„Fische fühlen Schmerzen nicht so wie wir Menschen“

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Interview mit Victor Eras : „Können Fische schreien?“
One-on-one-Battle. Angeln ist eine Lektion in Demut, einen großen Fisch zu kriegen ist nicht einfach.
One-on-one-Battle. Angeln ist eine Lektion in Demut, einen großen Fisch zu kriegen ist nicht einfach.Foto: imago/Westend61

Das Gesetz sagt, dass man Tiere nicht „ohne vernünftigen Grund“ fangen darf. Spaß und Anerkennung gelten in der Regel nicht als vernünftiger Grund.

Klar, wenn man fragt, ob das moralisch 100 Prozent korrekt ist, kann die Antwort nur lauten: eindeutig nein. Aber ist es das, wenn wir mit dem Auto zum Bäcker fahren? Das findet der Eisbär in der Arktis wahrscheinlich auch nicht so dolle. Und was ist mit den Millionen Küken, die geschreddert werden, damit ein Ei zehn Cent günstiger ist? Geschieht ebenfalls alles aus niederen Beweggründen. Wenn ich eine Liste mache der schlimmsten moralischen Vergehen gegen die Tierwelt, dann steht Angeln so ungefähr auf Platz 150 000. Ich bin durchaus bereit zur kritischen Diskussion, doch das Problem ist dieser Drang nach moralischer Überlegenheit. Tierschutzorganisationen könnten alle Angler anzeigen, zeigen jedoch auch nur die an, bei denen es medienwirksam ist. Es geht denen um Spendengelder oder Selbstdarstellung.

Welche Rolle spielen Gedanken des Tierwohls, wenn man am Wasser steht?

Man hat natürlich gute Verdrängungsmechanismen entwickelt. Aber wir diskutieren unter uns drüber: Wie viel Leid fügen wir den Fischen wirklich zu?

Würden Sie noch angeln, wenn Fische schreien könnten?

Die Frage ist doch, ob sie überhaupt schreien würden.

Es gibt Studien wie die von der Universität Liverpool, die darauf hindeuten, dass Fische sehr wohl Schmerzen empfinden können.

Ja. Und es gibt Studien wie die von Robert Arlinghaus vom Leibniz-Institut, die sagen, dass Fische keine Großhirnrinde haben und Schmerzen nicht so fühlen wie wir Menschen. Das deckt sich auch mit meinen Erfahrungen. Einen gefangenen Barsch habe ich mal in den Kescher mit vielen kleinen Köderfischen gesetzt. Eine halbe Stunde später hatte der alle aufgefressen. Ich würde erwarten, dass ein Fisch, der leidet, sich nicht gemütlich 20 kleine Plötzen reinzieht. Und ein Hecht, den ich zurückgesetzt hatte, war zehn Minuten später wieder an der Angel. Der scheint beim ersten Mal kein Trauma fürs Leben abbekommen zu haben. Aber natürlich kann man Dinge optimieren.

Welche denn?

Zum Beispiel Widerhaken weglassen. Zander können, wenn man sie zu schnell aus zu großer Tiefe rauszieht, wie Taucher sterben. Deswegen sollte man im Winter, wenn sie tief stehen, auch nicht auf sie angeln. Und besonders die ältere Generation neigt beispielsweise häufiger noch dazu, Heringe in den Eimer zu schmeißen und da verrecken zu lassen.

Fühlen Angler kleinen Fischen gegenüber anders als großen?

Kleine Fische fängst du manchmal massenhaft. Da hat man schon das Gefühl, dass die ein bisschen dämlich sind. Und so ein großer Fisch, den kriegst du halt nicht so einfach. Da denkt man sich: Das ist hier der Chef im Wasser, der hat mehr erlebt, dem zollt man Respekt. Du wirst einen hundertjährigen Baum auch nicht einfach fällen, aber kleine Triebe, die gerade rauskommen, da tritt man drauf und sagt sich: Ist doch egal – auch wenn das natürlich eine fragwürdige Einstellung ist.

Warum thematisieren Sie tierethische Fragen nicht stärker in Ihren Videos?

Über das Thema Widerhaken habe ich in einer Sendung mal gesprochen. Wenn man wirklich etwas bewirken wollen würde, müsste man eine richtige Kampagne starten. Ich will aber eigentlich so wenig Politik in den Videos wie möglich. Mein Kanal wurde für Entertainment geboren. Durch „Ich geh’ angeln“ sind viele Jugendliche mit der Sache in Kontakt gekommen. Die sitzen nun nicht mehr zu Hause am Computer rum, sondern gehen raus in die Natur. Aber jetzt sind wir so erfolgreich, dass ich wohl nicht mehr drum herumkomme. Wie Spider-Mans Onkel gesagt hat: Aus großer Macht erwächst große Verantwortung.

150 000 Abonnenten haben Sie. Können Sie inzwischen davon leben?

Wir sind das reichweitenstärkste Medium für Angler in Europa. In Angelzeitungen kostet eine Din-A4-Seite Werbung ein paar Tausend Euro. Und die haben ein Zehntel von der Reichweite. Viele Unternehmen wollen weg von alten Medien. Wir sind also sehr gefragt, was Sponsoren angeht.

Das heißt: ja?

Ja.

Im Januar gab es ein Urteil, dass auch Blogger und Influencer deutlich zwischen Content und Werbung zu trennen haben. Müssten Sie in Ihren Videos jetzt eigentlich permanent „Dauerwerbesendung“ einblenden?
Das wäre wohl das Einfachste. Ich zeige am Anfang immer ein Banner mit den Sponsoren, die meine Arbeit unterstützen. Damit ist die Sache für mich erledigt. Ich kann nicht bei jedem Close-up auf mein Equipment „Werbung“ einblenden. Das macht mein Video kaputt. Dann müsste ich alles abkleben. Wenn man die Leute verarschen möchte, finde ich das nicht okay. Dass man aber jede Sekunde kennzeichnen muss? Ein bisschen Intelligenz muss man den Zuschauern schon lassen. Ein bisschen Mündigkeit.

Sie sagen, Ihr Ziel seien zehn Millionen Angler in Deutschland. Derzeit gibt es rund eine. Keine Angst, dass es bald zu voll wird am See?

Nö. Es passiert schon, dass ein Gewässer durch ein Video plötzlich überfrequentiert ist. Die Leute sehen: Da kann man was fangen, also fahr ich da auch mal hin. Aber meist ist man ja doch alleine. Es gibt noch genug Wasser, wo man angeln kann.

Ihr Tipp für Brandenburg?

In Brandenburg? Die Elbe!

Jetzt lachen Sie selbst.

Ja, weil die Elbe sehr, sehr lang ist. Die Leute wollen immer genau den einen Ort, wo sie hingehen und sofort was fangen. So funktioniert das aber nicht. Außerdem ist das bei Anglern ein wenig wie bei den Zauberkünstlern: Seine besten Tricks verrät man nicht.

Was ist mit den Fischen in Berlin?

Meine Tante hat mal für den Senat die Fische in der Stadt untersucht. Die waren alle essbar. Bei Aalen musst du aufpassen, wenn die in Regionen wie der Rummelsburger Bucht gefangen wurden oder im Teltow-Kanal. Da wird von abgeraten. Wegen des Quecksilbers. Aber es gibt hier sogar wieder Muscheln und Krebse. Für die Zander ist das Wasser in Berlin übrigens schon zu klar. Um die zu fangen, musst du jetzt nachts los, wenn es dunkel ist.

Und die essen Sie auch ohne Bedenken?

Klar. Besser als Fischstäbchen sind die allemal.

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