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Stimmen des Exils: Atmosphäre des Schreckens

Die Taliban schalten Medien systematisch aus und wandeln sie in Propagandaplattformen um, Journalisten werden verhaftet und ermordet. Eine Analyse.

Den Mund verbieten. Journalisten in Afghanistan müssen sich verstecken, die Taliban verordnen völlige Unterwerfung.
Den Mund verbieten. Journalisten in Afghanistan müssen sich verstecken, die Taliban verordnen völlige Unterwerfung.
© Wakil KOHSAR / AFP

Nach dem Sturz der Regierung und der Flucht des ehemaligen afghanischen Präsidenten Mohammad Ashraf Ghani drangen die Taliban am 15. August 2021 in Kabul ein. Vom Anfang der Machtübernahme begannen die Taliban die Feindseligkeit gegen die Meinungsfreiheit mit einer Welle von Drohungen, Verhaftungen und Folter von Journalisten und Medienaktivisten. Die Taliban haben die Medien und Journalisten seit ihrer Machtübernahme systematisch zensiert, indem sie Journalisten bedroht und festgenommen haben.

Berichten zufolge wurden in den vergangenen acht Monaten mehr als 60 Journalisten von den Geheim- und Sicherheitsdiensten der Taliban festgenommen, bedroht, gefoltert und inhaftiert. Im jüngsten Fall haben die Taliban letzte Woche zwei Journalisten der Fernsehsendungen „TV One, TV1“ und „Rahe Farda“ festgenommen, gefoltert und wieder freigelassen.

Mehr als 100 Journalisten wurden von Taliban ermordet

Der Geheimdienst der Taliban verfolgt eine Politik der Inhaftierung, Bedrohung und Folter kritischer Journalisten und Aktivisten, um den Druck aufrechtzuerhalten, die Medien zu kontrollieren und die Veröffentlichung von <<Fake News>> zu fördern, um die öffentliche Meinung zu verändern und zu verzerren und bisher waren sie in dieser Richtung erfolgreich.

Die Meinungsfreiheit ist eine der größten Errungenschaften des afghanischen Volkes und der internationalen Gemeinschaft in den letzten zwei Jahrzehnten, und mehr als 100 Journalisten wurden in den letzten zwanzig Jahren bei der Institutionalisierung dieses bedeutungsvollen Privilegs getötet. Berichte afghanischer Medien, einschließlich der „Nahade Rasanei NAI“ zeigen, dass die Mehrheit der Journalisten in den letzten zwei Jahrzehnten von den Taliban ermordet wurden.

Laut „Reporter ohne Grenzen“ (RSF) wurden seit der Machtübernahme der Taliban mehr als 200 Mediendienstleister in Afghanistan systematisch ausgeschaltet. Dabei verloren mehr als 6.000 Journalistinnen und Journalisten ihren Job, was eine Mehrheit von über 80 Prozent darstellt. Vier von fünf Reporter:innen haben ihren Job verloren

Die Informationseinschränkungen, anlaufende Inhaftierungen und Folter von Journalisten, sowie die Beschränkungen der Aktivitäten von Journalisten, insbesondere von Journalistinnen, die Weigerung der Taliban, den Betrieb von Medien zuzulassen, und die Einschränkung der Medienberichterstattung, gehören zu den wichtigsten Herausforderungen, vor denen Journalisten in Afghanistan stehen.

 Die Taliban wandeln freie Medien in Propagandaplattformen um

Der Geheimdienst der Taliban versucht mit Gewalt, Drohungen, Verhaftungen und Folter von Journalisten, alle Medien, einschließlich der freien Medien, in ihre „Propagandaplattform“ zu verwandeln. Leider waren einige freie Medien auf Anweisung und Anforderung der Taliban gezwungen, ihre Pläne zu ändern.

Außerdem gehen einige Beamte der Sicherheits- und Geheimdienste der Taliban regelmäßig zu Nachrichtenredaktionen und Medienanalyseabteilungen und kündigen an, dass die Medien nun unter der Kontrolle der Taliban stehen und dass sie ihre Veröffentlichungen gemäß ihren Anweisungen und Anforderungen arrangieren sollten.

Gleichzeitig verfügt der Taliban-Geheimdienst über die Telefonnummern prominenter Medienmanager und Journalisten, und sie rufen Journalisten sofort an und bedrohen sie, wenn kritische Nachrichten und Analysen gegen die Taliban veröffentlicht werden.

Jeden Tag berichten eine Reihe von Medienmanagern und meine ehemaligen Kollegen von einer Atmosphäre der Angst und Einschüchterung gegenüber ihrer Arbeit. Leider hat das Verhalten der Taliban Medienmanager und Journalisten unter starken psychologischen Druck gesetzt, was zur Folge hatte, dass eine große Anzahl engagierter Journalisten gekündigt haben.

 Journalisten fliehen und werden deportiert

Die Taliban haben eine Atmosphäre der Angst, des Schreckens und des Terrors geschaffen und Hunderte von Journalisten, Medienaktivisten und Medienmanagern sind gezwungener Weise aus Afghanistan geflohen, um ihr Leben zu retten.

Glücklicherweise ist es Hunderten von Journalisten mit Unterstützung der Bundesregierung und von Reporter ohne Grenzen gelungen, Afghanistan zu verlassen und in dieses Land überstellt zu werden. Gleichzeitig wurde eine Reihe afghanischer Journalisten in Zusammenarbeit mit anderen Ländern und einigen internationalen Medienorganisationen in andere europäische Länder, in die Vereinigten Staaten und nach Kanada versetzt.

Als Journalisten im Exil schätzen wir die internationalen Medienunterstützungseinrichtungen, insbesondere „Reporter ohne Grenzen“, die bei der Evakuierung und Umsiedlung einer Reihe von Journalisten nach Deutschland nach dem Sturz der Regierung geholfen haben. Wir bitten die Bundesregierung und die Medienschutzeinrichtungen darum, die Journalisten und freie Medien in Afghanistan weiter zu unterstützen.

Allerdings ist der Transfer von Journalisten aus Afghanistan seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine zu einem ernsthaften Problem geworden. Hunderte weitere Journalisten sitzen seit Monaten in Pakistan, Iran, Tadschikistan, der Türkei, Usbekistan, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar und Indien fest und versuchen, in sicherere Länder überstellt zu werden.

Gleichzeitig benötigen eine Reihe von Journalisten, deren Leben in Gefahr ist und die aus Angst vor den Taliban versteckt in Afghanistan leben, mehr denn je die Unterstützung von Medienorganisationen und pro-demokratischen und pro-Menschenrechtsorganisationen.Ich bekomme täglich verschiedene Nachrichten von ehemaligen afghanischen Kollegen und Journalisten, und alle benötigen Hilfe bei der Verlegung an einen sicheren Ort.

 Der Ukrainekrieg überdeckt die Verbrechen der Taliban

Leider hat Russlands Invasion in der Ukraine derzeit dazu geführt, dass sich die internationale Gemeinschaft, internationale Institutionen und ausländische Medien auf die Ukraine konzentrieren und die Verbrechen der Taliban gegen die Menschlichkeit und den anhaltenden Druck der Gruppe auf die Medien und die Menschen in Afghanistan vergessen.

Die Taliban nutzen mit Absicht diese Gelegenheit auch, um die Meinungsfreiheit und andere individuelle Freiheiten als grundlegendes Menschenrecht zu unterdrücken.

Derzeit schicken mehrere internationale Medien Journalisten an die Front des Ukrainekriegs, um über die Verbrechen der russischen Armee zu berichten und leider werden humanitäre Katastrophen, gezielte Tötungen durch Sicherheitskräfte der ehemaligen Regierung und die Folter von Journalisten durch die Taliban vom Krieg in der Ukraine überschattet.

Auf der anderen Seite haben die Taliban im vergangenen Monat eine Reihe von ausländischen Medienprogrammen eingestellt, die im vergangenen Monat ausgestrahlt wurden.

Die Taliban sprechen von einem Bekenntnis zu menschlichen Werten und Meinungsfreiheit, damit die Geberländer die Taliban-Gruppe anerkennen, aber in der Praxis unterdrücken sie das Volk weiterhin. Die Anwesenheit ausländischer Journalisten ermöglicht es, wahrheitsgemäße Informationen aus Afghanistan in die Welt zu übermitteln. Ich hoffe, dass die ausländischen Medien, indem sie ihre Reporter nach Afghanistan schicken, diesem wichtigen Thema Aufmerksamkeit schenken und der Welt ohne Zensur über die Verbrechen der Taliban berichten.

 Meinungsfreiheit ist eine Voraussetzung für Verhandlungen mit den Taliban

Am wichtigsten ist, dass in den letzten acht Monaten die Meinungsfreiheit und freie Medientätigkeit in den Verhandlungen einer Reihe von Ländern mit den Taliban nicht als Vorbedingung diskutiert wurden.

Die afghanische Mediengemeinschaft und Exiljournalisten erwarten von den Vereinten Nationen, den Vereinigten Staaten von Amerika, der Europäischen Union und anderen unterstützenden Ländern, dass die Gewährleistung von Meinungsfreiheit und freier Medientätigkeit eine der fünf Grundvoraussetzungen gegenüber den Taliban ist.

Es bedarf auch eines „Fonds zum Schutz der Meinungsfreiheit“ in Afghanistan, damit die Medienfreiheit und die Unterstützung unabhängiger Journalisten bestehen bleiben. Die internationale Gemeinschaft sollte in Abstimmung mit Medieninstitutionen einen kleinen Teil der humanitären Hilfe zur Unterstützung der Meinungsfreiheit, freier Medien und unabhängiger Journalisten bereitstellen.

Zu den wichtigsten Forderungen und Fällen, die die Meinungsfreiheit wiederbeleben können, gehört die Aufhebung von Informationsbeschränkungen für Journalisten, sowie die Aufhebung von Beschränkungen für die Tätigkeit von Journalistinnen. Außerdem die Durchsetzung des Gesetzes über Massenmedien, die Zulassung von Medieninstitutionen, die Verabschiedung des Gesetzes über den Zugang zu Informationen und die Verabschiedung der Kommission zur Untersuchung von Medienverstößen.

Ich hoffe, dass die internationalen Mediensponsoren und unterstützende Länder diese Fragen berücksichtigen werden, wenn sie sich mit den Taliban befassen.

Akbar Rostami ist Investigativer Journalist im Exil und lebt in Essen.

Dieser Text erscheint im Rahmen des gemeinsamen Projekts "Stimmen des Exils" von Tagesspiegel und Körber-Stiftung. Der Tagesspiegel hat seit 2016 regelmäßig Texte von Exiljournalist:innen unter dem Titel #jetztschreibenwir veröffentlicht. Die Körber-Stiftung führt Programme durch, mit denen die journalistischen, künstlerischen und politischen Aktivitäten exilierter Menschen in Deutschland gestärkt werden. Dazu zählen Kooperationen mit den Nachrichtenplattformen "Amal, Berlin!" und "Amal, Hamburg!" Am 16./17. Mai 2022 findet in Hamburg das Exile Media Forum mit dem Young Exile Media Forum statt, die größte Fachkonferenz in Deutschland zum Exiljournalismus. Zum Livestream am 16. Mai geht es hier.

Akbar Rostami

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