Erster Hörspiel-Podcast von Deezer : Der Thunberg-Thriller

Deezers erster Hörspiel-Podcast „Der Ausnahmezustand“ setzt bei den Klimaschutz-Protesten und der "Fridays for Future"-Bewegung an.

Greta Thunberg hat 2018 den Jugendprotest gegen den Klima-Wahnsinn in Gang gesetzt.
Greta Thunberg hat 2018 den Jugendprotest gegen den Klima-Wahnsinn in Gang gesetzt. Der Öko-Thriller von Deezer stellt die weiter...Foto: Herbert Pfarrhofer/AFP

Damit hatte man bei Netflix nicht gerechnet. Nach Veröffentlichung der Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ sah sich der Streamingdienst der Kritik ausgesetzt, damit würden Selbstmordgedanken gefördert. In der Serie erklärt eine 17-Jährige mit dreizehn Gründen, warum sie sich das Leben genommen hat. Eine Studie der Medizinischen Universität Wien fand heraus, dass die Selbstmordrate von Jugendlichen nach Veröffentlichung von „13 Reasons why“ tatsächlich zugenommen hat. Am Donnerstag nun startet der Audio-Streamingdienst Deezer sein erstes Podcast-Hörspiel. „Der Ausnahmezustand“ ist in Dänemark in einer nahen Zukunft angesiedelt. Das Land steht vor einer ökologischen Katastrophe – und wieder bringen sich Jugendliche selbst um.

„Wenn ich mich von meinem jungen Leben verabschiede, ist das ein Hilferuf“, hinterlässt Ida ihren Eltern eine Botschaft. Vater Jesper ist ein hochrangiger Geheimdienstmitarbeiter, Mutter Anita Polizeipräsidentin von Kopenhagen. Ida ist nicht die Einzige, die sich das Leben nimmt. Unter Jugendlichen, die allesamt aus privilegierten Familien stammen, kommt es zu einer Selbstmordwelle. Die Jugendlichen machen ihre Eltern dafür verantwortlich, dass sie nicht genug dagegen getan haben, dass das Land vor einer Klimakatastrophe steht. Radikale Gruppen verschiedener Couleur, darunter Öko-Aktivisten und -Terroristen, Islamisten und rechtsextreme Gruppen, greifen den Staat an. Derweil übernimmt ein korrupter Geheimdienstchef sukzessive die Herrschaft im Lande. Eine explosive Gemengelage also.

Als Greta Thunberg noch ein schwedisches Phänomen war

Als Vorlage diente das dänische Krimi-Hörspiel „Into my Dream“ der Autoren Christian Dorph und Simon Pasternak. Es wurde im Oktober 2018 mit dem Prix Europa in der Kategorie „Special Commendation Radio Fiction“ ausgezeichnet. Zu der Zeit waren die Umweltaktivistin Greta Thunberg und die „Fridays for Future“-Bewegung noch ein vorwiegend schwedisches Phänomen.

Bei Deezer laufen bereits gut ein Dutzend Podcasts, darunter auch ein True-Crime-Format, aber ein Podcast-Hörspiel war bislang nicht darunter. „Das war der nächste Schritt für uns“, sagte Ben Fawkes, der bei Deezer für den Audio-Content zuständig ist und sich für „Into my Dream“ als Premierenstoff starkmachte, dem Tagesspiegel. Für 2019 ist noch ein weiteres Hörspiel geplant, ein serieller Mystery-Podcast. Das Interesse der Deezer-Nutzer nach Podcast-Formaten ist ungebrochen. In den zurückliegenden beiden Jahren hat sich die durchschnittliche Hörzeit von Podcasts mehr als vervierfacht. „Unser Ziel ist es, mehr neue Ideen zu entwickeln“, sagt Fawkes über die Mischung aus seriellem Hörspiel und Podcast. Vom „Ausnahmezustand“ wird am Donnerstag zum Start eine Doppelfolge veröffentlicht, die übrigen sechs Folgen werden im wöchentlichen Rhythmus bereitgestellt. Ein Abo wird nicht benötigt. Die Hörer, die den werbefinanzierten freien Zugang nutzen, können sich ebenso von dem Podcast-Hörspiel unterhalten lassen.

Und wie viel Scandi Noir steckt in „Der Ausnahmezustand“? „Von dem, was der Stoff verhandelt, könnte er gerade derzeit an vielen Orten in Europa handeln“, erläuterte Matthias Kapohl, der bei der Deezer-Produktion Regie geführt hat. Viele Bilder aber, die das Hörspiel erzeugt, so wie das Düstere und Schroffe und die Verletzlichkeit der Figuren, seien Zutaten, die man von skandinavischen Thrillern kennt. Für Deezer wurde der Stoff komplett überarbeitet, inklusive Komposition einer eigenen Musik. Bevor Kapohl in Berlin ins Studio ging, tauschte er sich mit dem dänischen Regisseur Thomas Bjerregaard aus.

Dass „Der Ausnahmezustand“ für Deezer produziert wird, spielte für Kapohl indes keine Rolle. Anfangs wusste er nicht einmal, dass das Hörspiel für einen Streamingdienst und nicht wie sonst zumeist für einen Radiosender entstehen sollte. Positiv überrascht war Kapohl dann jedoch, „dass wir einen so guten Cast zusammenbekommen haben. So was muss schließlich auch bezahlt werden.“ Bei der Besetzung fällt auf, wie viele Schauspieler in einem ARD-„Tatort“ mitgespielt haben. In diesem Hörspiel mit seinen 25 Charakteren trifft dies unter anderem auf Peter Davor (Staatsschützer Jesper), Susanne Wolff (Polizeipräsidentin Anita), Peter Jordan (Geheimdienstchef Miller), sowie auf Elisa Schlott, Lars Rudolph und Husam Chadat zu.

Bei der Produktion selbst hatte Kapohl, der auch Radio-Features und -Dokumentationen macht, freie Hand. Im Mittelpunkt des Thrillers steht Geheimdienst-Mann Jesper. Kapohl hat dessen Bemühungen, den Selbstmord seiner Tochter aufzuklären, zu einem Verhör mit sich selbst genutzt. Am Ende jedes Tages geht Idas Vater dazu in ein stillgelegtes Büro und nimmt seine Ermittlungsergebnisse per Tonband auf. Der Hörer kann so direkt an Jespers Gedanken teilhaben. Auf die gleiche Weise erfährt man, welche Halluzinationen der Ermittler unter Hypnose erlebt hat, an welche Träume er sich in den Flashbacks plötzlich wieder erinnern kann. Die tote Tochter (Marleen Lohse) kommt in Rückblenden zu Wort, nicht nur aus der Zeit kurz vor ihrem Freitod, sondern auch mit Episoden als zwölfjähriges Mädchen.

Keine Anleitung zum Selbstmord

Überhaupt sind es die Brüche und Wendungen, die das serielle Format tragen. Warum hält Jesper so große Stücke auf den zwielichtigen Miller? Wieso protestiert er nicht heftiger dagegen, dass ihm und seiner Frau eine öffentliche Beerdigung der Tochter verwehrt wird? Welche Berührungspunkte gibt es zwischen Öko-Bewegten und Islamisten? Und kann die Selbstmordwelle gestoppt werden?

Eine Anleitung zum kollektiven Selbstmord ist dieses Hörspiel jedenfalls nicht. Es werden weder Tipps gegeben, wie man am besten aus dem Leben scheidet, noch werden Gründe aufgezählt, warum man dies als Jugendlicher tun sollte. Das würde auch gar nicht zur aktuellen Klimaschutz-Debatte passen. Die jungen Klimaschützer überall in Europa fordern schließlich gerade dazu auf, sich in die Proteste einzureihen, um mit friedlichen Mitteln für eine lebenswerte Zukunft auf diesem Planeten einzutreten. Von Resignation keine Spur also. Dafür aber ein Hörspiel-Podcast mit starker Atmosphäre und aufsteigender Spannungskurve.

„Der Ausnahmezustand“, Deezer, Hörspiel-Podcast in acht Folgen.

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