Hand nehmen, anstatt sich einem Wort wie Verdacht auszuliefern.

"Ich möchte meine Tochter dazu holen, darf ich?"

Zurück im Leben. Katrin Bendrich nach ihrer Entlassung

© Katrin Bendrich

Donnerstag, 7. November 2013:

Meine Jüngste wollte mich begleiten, als ich zur Besprechung der Ergebnisse der Lymphknotenuntersuchung ins Krankenhaus fuhr. Sie verstand sehr gut, worum es heute ging. Ich selbst war auf das Schlimmste vorbereitet. Bei Lilly war ich mir nicht so sicher, wie sie reagieren würde, wenn der Verdacht nach hinten losging. Darum hatte ich vorsorglich mit der zuständigen Psychoonkologin des Brustzentrums telefoniert, die Zeit für uns reservierte.

Zuvor nahmen wir noch einen anderen Termin in der Klinik wahr. Offenbar verlassen Patientinnen normalerweise mit einer angepassten Brustprothese das Krankenhaus. Ich musste damals die Dame aus dem Heil- und Hilfsmittelgeschäft verpasst haben. Bei der letzten Visite bot mir Fr. Dr. H. sogar an, bis Montag bleiben zu dürfen, da ich sonst ohne Prothese heim müsste. Wegen einer Gummibrust im Krankenhaus bleiben? Ich war völlig perplex und lehnte dankend ab.

Lilly beriet mich hervorragend bei der Anprobe. Es war schön, anzusehen, dass sie meinem Anblick nicht auswich. Mir war es sehr wichtig, offen mit der Veränderung meines Körpers umzugehen.

Ich war begeistert, wie gut sich die Prothese auf meiner frisch operierten Brust anfühlte. Und Lilly fand, dass es cooler aussähe als vorher. Die stehen richtig, Mama. Ich musste lachen. 

Doch das Lachen verging mir kurze Zeit später, als mich eine Schwester bat, vor dem Besprechungsraum Platz zu nehmen. Ich wollte Lilly nicht mehr dabei haben, überlegte fieberhaft, ob es zumutbar für sie war, wenn ich sie später dazu holte. Mich ergriff eine sagenhafte Panik. Andere Frauen saßen hier mit ihren Männern, Eltern, Geschwistern, ich hingegen brachte meine elfjährige Tochter mit. Was würde ein positiver Befund in ihr auslösen? Ich nahm ihre Hand. „Wäre es für dich in Ordnung, wenn ich zuerst allein ins Gespräch gehe?“ Sie zog ihre Hand zurück. „Warum? Nein!“ Natürlich verstand sie das nicht. Wie sollte sie auch? Bis vor wenigen Minuten war klar, dass sie dabei sein darf. Die Psycho-Onkologin hatte mir wertvolle Tipps gegeben, wie ich Lilly vorbereiten konnte. Das hatte ja auch prima funktioniert. Und jetzt wollte ich sie loswerden… Ich kämpfte gegen aufkommende Tränen. „Ich möchte dir gegenüber nicht falsch reagieren, falls der Befund anders ausfällt, als wir es uns wünschen“, erklärte ich. „Kannst du das nachvollziehen?“ Sie schüttelte den Kopf.

Dennis, der Sohn meiner Zimmernachbarin, kam vorbei. Lilly ergriff wieder meine Hand und umarmte mich. „Ich gehe mit ihm. Aber holst du mich dann wirklich?“

So einfach war das? Ich drückte sie fest an mich. „Ja, versprochen.“ Ich war erleichtert. „Ich danke dir!“

 Kein Lymphknotenbefall.

„Mit diesem Ergebnis hat hier wirklich niemand mehr gerechnet“, hörte ich Fr. Dr. H. sagen. „Und das freut mich ganz besonders für Sie.“ Sie lächelte mich an.

„Ich möchte meine Tochter dazu holen. Darf ich?“

„Natürlich. Gehen sie nur.“

Ich rannte los, als würde ich aus dem Grab springen.

Die Diagnose von Frau Bendrichs hat sich mittlerweile verschlechtert, ihre ganze Geschichte lesen Sie hier

Katrin Bendrich

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