Kolumne: der Kinderdok : Corona: Jeder für sich – für alle

Kinder sind von der aktuellen Pandemie wenig betroffen, sie haben höchstens leichte Symptome. Trotzdem ist die Angst groß. Empfehlungen aus der Praxis.

Kinderdok
Zum Schutz vor Ansteckung sind auch in Berlin die Spielplätze geschlossen - die meisten Berliner halten sich daran.
Zum Schutz vor Ansteckung sind auch in Berlin die Spielplätze geschlossen - die meisten Berliner halten sich daran.Foto: dpa

Unser Autor betreibt eine Praxis in Süddeutschland, bloggt unter kinderdok.blog und berichtet hier von seiner Arbeit in Zeiten der Pandemie.

Kinder- und Jugendärzte sind aktuell in einer komfortablen Position: Unsere Patienten sind von der Pandemie wenig betroffen. So ist der derzeitige Wissensstand. Kinder erkranken, aber mit geringen Symptomen und ohne hohe Anzahl von schweren Verläufen, geschweige denn Todesfällen. So kommt uns eher eine Beraterrolle zu, die Eltern sind besorgt, weil verunsichert von Medien und Hörensagen. Die Praxen sind allerorts bemüht, zu besänftigen, Aktionismus zu kanalisieren, Empfehlungen zur Eindämmung der Infektion zu kommunizieren.

Es gibt nicht einmal Nestschutz für Säuglinge

Am wichtigsten: das social distancing, also das Vermeiden von Menschengruppen. Das Zuhausebleiben. Die gewissenhafte Hygiene mit regelmäßigem Händewaschen sowie Husten und Niesen in die Ellenbeuge. Die Rücksicht auf gefährdete Personen – nicht zuletzt die Omas und Opas unserer kleinen Patienten. Das Virus macht vor keiner Altersgruppe halt. Es gibt nicht einmal Nestschutz für Säuglinge. Aber wie so oft bei Viruserkrankungen, etwa auch bei der Influenza, sind es die Kinder, die Überträger sind. Sie sind in Kitas und Schulen vernetzt wie keine andere Altersgruppe, sie verteilen die Viren und bringen sie nach Hause. Wer ein Kind hat, weiß, wie häufig man als Eltern teilnimmt an allen Magen-Darm- und sonstigen Rotzviren aus Kita und Schule. So ist es diesmal auch. Die Kleinen tragen es weiter und infizieren schließlich die Alten.

Als Eltern haben wir die Verantwortung der Zwischengeneration: Unsere Kinder und unsere eigenen Eltern voneinander fernzuhalten – so schwierig das zu organisieren und schmerzlich es gerade für die Großeltern ist. Wer aber alte Menschen in der Nachbarschaft hat: Klopft freundlich an, sagt Bescheid, klärt auf, helft beim Einkaufen, helft bei alltäglichen Dingen, benutzt das gute alte Telefon für ein Schwätzchen, für den so wichtigen Sozialkontakt. Sonst sind wir für die hohe Sterblichkeit in der älteren Bevölkerung mitverantwortlich! Beim Abflachen der Infektionswelle darf bei den Älteren nur noch ein müder Ausläufer ankommen.

Haltet die Gruppen klein!

Noch mal: Bleibt zu Hause. Bleibt in der Familie. Begrenzt eure Kontakte auf möglichst kleine, wiederkehrende Gruppen – damit eine mögliche Infektion nicht in die nächste Gruppe getragen wird. Natürlich ist es schwer, ein Kleinkind ohne Kita-Kontakt zu hüten, ein Schulkind ohne den täglichen Unterricht. Aber die fehlende Gesellschaft aus den Betreuungseinrichtungen darf nicht durch Massentreffen auf dem Spielplatz oder dem Jugendtreff kompensiert werden. Dann haben wir nur ein school- aber kein social distancing.

Es geht eine Krise durch das Land, die kaum greifbar ist, unsichtbar. So etwas macht uns am meisten Angst. Wir können niemanden verantwortlich machen und suchen trotzdem nach einem Schuldigen. Nach jemandem, der zu spät reagiert hat, der zu zögerlich die Grenzen geschlossen oder zu wenig Hilfsmittel bereitgestellt hat. Aber hier gibt es keine Schuld. Eine Infektion ist eine Infektion ist eine Infektion. Wir können uns nur sehr wenig vor ihr wappnen, wenn sie erst langsam, dann immer zügiger, aber sicher jeden einzelnen betrifft. Wir sollten nur auf uns alle zeigen, und auf uns selbst. Denn das Einzige, was wir tun können, muss jeder Einzelne tun.