Fernsehen in der Coronakrise : Abschalten durch Einschalten

„Du bist so schön braun. Warst Du in Urlaub?“ In der Coronakrise findet das Fernsehen zu sich selbst.

Im Homeoffice: Serien wie „The Bay“ auf ZDFneo mit Ermittlerin Lisa Armstrong (Morven Christie) lassen sich prima stückeln und strecken.
Im Homeoffice: Serien wie „The Bay“ auf ZDFneo mit Ermittlerin Lisa Armstrong (Morven Christie) lassen sich prima stückeln und...Foto: ZDF und Ben Blackall

Wir amüsieren uns zu Tode. Neil Postman konnte nicht ahnen, wie recht er hat. Darum gehen wir jetzt auch nicht auf Partys, in Konzerte oder Fußballstadien. Postman aber hatte den Satz auf das Fernsehen gemünzt. Das allerdings bietet uns jetzt Trost und Zuflucht.

Den ganzen Tag blicken wir auf Bildschirme, meist aber schauen wir nur noch in private Räume. Alle Regale, Kunstdrucke und Tapeten der lieben Homeoffice-Kolleginnen und Kollegen kennen wir schon. Dann werden wir zugemüllt mit Tipps und Tricks zum Selbernähen von Mund- und Nasenschutz oder gegen die Langeweile. Andere Ratgeber verlangen das glatte Gegenteil: Wir sollen uns einlassen auf Muße und Einkehr. Endlich den Keller aufräumen, um aus der „existentiellen Verunsicherung“ herauszukommen, empfiehlt der Kultursender 3Sat.

Wir wissen das, weil wir – damit aus dem Lockdown kein Knockdown wird – gerade dabei sind, die ruhige Kraft des klassischen Fernsehens wiederzuentdecken. Was für Günther Anders noch ein Vorwurf war, dass nämlich das Fernsehen aus der Familie, die sich einst im Kreis versammelte, nun einen Halbkreis macht, in dem alle auf das Gerät schauen statt einander in die Augen, ist uns Trost. Ein versammelter Halbkreis ist allemal besser als das ständige Gewusel über Stühle, Sofas und Bänke hinweg.

Anfangs dient noch die Informationsbeschaffung als Vorwand für den allabendlichen TV-Konsum. Nach dem etwa siebzehnten Corona-Spezial-Kompakt-Sonder-Extra-Brennpunkt, in dem exakt das Gleiche wiederholt wurde, was vorher in den Nachrichten zu sehen war, keimen Fragen auf: Sieht das Virus wirklich so aus wie ein Stachelbällchen? Gibt es irgendwo noch einen Virologen, der noch nicht im Fernsehen war? Arbeitet er einfach oder ist er traurig?

Dann die kleine Überraschung aus der Mediathek

Dann die Werbung: „Du bist so schön braun. Warst Du in Urlaub?“ fragt eine turnende Dame die andere. Blöde Frage. Ist doch verboten. Natürlich hat sie eine Creme benutzt! Vom Fragen dämmert man allmählich hinüber ins Meditieren. Schrittweise emanzipiert sich die Tätigkeit des Fernsehens von jedem konkreten Inhalt.

Man ertappt sich: Lieber Füchse im Regierungsviertel als Frank Plasberg, Kater Jimmy in „Tiere suchen ein Zuhause“ sticht eindeutig Tina Hassel und den „Bericht aus Berlin“ aus. Noch wird zwar ein ganzer Abend Afghanistan auf Arte eingeschoben, aber schon die Serie „The Bay“ auf ZDFneo lässt sich wunderbar stückeln und strecken.

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Das Fernsehen verbreitet derzeit das wohlige Gefühl, trotz Nichtstun einigermaßen informiert zu sein. Zum Mitreden bei Exponentialfunktionen und Aerosolen reicht es allemal.

Das Fernsehen führt zu einem Flow: Heino Ferch guckt streng und Anna Loos zieht eine Flunsch. Wie immer. Alles wie gehabt. Geborgenheit im Ritual.

Dann die kleine Überraschung aus der Mediathek: Ach, beim Fußball-WM-Halbfinale Deutschland-Italien 1970 wurde Siggi Held für Bernd Patzke eingewechselt? Das hätte ich nicht mehr gewusst. Dann wieder Ischgl – jetzt auch in „Frontal21“.

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