zum Hauptinhalt
Unterricht wird zur Konfiktzone.

© Daniel Karmann/dpa

Tagesspiegel Plus

„Ist doch normal, dass ein Junge ein Mädchen schlägt“ : Was Berliner Lehrer von muslimischen Schülern zu hören kriegen

Frauen und Juden werden verunglimpft, Mädchen ohne Kopftuch bedrängt, Morde wie der an Samuel Paty gerechtfertigt – drei Berliner Lehrer berichten.

Nach dem islamistisch motivierten Mord an Samuel Paty begrüßten auch in Berlin einige muslimische Schüler den Tod des Pariser Lehrers. Der 47-Jährige hatte im Unterricht das Thema Meinungsfreiheit behandelt und dabei auch die aus der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ bekannten Mohammed-Karikaturen gezeigt. Ein 18-jähriger Islamist enthauptete den Lehrer daraufhin am 16. Oktober in der Nähe seiner Schule.

 Der hat den Islam mit Füßen getreten, der hat bekommen, was er verdient hat.

Ein Siebtklässler nach dem Mord an Samuel Paty

Aus mehreren Berliner Schulen gab es in den Tagen danach Berichte, denen zufolge einige Schüler die Tat guthießen oder ihren Lehrern mit dem Tod drohten. Dazu kamen Schilderungen von grundlegenden Problemen mit der Integration von Kindern aus strenggläubigen Familien, die sich schon länger abzeichnen. Hier erzählen drei Lehrer aus ihrem Alltag.

Lehrer an einer Integrierten Sekundarschule in Schöneberg (Name der Redaktion bekannt)

An meiner Schule – wir haben einen hohen Anteil an Migranten – hat ein muslimischer Siebtklässler, 13 Jahre alt, am Tag der Schweigeminute zum Mord an dem französischen Lehrer Samuel Paty gesagt: „Der hat den Islam mit Füßen getreten, der hat bekommen, was er verdient hat.“

In einer neunten Klasse erklärte eine Schülerin, der Täter müsse doch geisteskrank gewesen sein, daraufhin erwiderte ein Schüler: „Wieso denn, wenn man jemanden umbringt, muss man doch nicht geisteskrank sein. Wenn jemand meinen Bruder tötet, töte ich zurück, das ist doch ganz normal.“

Es gab allein schon Diskussionen um die Schweigeminute für Paty. Muslimische Schüler sagten: „Weshalb findet die denn statt, jeden Tag passieren doch rassistische Taten.“

Problematisch wird es auch beim Thema Israel. In meinem Unterricht gab es den Fall, dass ein Siebtklässler darauf bestand, dass Israel als Land keine Existenzberechtigung habe und man das Land aus den Atlanten entfernen sollte. Dabei hatte ich im Unterricht nur den Umgang mit Atlanten gezeigt, es ging gar nicht um Israel.

Natürlich sagt ein Siebtklässler so etwas, weil er es zu Hause gehört hat. Das erzählte er auch unumwunden. Er sagte: „Mein Vater rastet völlig aus, wenn er das Wort Israel hört.“ Die Schüler, die so etwas erzählen, können das Thema gar nicht vertiefen, sie können keine weitergehende Erklärung dafür liefern, warum sie Israel hassen. Sie erzählen nur nach, was sie in der Moschee oder zu Hause oder sonst in ihrem sozialen Umfeld hören. Wenn man auf das Thema eingeht und sagt, dass Israel natürlich eine Existenzberechtigung besitzt, dass im Holocaust sechs Millionen Juden umgekommen sind, dann gibt es Gebrüll und Disziplinlosigkeiten.

Ich weiß nicht, ob wir Schüler mit jüdischem Glauben haben, ich kenne keine, und wenn, dann geben sie sich nicht zu erkennen. Aus gutem Grund. Wenn sie sich hier als Juden outen würden, dann wären sie mit Sicherheit in Gefahr. Vielleicht würden sie nicht zusammengeschlagen, obwohl diese Gefahr durchaus besteht, aber sie müssten ganz sicher mit Drangsalierungen rechnen.

Der französische Lehrer Samuel Paty wurde von einem Islamisten getötet, weil er im Unterricht Meinungsfreiheit thematisierte. Einige Berliner Schüler finden das richtig.

© Thomas COEX/AFP

Viele Schüler und Schülerinnen mit diesem muslimisch-kulturellen Hintergrund haben in meinem Unterricht, aber auch insgesamt an meiner Schule, keine Selbstdisziplin, was die Arbeit und das Auftreten in der Schule angeht. Auch die streng religiösen, teilweise fundamentalistischen Ansichten nehmen zu. Als ich hier von rund zehn Jahren angefangen habe, gab es an der ganzen Schule eine Schülerin mit Kopftuch. Jetzt sind es bis zu drei pro Klasse. Dabei hat sich aber der Migrationsanteil an unserer Schule nicht erhöht. Mittlerweile gibt es das erste pädagogische Personal mit Kopftuch. Hierbei handelt es sich um junge Frauen, die noch in der Ausbildung zur Sozialarbeiterin oder Erzieherin sind. Lehrer sind zur Neutralität verpflichtet, pädagogische Fachkräfte nicht?

Aber das ist doch eine Frau, die hat doch sowieso nichts zu melden.

Ein Schüler beim Besuch einer Polizistin in seiner Schule

Das macht sich auch am Umgang mit Mädchen und Frauen bemerkbar. Vor einiger Zeit kam ein Kollege mit einer Polizistin in voller Uniform in den Unterricht. Auf dem Gang sahen zwei muslimische Schüler die Frau. Der Lehrer erzählte, dass die Polizistin ein Projekt vorstellen wolle. Da erwiderte der eine Schüler verächtlich: „Aber das ist doch eine Frau, die hat doch sowieso nichts zu melden.“

Die Gewalt von muslimischen Jungs hat bei uns in der Schule auch eine besondere Qualität. Die Jungs im jugendlichen Alter haben ja schon eine gewisse Körpergröße und -stärke. In Rangeleien wird gerne untereinander zugeschlagen, teilweise hart gedroschen. Besonders beliebt ist der Schlag mit der flachen Hand in den Nacken. Natürlich greifen wir ein, wenn wir das als Lehrkräfte sehen. Aber da ist es ja schon zu spät. Doch ein Mädchen, das geschlagen wurde, sagte mal: „Das ist doch ganz normal, dass ein Junge ein Mädchen schlägt.“

Und natürlich wird Homosexualität abgelehnt. Bei uns an der Schule gibt es Homophobie, frei nach dem Motto: „Das ist doch unnatürlich und eklig.“ Diese Ansichten sind in allen Altersstufen verbreitet. Wobei die Jüngeren ganz sicher nur nachplappern, was die Älteren sagen.

Tilmann Kötterheinrich-Wedekind (49) leitet das Ernst-Abbe-Gymnasium in Neukölln

Ich mache mir Sorgen, dass bei meinen Schülern und ihren Eltern Grundwerte in Frage gestellt werden, die früher an diesem Gymnasium noch anerkannt waren. Da geht es im Großen um Demokratie-Erziehung und Toleranz. Rund 95 Prozent meiner Schüler haben arabische, türkische oder bosnische Wurzeln. Im vergangenen Schuljahr hatten von 612 Schülern nur 13 Deutsch als Muttersprache.

Dinge, die zu einer modernen Aufklärung gehören, werden entweder sehr reserviert aufgenommen oder zum Teil auch offen abgelehnt.

Schulleiter Tilmann Kötterheinrich-Wedekind

Es gibt in letzter Zeit häufiger Streit um die passende Kleidung im Sportunterricht und um Inhalte in der Sexualkunde. Ein ganz besonders krasser Fall: Ein muslimischer Vater wollte nicht, dass seine 14-jährige Tochter mit langen Leggings zum Sportunterricht geht. Denn man könnte ja noch nackte Haut zwischen den Schuhen und dem Ende der Leggins sehen. Er verlangte ernsthaft, dass sie in einem bodenlangen Kleid Sport macht. Das akzeptieren wir natürlich nicht, das geht schon aus Sicherheitsgründen nicht. Also ist das Mädchen jetzt in Straßenkleidung beim Sport. Da macht sie Schiedsrichter und erledigt andere Dinge. Klar ist aber, dass sie keine Note erhält. Wie soll bei ihr auch eine sportliche Leistung bewertet werden? Aber die Eltern nehmen das in Kauf.

Vertreter muslimischer Gemeinden verurteilen nach islamistischen Anschlägen wiederholt den Hass, hier Anfang November bei einer Kundgebung nach dem Anschlag in Wien.

© Fabian Sommer/dpa

Das ist in dieser Form ein Einzelfall. Und natürlich gelten diese Probleme nur für einen Teil meiner Schüler. Aber beim anderen Teil fehlt das Verständnis für andere Lebensformen und Demokratie. Ein ganz heikles Thema ist zum Beispiel der Sexualunterricht. Dort geht es um Verhütung, Aufklärung, Gefährdung durch Krankheiten, da werden bestimmte Körperteile benannt, das alles steht im Lehrplan. Das ist wichtig, damit die Kinder selber entscheiden können, wie sie ihr Leben gestalten.

Einige Eltern stellen den Antrag, ihre Kinder vom Unterricht zu befreien, immer mit dem Hinweis auf religiöse Punkte. Es gibt sogar die Forderung, so einen Unterricht generell zu beenden. Natürlich genehmigen wir das nicht. Aber dann haben wir den Effekt, dass viele dieser Kinder am Tag des Sexualkundeunterrichts plötzlich krank sind.

Und natürlich gibt es Diskussionen um den Biologie- und Sozialkunde-Unterricht, weil es dort auch um Homosexualität und Transgender geht, den Umgang mit solchen Lebensformen. Da gibt es tatsächlich Eltern, die fordern, nur eine Lehrerin, nicht aber ein Lehrer, solle Biologie unterrichten. Wir haben schon in der siebten Klasse Mädchen mit Kopftuch, und die Eltern sagen dann ernsthaft, das Mädchen trage es freiwillig.

Dinge, die zu einer modernen Aufklärung gehören, werden entweder sehr reserviert aufgenommen oder zum Teil auch offen abgelehnt. Wenn hier eine homosexuelle Lehrkraft unterrichten würde, die zu ihrer Sexualität offen steht, würde sie in meiner Schule auf massivste Probleme stoßen. Aber diese Lehrkräfte hätte natürlich meine volle Unterstützung. Und wenn hier eine neue blonde Lehrerin kommt, die kein Kopftuch trägt, dann nehmen ältere Schüler, die besonders religiös sind, diese Pädagogin erstmal nicht ernst.

Viele meiner Schülerinnen und Schüler leben in zwei Welten

Tilmann Kötterheinrich-Wedekind

Ich habe das Gefühl, dass viele meiner Schülerinnen und Schüler in zwei Welten leben. Da ist einerseits die Welt der Schule, die man akzeptieren und irgendwie überstehen muss, weil man ja Prüfungen und das Abitur bestehen will. Das wird alles oberflächlich gelebt, aber die Werte dieser Schule werden nicht verinnerlicht. Und da ist die andere Welt, in der es sehr traditionelle religiöse Regeln gibt.

Deshalb gibt es hier auch keine breite, offene Ablehnung des westlichen Wertesystems, und die Kollegen haben auch nicht wirklich Angst. Es würde einen großen Aufstand des Kollegiums geben, wenn eine Lehrkraft massiv von Eltern oder Schülern bedrängt würde.

Aber es schwelt latent etwas in der Luft, die Ablehnung ist immer Teil der Atmosphäre. Wir sehen das ja auch auf den Schulhöfen, da wird ganz anders geredet als im Klassenzimmer. Da sagen muslimische Schüler zu Mädchen, die sommerlich gekleidet sind: „Kannst du dich nicht mal verhüllen?“ Oder: „Kannst du nicht mal ein Kopftuch tragen?“ Wenn eine Lehrkraft so etwas hört, geht sie natürlich dazwischen und sagt: „Hör mal, das Mädchen kann selber entscheiden, was es macht, es geht dich gar nichts an, wie sie sich kleidet.“ Im schlimmsten Fall würden wir die Eltern zu einer Klassenkonferenz holen und ihnen klar machen, dass ihr Sohn diesem Mädchen nicht einen Funken mitzuteilen habe, wie sie sich kleidet.

Aber wir haben natürlich keinen Einfluss auf das Leben außerhalb der Schule. Wir können nur Veränderungen feststellen. Man wundert sich zum Beispiel, dass plötzlich ein Mädchen, das vor den Ferien durch den Schulhof getobt ist und an den Sportgeräten geklettert hatte, nach den Ferien plötzlich verhüllt und verschüchtert an der Wand des Schulhofs steht. Und wenn man fragt, was denn in den Ferien passiert ist, lautet die Antwort: „Ich war im Libanon.“ Tja, da hat dort dann wohl die Familie Klartext gesprochen.

Wir haben viele Moscheen in der Umgebung. Schüler erzählen, sie hätten keine Hausaufgaben machen können, weil sie noch Moschee-Unterricht gehabt hätten. Oder die Jungen achten nach dem Moscheebesuch plötzlich viel stärker auf die Einhaltung islamischer Regeln und haben Streit mit Mädchen, weil sie deren Verhalten kritisieren.

Ist doch richtig, dass Juden vergast werden. Schade, dass die Deutschen das nicht geschafft haben. 

Schüler einer Kreuzberger Schule

Ich habe hier ein hochmotiviertes Kollegium, wir haben arabische, türkische und bosnische Lehrerinnen und Referendarinnen, die natürlich kein Kopftuch tragen und die gerade für die Mädchen Vorbild und Vertrauensperson sind. Viele Schülerinnen im pubertierenden Alter kommen zu meinen Kolleginnen, weil sie denen Probleme anvertrauen und Fragen stellen können, zum Beispiel zur Verhütung. Zu Hause erfahren sie das ja häufig nicht.

Ein Lösungsweg? Zumindest für uns als Schule, vielleicht auch für Schulen mit ähnlich hohem Migrationsanteil, wäre es gut, wenn wir mehr Kinder aus so genannten bildungsbürgerlichen Haushalten hätten, in denen regelmäßig Deutsch gesprochen wird. Dann gäbe es eine bessere Mischung. Kinder wollen nicht belehrt werden, sie wollen selbst Erfahrungen sammeln. Und wenn sie mehr Kinder mit anderem biografischem Hintergrund kennenlernen, dann erfahren sie auch etwas aus einer Welt, in der Schweinefleisch gegessen wird und in der es keinen Ramadan gibt. Das wären völlig neue, spannende Erfahrungen.

Lehrerin aus Kreuzberg (Name der Redaktion bekannt)

Ich unterrichte an einer Schule in Kreuzberg mit einem hohen Anteil von Schülerinnen und Schüler mit einer Migrationsgeschichte. Ein Abiturient erzählte, dass eine große Mehrheit der Schüler antisemitisch und homophob sei, aber aus Angst vor schlechten Noten, werde dies im Unterricht nicht laut gesagt.

Wenn das Thema Holocaust im Geschichtsunterricht auftaucht, dann wurde schon in leisen Zwischenrufen gesagt: „Ist doch richtig, dass Juden vergast werden. Schade, dass die Deutschen das nicht geschafft haben.“ Oder: „Es stimmt; stimmt doch, dass die Juden das ganze Geld haben.“ Wenn dann der entsprechende Lehrer oder die Lehrerin den Zwischenruf aufgreift und die Dinge klar stellen will, dann lauten Antworten: „Das dürfen Sie nicht gar beurteilen.“ Oder: „Wir haben unsere eigenen Regeln.“ Ein Schüler hat mir Schutz angeboten, sollte ich selber mal bedroht werden.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
true
showPaywallPiano:
false