ARD-Film über Hanni Lévy : „Ich war da, ich war blond, ich war Berlinerin“

In der Nazizeit war die Jüdin Hanni Lévy untergetaucht. Ein grandioses Dokudrama in der ARD erzählt ihre Geschichte.

In dem Film „Die Unsichtbaren“, den ARD um 20 Uhr 15 zeigt, spielt Alice Dwyer die junge Hanni Lévy. Die gebürtige 94-jährige Berlinerin lebt heute in Paris.
In dem Film „Die Unsichtbaren“, den ARD um 20 Uhr 15 zeigt, spielt Alice Dwyer die junge Hanni Lévy. Die gebürtige 94-jährige...Foto: NDR/Tobis Film GmbH

7000 Juden haben sich im Krieg in Berlin versteckt, 1500 haben überlebt. Die Erlebnisse von vier Jüdinnen und Juden hat Claus Räfle in einem beeindruckenden Dokudrama verfilmt. Frau Lévy, wie war es für Sie, Ihr Leben auf der Leinwand zu sehen?

Mir ist durch den Film erst klar geworden, dass ich es noch relativ leicht hatte. Eugen Friede und Cioma Schönhaus, die auch im Film vorkommen, waren ja nur durch den Umstand verdächtig, dass es in Berlin damals so gut wie keine Männer ohne Uniform gab. Ich dagegen war ein junges Mädchen, allein …

… das klingt umso gefährlicher. Haben Sie lange darüber nachgedacht, was Sie riskieren, wenn Sie untertauchen?
Nein. Es war ein Impuls, als meine Großmutter deportiert wurde. In der letzten Nacht habe ich bei ihr geschlafen. Wir saßen den ganzen Tag da mit ihrem Köfferchen und haben auf den Moment gewartet. Spätnachmittags standen zwei Männer in der Tür, haben sie am Arm gepackt und in einen Lieferwagen verfrachtet. Sie war 88. In dem Moment schwor ich mir: Mich holen die so nicht ab. Ich hatte nichts mehr zu verlieren.

Sie waren damals 18 und auf sich gestellt.
Mein Vater war im Januar ’40 gestorben. Die Nazis hatten ihn ’39 zum Kartoffelbuddeln beordert. Er war schwer asthmaleidend. Meine Mutter war lange krank, irgendwas mit der Niere. Später gab es für Juden kaum mehr Medizin. Sie starb Anfang ’42. Danach lebte ich bei Freunden der Familie in der Augsburger Straße. Die wurden irgendwann abgeholt. Ich stand nicht auf der Liste. Das war mein Glück, dass man in Deutschland nach Listen geht.

Im Februar ’43 sind Sie dann der Deportation nur knapp entronnen.
Die hatten bei mir geklopft. Ich habe mich nicht gerührt. Draußen hörte ich Poltern, Schreie. Sie holten alle Juden im Haus ab. Als bei mir im Hinterhaus kurz Ruhe war, bin ich rauf auf den Dachboden. Da saß ich fest. Über den Hof konnte ich nicht. Ich erinnerte mich daran, dass Nachbarn eine Wohnung hatten, die bis ins Vorderhaus reichte. Bei denen habe ich geklopft. Doch der Nachbar sagte: „Hier können Sie nicht durch. Bei mir sind Abholer.“ Ich habe ihn beiseitegeschoben und bin vorne das Treppenhaus runter. Dann bin ich zu Freunden meiner Eltern in der Güntzelstraße gefahren.

Ein jüdischer Friseur hat mir die Haare blondiert

Waren die nicht jüdisch?
Ja, die organisierten einen Friseur, der hat mir die Haare blondiert. Dann haben sie es sogar irgendwie geschafft, mir eine Unterkunft zu besorgen: bei einer Hauswartsfrau in der Landgrafenstraße …

… die hat Sie versteckt.
Ich hab mich nicht versteckt. Ich begriff schnell, dass ich in der Masse verschwinden musste. Ich war ja jetzt blond. Nur hatte ich durch die lange Verfolgung eine geduckte Haltung. Ich musste mich anders geben, als ich es gewohnt war. Später hat mal jemand zu mir gesagt: „Sie sind der Prototyp einer arischen Frau.“ Leider hat er mir das nicht schriftlich gegeben.

Im Film sieht man eine Szene, in der Sie den Ku’damm entlanglaufen.
Ich bin ganz normal durch die Stadt gegangen. Nach ein paar Monaten hat mich die Familie Most bei sich aufgenommen. Das waren sehr kosmopolite Leute, die eine große Wohnung gegenüber vom Rathaus Charlottenburg hatten. Von Zeit zu Zeit ging ich ins Café Kranzler. Mir war klar, dass es besser war, in schicke Lokale zu gehen. Da suchten die niemanden.

Damals gab es sogenannte Greifer: Juden im Dienst der Nazis, die nach anderen Juden Ausschau hielten, die sie von früher kannten. Wussten Sie davon?
Eine frühere Kollegin erzählte es mir. Einen kannten wir sogar: Rolf Isaaksohn. Er hatte in der Fabrik in der Schicht gearbeitet, die uns ablöste. Irgendwann habe ich im Kranzler gesessen, mit dem Rücken zur Straße. Durch den Spiegel an der gegenüberliegenden Wand sah ich den Isaaksohn draußen vorbeilaufen, umringt von SA-Männern. Dann bin ich nicht mehr so oft ins Kranzler.

Menschen halfen

Sie wechselten mehrmals den Unterschlupf. Lebten Sie auch mal auf der Straße?
Nein. Ich traf auf unglaublich hilfsbereite Menschen. Ich war öfter im Kino am Nollendorfplatz. Einmal setzte sich ein junger Mann neben mich. Anschließend fragte er, ob ich mit ihm spazieren gehen würde. Ich war schon sehr blond damals. Er erzählte, dass seine Mutter an der Kinokasse sitze und mich immer sehe. Er müsse in den Krieg. Sein Vater sei über 30 Jahre älter. Er bat mich, von Zeit zu Zeit seine Mutter zu besuchen. Kurz darauf nahm Herr Most mich zur Seite: Ich könne nicht mehr bei ihm bleiben. Er würde verschwinden, weil er nicht noch mal eingezogen werden wolle. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich der Frau Kolzer zu offenbaren. Sie sagte: „Sie kommen zu mir.“

Was haben Sie abends in der Wohnung so gemacht? Brettspiele ...
… wir haben vor dem Radio gesessen. Und wenn es hieß, Einflüge über Hannover, sind wir ins unterste Geschoss des Bahnhofs Nollendorfplatz. Dort hatten wir feste Plätze. Ich saß bei einer Gruppe Nazis. Eines Tages sagten die zu mir: „Komm doch mal zu uns ins Büro, in die NSDAP.“ Ich weiß nicht mehr, was die von mir wollten, aber ich bin hin.

Hatten Sie Angst?
Nein. Das kann ich heute nicht mehr verstehen, aber ich war eine sehr freche Berlinerin geworden. Wir wohnten gegenüber vom Hauptquartier der SA, und wenn bei uns die Scheiben rausgeflogen sind, bin ich wie alle anderen dahin, „Heil Hitler, mir sind die Scheiben rausgeflogen.“ Das hat mich gerettet, dass ich mich so betragen habe wie jeder andere.

Sie haben Ihren Namen gewechselt: von Hanni Weißenberg zu Hannelore Winkler. Haben Sie sich darüber hinaus eine Legende überlegt, wie es Spione tun?
Nein. Keiner hat gefragt. Ich war da, ich war blond, ich war Berlinerin.

Wussten Sie, was auf dem Spiel stand? Im Film sagt Eugen Friede, dass er erst kurz vor Kriegsende von den KZs erfuhr.
Ich sogar erst danach, als ich mit Frau Kolzer zum ersten Mal wieder im Kino war. Die Amerikaner zeigten damals vor den Filmen Dokumentationen von den Konzentrationslagern. Wir haben nicht geglaubt, was wir da sahen.

Mein Platz war in Paris

Sie fingen in Paris ein neues Leben an.
Mein Onkel lebte dort, er ist nach Kriegsende nach Berlin gereist. Ich wollte nicht weg. Ich hatte hier zu viel erlebt. Aber Frau Kolzer und die Mosts fanden, dass mein Platz in Paris war.

Sind Sie noch öfter in Berlin?
Jahrelang nicht, mein Mann liebte es hier nicht sehr. Er hat im Holocaust seine Familie verloren, außer die Eltern. Er wollte, dass ich alles, was mit Berlin zu tun hat, vergesse, was ich niemals getan hätte. Ich habe darauf geachtet, dass meine Kinder Deutsch lernen. Aber ich habe auch alles getan, dass sie Franzosen werden.

Die Finanzierung des Films stand lange auf der Kippe. Wurden Sie ungeduldig?
Ich habe sogar mal irgendwo hingeschrieben, ich glaube an die ARD, dass es eine Unverschämtheit sei, dass jeder noch so blöde Film sofort rauskommt und der hier ewig aufgeschoben wird. Aber wenn man sich anschaut, was politisch zurzeit so los ist, kommt der Film genau zum richtigen Zeitpunkt.

Meinen Sie das Erstarken der Rechten in Deutschland?
Wir in Frankreich haben ja auch große Probleme. Und da kommt noch hinzu: Frankreich ist ein Land, das vielen Menschen eine neue Zukunft gegeben hat. Doch die Franzosen selbst sind stark von sich eingenommen, eigentlich fremdenfeindlich. Das gibt sich dann auch, denn die Leute, die kommen, werden ja selbst zu Franzosen. Sehen Sie, meine Kinder sind viel französischer als ich. So wird das auch mit den Flüchtlingen weitergehen. Sie werden Deutsche.

Das Interview führte Barbara Nolte.

"Die Unsichtbaren", ARD, Mittwoch, 20 Uhr 15

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