Auf tschechischem Territorium gelten freundlichere Preise

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Kulinarische Bahnreise : Im Knödelexpress gen Prag
Monika Rozenbergová kümmert sich um das Wohlergehen der Passagiere.
Monika Rozenbergová kümmert sich um das Wohlergehen der Passagiere.Foto: Thilo Rückeis

Rudiš schwärmt vom Lendenbraten mit viel Rahmsauce und sechs (!) Scheiben Serviettenknödel, statt der im Lokal üblichen vier. Der süßsauer angemachte Gurkensalat mit gestifteltem Gemüse schmecke genau wie bei seiner Mutter. Die Kellner nennt er Wirte. Denn wenn Rudiš im Speisewagen sitzt, hat er das Gefühl, sich in einem böhmischen Gasthaus zu befinden. „Das ist kein Bistro.“

Man muss nicht bis nach Prag fahren, um in den Genuss dieses Wirtshauses auf Rädern zu kommen. Ein Trip von Berlin nach Hamburg oder Dresden reicht. Wobei man dann allerdings den schönsten Abschnitt der Strecke, entlang der Elbe zwischen Dresden und Prag, verpasst.

Der Eurocity ist sogar günstiger als der deutsche ICE. Noch billiger wird es, wenn die Happy Hour schlägt. Wann sie das tut, wirkt etwas ominös. Im EC 11, so liest man in der Speisekarte, reicht sie von 13.25 bis 17.39 Uhr, im EC178 von 6.32 bis 7.58 Uhr. Die Lösung: Auf tschechischem Territorium gelten die freundlicheren Preise, damit auch Böhmen und Mähren sich den Besuch leisten können. Der Krug frisch gezapftes Pilsner Urquell – der Bestseller an Bord, gefolgt von Gulaschsuppe und Delikatesswürstchen – kostet dann nur 1,40 Euro. Entsprechend Hochbetrieb herrscht in dieser Zeit.

Viermal im Jahr wird die Speisekarte ein bisschen verändert. Zur Feier des 100. Geburtstags der tschechischen Unabhängigkeit bekommen die Gäste verschiedene Gerichte aus der Zeit der Ersten Republik serviert, im Moment die milchige Hühnersuppe Kaldoun, mit Nudeln und Leberknödeln. Keine raffinierte Sterneküche, solide Hausmannskost.

Handys und Laptops sind hier unerwünscht

Die tschechische Schlaf- und Speisewagengesellschaft JLV, zu der auch Bahnhofsläden und -lokale gehören, feiert in diesem Jahr ihren 60. Geburtstag. Nach der Wende wurde sie teilprivatisiert, jetzt gehören noch knapp 39 Prozent der Bahn. 2012 wurde das kulinarische Konzept erneuert. Die Rezepte für die traditionelle Kost hat man verbessert und modernisiert, es gibt glutenfreie Gerichte und immer noch jede Menge Fleisch. Zusatzstoffe kommen nach eigenen Angaben nicht in die Töpfe. Die Köchin klopft tatsächlich noch das Schnitzel an Bord (für Jaroslav Rudiš „eine schöne Eisenbahnmusik“), aber auch hier wird ein Teil der Speisen aufgewärmt. Die Erbsen kommen aus der Büchse, die Sahne aus der Sprühdose. Im internationalen Vergleich steht der tschechische Speisewagen dennoch vorne: Bei einem Wettbewerb 2018 kam er auf den ersten Platz.

Dabei wurde da nur die Gastronomie, nicht die Stimmung, die Ruhe bewertet. Weil der tschechische Speisewagen kein Großraumbüro ist, sondern ein Wirtshaus, wird der Gast auf der ersten Seite der Speisekarte höflich darauf aufmerksam gemacht, dass Handys und Laptops hier unerwünscht sind. „Wir bemühen uns, unseren Gästen eine ruhige und ungestörte Atmosphäre gewährzuleisten (sic).“ „Das ist doch nicht schön, wenn einer sein Schnitzel genießen will, und dann brüllt ein anderer ins Telefon“, sagt Monika Rozenbergová, Produktmanagerin der JLV, die ab und zu noch als Steward einspringt. Allerdings ist die Bitte so diskret platziert, dass sie nicht bei allen Reisenden ankommt.

Schwups, der Zug bremst unerwartet, Monika Rozenbergová schnappt sich den Latte, damit er sich nicht über die Tischdecke ergießt. Wenn der Zug wackelt, springen manchmal die Zuckertütchen mit den lachenden Gesichtern drauf hoch. Ein weiterer Grund, warum Laptops nicht erlaubt sind: Was, wenn ein Kellner in einem solchen Moment den Kaffee über die Tasten schüttet? Auch mit dem Miniwagen durch den Zug zu ziehen, hat was von Windsurfen, findet Rozenbergová. Die Kellner hätten starke Muskeln in den Oberschenkeln.

Katastrophen werden in Komödien verwandelt

Es ist ein harter Job. Vratislav, so groß, dass er fast an den Monitor stößt, der die Ankunfts- und Abfahrtszeiten angibt, macht ihn seit zwölf Jahren. Heute fährt er mit seinem Team von Berlin nach Prag, und nach einer Stunde Pause, in der sie neue Vorräte ein- und leere Flaschen ausladen, geht’s zurück über Berlin nach Kiel. Am nächsten Tag retour. Der ausgebildete Koch hat früher selbst ein Restaurant geführt. Ihm gefällt der Rhythmus, acht Tage intensive Arbeit, acht Tage frei (wenn nicht gerade jemand krank wird). Seiner ersten Frau gefiel er weniger. Die Ehe sei daran zu Bruch gegangen. Inzwischen hat er eine tolerantere Gattin. Man merkt ihm den Spaß an: Auch als das Betriebstempo anzieht, läuft er pfeifend durch den Gang, schwingt mit dem Zug mit.

Die Stimmung unter den Kollegen wirkt freundlich. Und Katastrophen werden, wie es dem böhmischen Klischee entspricht, in Komödien verwandelt. Der Schriftsteller Jaroslav Rudiš erzählt von einem Fall im vergangenen Jahr, als ein tschechischer Zug zwischen Hamburg und Berlin in ein Unwetter geriet, alle Passagiere evakuiert wurden. Die Speisewagenmannschaft blieb an Bord, um die Vorräte zu bewachen. Drei Tage lang amüsierten sie sich, tranken ihr Bier, aßen kalte Ente mit ebenso kalten Klößen und spielten Karten. Fantastischer Stoff für ein Theaterstück, findet Rudiš. Anregungen holt er sich aus der Bahn jede Menge. Er hört zu, was an den Tischen geredet wird, beobachtet die Kellner, saugt alles auf. „Ich bin überzeugt, dass man die besten Bilder nicht erfinden kann. Die muss man gesehen haben.“

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