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Besuch beim Designer Lutz Huelle in Paris: In Hülle und Fülle

Was heute in der Mode gang und gäbe ist – Jogginghose zum Abendkleid – macht Lutz Huelle seit 25 Jahren. Seine Arbeit ist aktueller denn je. Ein Besuch in Paris

Es ist ein regnerischer Tag Ende März in Paris. Obwohl es früh im Jahr ist, liegt dieser typische Duft von Sommerregen in der Luft, der einen ganz verrückt machen kann. Der Geruch nach Erde und feuchtem Asphalt. Menschen drängen sich auf den schmalen Gehsteigen des dritten Arrondissements. Aber kaum tritt man in den grünen Hinterhof, wo Lutz Huelles Atelier liegt, merkt man nichts mehr vom Trubel der europäischen Modemetropole.

Hier arbeitet der deutsche Designer zusammen mit seinem Partner David Ballu seit mehr als 20 Jahren an seiner eigenen Vision von Mode, die heute fester Bestandteil jeder Luxuskollektion ist, aber vor gut 25 Jahren noch unvorstellbar war: ohne klare Trennung zwischen Business- und Freizeitbekleidung oder Abendgarderobe und Sportswear. Lutz Huelle entwarf von Anfang an nach diesem Prinzip zeitlose Stücke, die ohne Regeln kombinierbar sind. Seit Jahren zeigt er seine Kollektionen auf der Pariser Modewoche, Stilikonen wie Kate Moss tragen seine Entwürfe.

Auf dem Gymnasium lernte er Wolfgang Tillmans kennen

Auf die Idee, Kleidung zu machen, kam Huelle über seine Faszination für Pop- und Subkultur. Als Jugendlicher in Remscheid hing er nachmittagelang vor dem Radio, schrieb Tagebuch, ging ins Kino und schuf sich eine Traumwelt. „Ich habe mich eigentlich mit allem beschäftigt, was ein interessanteres Leben darstellte als das, was es um mich herum gab“, sagt der Designer. Oft fühlte er sich eingeengt in der Kleinstadt.

Damit war er nicht allein. Auf dem Gymnasium lernte er Alexandra Bircken und Wolfgang Tillmans kennen. Bircken ist heute Künstlerin und Wolfgang Tillmans einer der wichtigsten deutschen Fotografen. Gemeinsam gingen die drei später nach London. Lutz Huelle studierte am Central St. Martins College mit den heute bekannten Designerinnen Stella McCartney und Phoebe Philo.

Lutz Huelle fotografiert von seinem Schulfreund Wolfgang Tillmans.
Lutz Huelle fotografiert von seinem Schulfreund Wolfgang Tillmans.
© Wolfgang Tillmans

Mit dem Foto „Lutz and Alex sitting in the trees“ für die Zeitschrift „i-D“ wurde Wolfgang Tillmans 1992 bekannt. Seine beiden Jugendfreunde sitzen fast nackt in einem Baum – nur bekleidet mit Mänteln, die Lutz Huelle entworfen hatte. 2000 zeigte Huelle seine erste Kollektion, Tillmans fotografierte, Bircken modelte. Noch heute sind die drei eng befreundet.

Nach Paris kam Lutz Huelle, nachdem er ein Jobangebot vom belgischen Designer Martin Margiela erhielt. „Margiela hat Dinge gemacht, die ich verstanden habe. Wenn ich die Modenschauen der achtziger und neunziger Jahre sah, hatte ich mit der Mode immer Probleme, weil ich nie begriffen habe, wer das eigentlich anzieht“, sagt Huelle. „Dieser wahnsinnige Luxus war weit von meinem Leben entfernt.“

Für Bomberjacken konnte sich Lutz Huelle immer schon begeistern

Er sah nicht ein, warum man es im Büro weniger bequem haben sollte als zu Hause vor dem Fernseher. So ließ er zum Beispiel elegante Jacken aus Jerseystoffen anfertigen. „Die Idee, dass man in einer Highfashion-Kollektion eine Jogginghose findet, war damals wirklich absurd“, lächelt der Designer, „das haben viele Leute am Anfang einfach nicht verstanden. Deshalb hat es gedauert, sie zu überzeugen.“

Huelle interessierte sich dafür, wie sich Popstars oder die Punks in Großbritannien kleideten. Schon immer begeisterte er sich für Bomberjacken, für die sein Label heute besonders bekannt ist. Direkt neben dem Eingang des Pariser Ateliers hängt sein erstes Modell, bereit, getragen zu werden. Die Bomberjacke sieht auf den ersten Blick klassisch aus, glänzender Stoff, dunkelblau. Aber auf der rechten Seite ist als Bruch ein roter Wollstoff eingesetzt.

Zeichnungen von Lutz Huelle hängen in seinem Atelier an der Wand.
Zeichnungen von Lutz Huelle hängen in seinem Atelier an der Wand.
© Maja Hohenberg

Es war 2016, kurz vor der Schau der Herbst/Winter-Kollektion, eigentlich war keine Zeit mehr. Da nahm der Designer die Schere, schnitt in seine eigene Bomberjacke von Alpha Industries und modellierte sie neu. Das Ergebnis war so überzeugend, dass es zu einer Kollaboration mit Alpha Industries kam. Seitdem gibt es jede Wintersaison ein bis zwei neue Modelle.

Dass seine Entwürfe etwas mit seinem Alltag zu tun haben, ist ihm bis heute wichtig geblieben. Die Teile für die Herbstkollektion 2022 hängen auf Kleiderstangen im Pariser Atelier. Eine alte Jeansjacke wurde überarbeitet, der Kragen abgeschnitten, unter den Ellbogen öffnen sich blütenkelchartige Ärmel. Getragen wird sie mit einem violetten Paillettenrock aus Jersey. T-Shirts werden durch pinkfarbene Puffärmel dramatisch. Der aktuelle Bomber bekam einen Schalkragen.

"Alle Konventionen, was man zu bestimmten Anlässen tragen kann, werden irgendwann enden."

Huelle liebt es, sich mit klassischen Teilen zu beschäftigen und sie in einen neuen Zusammenhang zu bringen. Er überdenkt die Art und Weise, wie wir klassische Mode tragen, und interpretiert Struktur, Volumen und Identität der Stücke neu. Dieses Konzept nennt er Dekontextualisation.

Ständig fragt er sich: „Wie zieht man sich morgen an? Wie ändert sich unser Leben? Wie muss Mode übermorgen funktionieren?“ Huelle kam zu dem Schluss, dass alle Konventionen, die vorschreiben, was man zu bestimmten Anlässen tragen kann und was nicht, irgendwann enden werden.

Lutz Huelle in seinem Atelier mit seiner ersten Bomberjacke.
Lutz Huelle in seinem Atelier mit seiner ersten Bomberjacke.
© Maja Hohenberg

Zum Gallery Weekend kommt Lutz Huelle jedes Jahr nach Berlin und sieht dann manchmal Menschen, die seine Kleidungsstücke tragen: „Wenn das dem entspricht, was du dir ausdenkst, habe ich meine Arbeit als Designer getan.“ Obwohl er nun schon so lange im Ausland lebt, vermisst er oft seine Heimat, vor allem fehlen ihm der Humor und die Familie: „Mit Leuten, die dieselbe Kultur haben wie du, einfach, weil man im selben Land aufgewachsen ist, kannst du Dinge anders teilen.“ Heimat, das sind für Huelle weniger die Orte, wo man aufgewachsen ist, als viel mehr die geteilten Erfahrungen, die Kommunikation ohne Worte.

Momentan lehrt er an der Kunsthochschule HEAD in Genf Mode und ist im ständigen Austausch mit den Studierenden. Kürzlich besuchten sie ihn in seinem Pariser Atelier. Für Huelle ist das Wichtigste, sich nicht mit anderen zu vergleichen, sondern sich klarzumachen, dass man als einzigartige Person auch einen einmaligen Weg vor sich hat. Der jungen Generation zu zeigen, wie das geht, sieht er als seine Aufgabe. Auch, weil durch den Druck der sozialen Medien die Rivalität viel größer geworden ist. „Man muss darauf vertrauen, dass es in Ordnung ist, wenn man seinen Weg geht. Ich habe am eigenen Leib erfahren, dass das funktioniert. Das ist einer der Gründe, warum wir heute noch da sind.“

Maja Hohenberg

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