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Martha Mitchell, Gattin von Nixons Justizminister John Mitchell, war als „The Mouth of the South“ bekannt. Bei den Medien stand sie (Julia Roberts) wegen ihrer Offenheit hoch im Kurs, bei den republikanischen Parteifreunden ihres Mannes weniger.
© Starzplay

50 Jahre nach dem Watergate-Einbruch in Washington: „Deep Throat“ war nicht der einzige Whistleblower

Die Serie „Gaslit“ mit Julia Roberts erzählt den Polit-Skandal als Story einer vergessenen Whistleblowerin. Eine erstklassige Ergänzung zu „Die Unbestechlichen“ und „Nixon“.

Der Watergate-Skandal, der in den 1970er Jahren US-Präsident Richard „Tricky Dicky“ Nixon zu Fall brachte und eine Verfassungskrise auslöste, ist seit langem großes Kino. Doch Filme wie „Die Unbestechlichen“ mit Robert Redford und Dustin Hoffman als „Washington Post“-Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein oder Oliver Stones „Nixon“ zeigen nur einen Ausschnitt der Ereignisse vor und nach dem Einbruch in die Wahlkampfzentrale der Demokratischen Partei vor nunmehr 50 Jahren. Das macht die Starzplay-Serie „Gaslit“, die an diesem Sonntag online startet, überdeutlich.

„Deep Throat“, jener legendäre Whistleblower aus der Washingtoner Tiefgarage, war beileibe nicht der einzige, der die Verbindung zwischen dem Einbruch und dem Präsidenten öffentlich machte, wenngleich andere Akteure in Vergessenheit geraten sind. So wie Martha Mitchell, die sich auch als Frau von Nixons Wahlkampfmanager und Justizminister John Mitchell nicht den Mund verbieten ließ.

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Julia Roberts geht in der Rolle der aus den Südstaaten stammenden Politiker-Gattin auf. Sean Penn, der ihren Ehemann spielt, ist hingegen mit Übergewicht und Doppelkinn kaum wiederzuerkennen. Roberts hat sich ausdrücklich dafür stark gemacht, dass Penn diese Rolle übernimmt. Dabei treten die beiden Oscar-Preisträger in dieser Serie das erste Mal zusammen vor der Kamera auf.

[„Gaslit“, Starzplay oder im Starzplay-Channel von Amazon Prime Video, ab 24. April]

Als „The Mouth of the South“ stand Martha Mitchell gerne im Rampenlicht und bei den Medien hoch im Kurs, in den Game-Shows des Fernsehens ebenso wie in Frauen-Magazinen. Als Mutter eines Sohnes, der in Vietnam kämpfte, geißelte sie selbst als Frau eines der mächtigsten Vertreter der Nixon-Administration den Krieg in Fernost. Und als sie erkannte, dass es sich bei einem der Watergate-Einbrecher um einen Bodyguard handelte, der noch kurz zuvor sie und ihre Familie beschützt hatte, wollte sie auch dies öffentlich kundtun.

Niemand wollte ihre Wahrheit hören

Doch im Gegensatz zu „Deep Throat“ wollte niemand ihre Wahrheit hören. Nach Martha Mitchell wurde sogar eine Fehldiagnose benannt. Der Martha-Mitchell-Effekt besagt, dass selbst sachliche Hinweise und rational begründete Überzeugungen als Verschwörungsfantasien abgetan werden, wenn diese als zu abstrus angesehen werden. Ihr eigener Gatte diskreditierte sie als nicht zurechnungsfähig. Mit allen Mitteln wollten John Mitchell und seine republikanischen Freunde „Martha, the Mouth“ zum Schweigen bringen. Auch vor Gewalt und Drogen schreckten sie nicht zurück.

„Gaslit“ kann durchaus als komplementäre Aufarbeitung des Watergate-Skandals bezeichnet werden. Wobei die Bezeichnung TV-Drama sogar noch zu kurz greift, denn das, was Showrunner und Autor Robbie Pickering und Regisseur Matt Ross in sieben gut einstündigen Folgen erzählen, gleicht einer klassischen Tragödie, die niemanden unbeschadet zurücklässt. Und damit ist nicht allein Nixons wohlverdienter Rücktritt im August 1974 gemeint, sondern all die anderen damit verknüpften Schicksale.

In „Gaslit“ werden zu all den Namen in Pakulas „Unbestechlichen“, zu den ganzen Mitchells, Haldemans, Ehrlichmans, Hunts, McCords und Liddys, endlich auch die Figuren gezeigt, die fest zu Nixon standen und vor nichts zurückschreckten, um diesem Mann eine zweite Amtszeit zu erschleichen.

Der Begriff „Gaslit“ meint, jemanden mit psycholgischen Mitteln dazu zu bringen, an seiner eigenen mentalen Gesundheit zu zweifeln, ihn somit in den Wahnsinn zu treiben. Bei G. Gordon Liddy (genial: Shea Whigham), dem Ex-FBI-Mann und Mastermind hinter dem missglückten Watergate-Einbruch, war dies nicht einmal nötig.

Das Power-Paar von Washington: Nixons Justizminister John Mitchell (Sean Penn) und seine Gattin Martha (Julia Roberts). Ihre Offenheit brachte nicht nur die Republikaner in große Schwierigkeiten.
Das Power-Paar von Washington: Nixons Justizminister John Mitchell (Sean Penn) und seine Gattin Martha (Julia Roberts). Ihre Offenheit brachte nicht nur die Republikaner in große Schwierigkeiten.
© Starzplay

Anders als komplett verrückt kann man einen Mann wohl kaum beschreiben, der seine Hand minutenlang über eine Kerzenflamme hält und dabei einen wirren Vortrag hält, dass Geschichte nicht von schwachen Massen, Kommunisten, queeren Menschen oder Frauen geschrieben wird, sondern von Soldaten, die das Beste für ihren König wollen. „Das bedeutet stark zu sein, Amerikaner zu sein, Nixon zu sein.“ Die Szene ist umso passender, als dass die Serie auf dem „Slate“-Podcast „Slow Burn“ basiert.

Ins Spiel gebracht wurde Liddy von Nixons Rechtsberater John Dean (Dan Stevens), einem jungen Karrierejuristen, der mit seinem Porsche die Straßen von Washington unsicher macht. Aus diesem Saulaus sollte später ebenfalls ein Paulus werden, was er nicht zuletzt seiner Vorzeige-Ehefrau Maureen „Mo“ Dean (Betty Gilpin) zu verdanken hat.

Ein Held, der keiner sein wollte

Eine andere Figur, die von der Geschichtsschreibung nur am Rande erwähnt wird, ist der Wachmann Frank Wills. Ohne seinen Diensteifer hätten die „Klempner“ – so wurden die Einbrecher genannt, weil sie Lecks stopfen sollten – ihren Job unbemerkt durchziehen können.

„Gaslit“, das ist anschauliches History-TV, aber auch ein amerikanisches Sittenbild der Nixon-Ära mit Spendengalas als Jahrmarkt der Eitelkeiten und Parteitags-Convents, in der halbnackte Republikaner-Groupies dem Establishment den Abend versüßen. Richard Nixon ist hingegen nur einmal kurz aus großer Distanz im Oval Office von hinten zu sehen. Auch Bob Woodward und Carl Bernstein spielen dieses Mal keine Rolle, ebenso wenig wie „Deep Throat“. Angesichts des Watergate-Jahrestages am 17. Juni dürfte es allerdings noch einige Gelegenheiten geben, auch „Die Unbestechlichen“ und „Nixon“ zu sehen.

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