Expertise in der Schweiz : Wie viel Medienpatriotismus braucht das Land?

Demokratisch verfasste Gesellschaften und funktionierende Informationsmedien: Ein Langzeitblick auf die journalistische Qualität in der Schweiz.

Stephan Russ-Mohl
Konzentration, Profession. Die Zeitungen der AZ-Medien und der NZZ-Mediengruppe, eines der größten Medienunternehmen der deutschsprachigen Schweiz.
Konzentration, Profession. Die Zeitungen der AZ-Medien und der NZZ-Mediengruppe, eines der größten Medienunternehmen der...Foto: picture alliance/dpa

In der Schweiz ist kürzlich die zehnte Ausgabe des „Jahrbuchs Qualität der Medien Schweiz“ erschienen. Dieses Jubiläum ist vielleicht die noch wichtigere Nachricht als die beunruhigenden Befunde, mit denen die Forschergruppe um Mark Eisenegger von der Universität Zürich neuerlich aufwarten. Denn in Europa ist es bislang wohl einmalig, dass über ein Jahrzehnt hinweg Forscher kontinuierlich verfolgen, wie sich in einem Land die Qualität der Medien und des Journalismus entwickelt.

Einmal mehr hat die Schweiz, die nicht zur EU gehört, eine Vorreiterrolle übernommen. Was anderswo nur vermutet oder sporadisch ermittelt wird, können die Forscher als langjährigen Trend belegen: Selbst in einem reichen Land, das mit seinem Bildungsbürgertum, seiner direkten Demokratie und seinem hohen bürgerschaftlichen Engagement in einem föderalistischen Gemeinwesen in vielfacher Hinsicht eine Sonderstellung innehat, geht es mit der journalistischen Qualität langfristig bergab.

Vor allem bei der Einordnungsleistung, bei der Relevanz und bei der Vielfalt der Berichterstattung hapert es – und das in Zeiten der Digitalisierung, wo hochwertiger Journalismus proliferierender Desinformation entgegenzuwirken hätte.

Das Kernproblem: Desinformation und Fake News gibt es gratis, solider, recherchierender Journalismus kostet dagegen Geld, und die Zahlungsbereitschaft des Publikums für Online-News ist auch in der Alpenrepublik gering. Dem durch Aufklärung entgegenzuwirken, können auch die Jahrbuch-Autoren nur versuchen.

In der Schweiz scheint das immerhin partiell zu gelingen: Falschnachrichten und Desinformation sowie der damit einhergehende Vertrauensverlust in Medien und Journalismus sind in anderen europäischen Ländern, auch in Deutschland und Österreich, ein weitaus gravierenderes Problem. Die Forscher bescheinigen den Schweizer Medien – trotz des diagnostizierten Abwärtstrends – insgesamt „hohe Professionalität im Informationsjournalismus“, was „vertrauensbildend aufseiten des Publikums“ wirke.

Der konstatierte Verlust an Medienvielfalt ist unmittelbare Folge zunehmender Medienkonzentration und der Zusammenlegung von Redaktionen, die damit einhergeht. Die drei größten privaten Medienkonzerne – Tamedia, Ringier und NZZ – haben in der Deutschschweiz bei der Presse einen Marktanteil von 83 Prozent und bei den Online-News von 71 Prozent. In der französischsprachigen Westschweiz ist die Pressekonzentration noch höher. Dort kontrolliert mit Tamedia ein einziges Unternehmen den Großteil des Marktes.

Als besorgniserregend stufen die Wissenschaftler weiter ein, dass Plattformen wie Facebook, Google, Whatsapp, Snapchat oder Instagram an Bedeutung gewinnen. Sie verändern die Art und Weise, wie Nachrichten konsumiert werden. Diese würden „immer weniger als gebündeltes Gesamtangebot einzelner Medienmarken“ genutzt.

Das Überangebot an (Gratis-)Nachrichten hat den Forschern zufolge auch einen überraschenden Nebeneffekt: Unter den Mediennutzern wächst rapide die Bevölkerungsgruppe, die von Nachrichten kaum noch erreicht wird. Sie macht inzwischen in der Schweiz 36 Prozent aus. Im Jargon der Medienforscher sind das die „News-Deprivierten“, also Menschen, die Nachrichten entbehren.

Was für deutsche Ohren ungewöhnlich klingen mag

Ein Kommentator der linksalternativen „Wochenzeitung (WOZ)“ meinte allerdings, treffender wäre es, dabei von „News-Deprimierten“ zu sprechen, von Menschen, deren Gesellschaftsbild „geprägt von Berichten über Skandale und Krisen, Unfälle und Katastrophen“ sei, denen sie offenbar zu entfliehen suchten, indem sie wie Vogel Strauß den Kopf in den Sand steckten.

Angesichts der Gefährdung der Demokratie durch die Medienentwicklung fordern die Autoren etwas, was für deutsche Ohren ungewöhnlich klingen mag: mehr „Medienpatriotismus“. Das soll heißen: eine mutigere Medienpolitik mit mehr „indirekter und direkter Medienförderung" und mehr Einsatz beim Aufbau einer gemeinsamen digitalen Infrastruktur für Informationsjournalismus“.

Jede demokratisch verfasste Gesellschaft brauche funktionierende Informationsmedien. Die medienpolitische Diskussion müsse die globale Dimension wesentlich stärker berücksichtigen, statt sich in internen Klein-Klein-Diskussionen zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Anbietern zu erschöpfen. Auch mehr Kooperation zwischen Verlagshäusern und dem öffentlichen Rundfunk sei erforderlich. Das alles sind Schlussfolgerungen, die auch hierzulande überfällig wären.

Interessant ist auch, welches Medienecho das Jahrbuch über die Jahre hinweg erfahren hat. Neugierigem Interesse für die erste Ausgabe folgte eine Phase des No-Reporting, in der sich die hochkonzentrierte Schweizer Medienbranche der Berichterstattung weitgehend verweigerte, weil man die unbequemen Befunde offenbar nicht weiterverbreiten wollte. Dann wurde indes das Medienecho, das ja als Resonanzboden wichtig ist, wenn mit der Qualitätsforschung etwas erreicht werden soll, von Jahr zu Jahr freundlicher.

Nur noch beim Qualitätsranking, das die Forscher seit ein paar Jahren veranstalten, gab es den ein oder anderen kritischen Kommentar. Der Chefredakteur des „Bündner Tagblatts“, Andrea Masüger, hat sich regelrecht vom Saulus zum Paulus gewandelt: Einst ein scharfer Kritiker, beglückte er die Zürcher Forscher jetzt mit einer Lobeshymne – sie würden immer wieder „die gemeinsame Sorge um den demokratierelevanten Journalismus“ antreiben.

Prominentes Vorbild der Zürcher Forscher ist der jährliche „State of the News Media“-Bericht des Pew Research Center in den USA. Dahinter steht allerdings eine finanzstarke Stiftung.

Wer dagegen weiß, wie schwierig es geworden ist, solche Langzeit-Forschungsprojekte in Europa auf den Weg zu bringen und ihre Finanzierung zu sichern, kann sich eigentlich vor den Forschern nur in Ehrfurcht verneigen und an ein Wunder glauben, wenn er jetzt die zehnte Version des Jahrbuchs in Händen hält.