Doku über den Fotografen Willy Ronis : Über den Dächern von Paris

Mit Fotos wie des „Le petit Parisien“ und „Les amoureux de la Bastille“ wurde Willy Ronis bekannt. Arte widmet dem großen Pariser Fotografen ein TV-Porträt.

In seinem Nachlass hinterließ der Pariser Fotograf Willy Ronis 95 000 Negative.
In seinem Nachlass hinterließ der Pariser Fotograf Willy Ronis 95 000 Negative.Foto: picture-alliance/ dpa

Es sind ikonische Bilder, die ein jeder kennt, und doch ist der Name des Fotografen, der sie gemacht hat, nicht immer sofort parat. Da ist etwa das Bild des kleinen Jungen, der mit einem ellenlangen Baguette unterm linken Arm einen Trottoir heruntereilt und dabei übers ganze Gesicht strahlt.

Die Sonne steht hoch oben über der Stadt, denn der Schatten des Jungen eilt ihm direkt hinterher. „Le petit Parisien“ heißt diese anrührende Momentaufnahme aus dem Jahr 1952. Oder das Liebespaar, das von einem geschwungenen Jugendstil-Balkon auf die Dächer von Paris blickt, in der Ferne sind die Silhouetten von Notre-Dame und des Eiffelturms zu sehen, der Mann flüstert der Frau etwas zu, und wir, die Betrachter, sehen die Rückansicht der beiden, sodass es fast so wirkt, als sehe man selbst auf diese verzaubernde Metropole, gemeinsam mit den Liebenden. „Les amoureux de la Bastille“ heißt das Schwarz-Weiß-Foto von 1957, und es dürfte zu den bekanntesten Paris-Fotos überhaupt zählen.

[„Willy Ronis – Pariser Fotograf und Humanist“, Sonntag, Arte, 17 Uhr]

Willy Ronis (1910 – 2009) ist der Urheber dieser festgehaltenen Momente, die längst in das kollektive Gedächtnis der Menschen eingegangen sind. Ihm gilt die nach ihm benannte neue Dokumentation „Willy Ronis“ von Filmautor Vladimir Vasak, in der Archivaufnahmen und Interviews montiert sind, und es vor allen Dingen letzte Gespräche mit Ronis selbst sind, in den 2000er Jahren noch geführt, die die Doku sehenswert machen.

Ronis, der das biblische Alter von sagenhaften 99 Jahren erreichte, begegnet in seinem Leben früh schon der Fotografie. Sein Vater betreibt ein kleines Fotogeschäft am Pariser Boulevard Voltaire – dort lernt Willy alles, wenngleich er die Langeweile im Laden und die Banalität von des Vaters konventionellen Fotografien nicht mag. In armen Verhältnissen unterhalb Montmartres aufgewachsen, als Sohn jüdischer Einwanderer, sind es les gens, le peuple, die ihn interessieren. Er ist der Fotograf der kleinen Leute, der das unspektakuläre Alltagsleben, la vie quotidienne, einfängt. „Ich wurde ein Fotograf, der den Alltag in Szene setzt“, bekundet Ronis. „Sensationsaufnahmen waren eh nie mein Ding. Das Exotische interessierte mich nicht. Mich interessierten die kleinen Leute, das Leben im Viertel.“

Von den gefragten Berufsfotografen, die der sogenannten humanistischen Fotografie angehören, arbeiten Robert Capa und Henri Cartier-Bresson für die legendäre Agentur Magnum, während Robert Doisneau und Willy Ronis für die Agentur Rapho tätig sind. Es gibt zu dieser Zeit wohl kaum größere Namen als dieses Fotografen-Quartett. Doch Willy Ronis fällt etwas heraus, fällt aus dem Rahmen – er mag der Unbekannte unter diesen Bekannten sein.

In Paris fotografiert er, der 25 Jahre Mitglied der Kommunistischen Partei ist, die Gedenkfeier zur Oktober-Revolution oder auch die Feierlichkeiten 1953 zum Tod des Genossen Stalin. So erklärt Ronis auch: „Der Fotograf ist lediglich ein Zeuge. Ich denke nicht, dass er für sich beanspruchen kann, die Dinge zu ändern. Er kann Missstände anprangern. Er kann aufrichtig bezeugen, was er sieht, doch hier endet seine Rolle.“

Als Willy Ronis sich von seiner Agentur trennt, da diese andere Bildlegenden für seine Fotos verwendet als die, die er selbst verfasst, da nennt man ihn allenthalben „Willy, der Unerbittliche“. Denn: wer bricht schon mit einer renommierten Agentur wie Rapho.

Überhaupt mag es dieses Moment des Unangepassten sein, des Nonkonformen, das Ronis´ Leben und Arbeiten ausmacht. Fernab von jedem Glamour wird er zum Chronisten eines ganzen Jahrhunderts, der in den 1970er Jahren in Vergessenheit gerät und seine Miete in Paris nicht mehr bezahlen kann.

Später, als er nach einem ersten, erfolglosen Bildband es nochmals versucht, erneut einen Band seiner Arbeiten publiziert, wird ihm die Würdigung zuteil, die doch so lange fehlte. Etwa zwanzig Bildbände sollen folgen, eine große Retrospektive im Pariser Rathaus im Jahr 2005, zu der die Menschen draußen auf der Straße in langen Schlangen anstehen. Heute ist Willy Ronis untrennbar mit Paris, mit Frankreich verbunden. Er, der in seinem Nachlass 95.000 Foto-Negative hinterließ – darunter „Die Liebenden der Bastille“ und „Den kleinen Pariser Jungen“, der so glücklich mit dem frischen Baguette den Trottoir entlangrennt.

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