Fernsehkritik-TV wird eingestellt : „Manche nennen es eine Eselei“

Holger Kreymeier beendet nach elf Jahren sein Onlinemagazin "Fernsehkritik-TV". Gespräch über Frust und Lust mit dem Medium.

Ausgehämmert. Holger Kreymeier startete 2007 sein Onlinemagazin Fernsehkritik-TV, ausgezeichnet mit einem Grimme Online Award. Am 1. September ist Finale. Kreymeier betreibt das Alsterfilm-Studio und den Onlinesender Massengeschmack-TV.
Ausgehämmert. Holger Kreymeier startete 2007 sein Onlinemagazin Fernsehkritik-TV, ausgezeichnet mit einem Grimme Online Award. Am...Foto: Richard Ohme

Herr Kreymeier, Sie stellen Anfang September nach elf Jahren Fernsehkritik-TV ein. Begründung: „Fernsehen ist inzwischen langweilig geworden, und ich habe das Gefühl, alles dazu gesagt zu haben.“ Kann das wirklich sein, dass zum Fernsehen alles schon gesagt worden ist?

Eigentlich sollte man ja meinen, dass das ein fortwährender Prozess ist. Allerdings muss ich leider wirklich feststellen, dass Fernsehen seit Jahren im Wesentlichen auf der Stelle tritt. Sicher gibt es vereinzelt auch mal eine Innovation – und die mache ich dann auch zum Thema. Aber das reicht nicht mehr, um zwei Mal pro Monat rund 45 Minuten Programm damit zu füllen. Bei den Privaten habe ich das Gefühl, dass sie sich nichts mehr trauen. Sie sind im Würgegriff von großen Medienkonzernen, die möglichst ein Maximum an Dividende rausholen wollen. Da setzt man lieber auf Bewährtes, anstatt auch mal was zu riskieren und Geld zu verlieren. Und bei den Öffentlich-Rechtlichen ist es schlimmerweise genauso, obwohl die doch nun wirklich alle Freiheiten hätten, fortdauernd zu experimentieren. Aber kaum dass beim ZDF zum Beispiel „Bares für Rares“ gut läuft, werden gleich ein halbes Dutzend weitere Trödelshows gestartet, um das quotenmäßig voll auszuschlachten. Einfallsloser geht es nicht.

Trifft Ihr Frust vor allem das lineare Fernsehen von ARD über RTL bis ZDF? Was werfen Sie den Sendern konkret vor? Die Nutzerzahlen sind weiterhin beachtlich.

Bei der Generation 50+ mag das so sein, weil die noch ans gute alte lineare Programm gewöhnt ist. Aber bei den jungen Leuten ist Fernsehen doch out. Übrigens ist das gar kein Frust, der mich reitet. Ich freue mich ja zum Beispiel, dass viele Betrügereien, die ich vor zehn Jahren pausenlos zum Thema gemacht habe, inzwischen im Fernsehen nicht mehr stattfinden. Damals gab es ja ganze Sender, die nur dazu dienten, den Leuten rund um die Uhr das Geld aus der Tasche zu ziehen. All das hat sich inzwischen ins Internet verlagert – deswegen soll meine neue Sendung „Die Mediatheke“ auch entsprechend mehr da den Schwerpunkt haben.

Habe Beitrag zum Ende von 9Live geleistet

Hatten Sie je das Gefühl, dass Ihre Kritik etwas ausrichtet?

Als 9Live dichtgemacht hat, da gab es Leute, die mir bescheinigten, ich hätte dazu auch einen Beitrag geleistet. Empirisch belegen kann ich das aber nicht. Was ich aber immer wieder höre ist, dass mir Menschen sagen, ich hätte bei ihnen dafür gesorgt, dass sie ein anderes, kritischeres Bild vom Fernsehen bekommen haben und dies sich auch auf ihren TV-Konsum ausgewirkt hätte. So was freut mich natürlich sehr.

Sie lassen ja nicht locker. Mitte September startet Ihre neue wöchentliche Sendung „Die Mediatheke“. Was wird da geboten? Verdammung oder Empfehlung, Hauptsache skurril, gerne auch betrügerisch?

Nein, nicht Hauptsache skurril. Aber wie schon bei Fernsehkritik-TV wird die realsatirische Komponente natürlich auch eine Rolle spielen. Ich werde in der Sendung im Grunde das tun, was ich in der Anfangszeit von Fernsehkritik-TV damals gemacht habe: Betrügereien aufdecken, niveaulose Inhalte hinterfragen, Interviews führen, Strukturen aufzeigen. Dass zum Beispiel mit Funk ein öffentlich-rechtliches Angebot mitten auf der Kommerzplattform Youtube läuft, finde ich immer noch skandalös. Die Grenze zwischen öffentlich-rechtlich und kommerziell ist so verschwommen, das werde ich immer wieder zum Thema machen. In Österreich ist dem ORF gerade verboten worden, auch nur einen einzigen Youtube-Kanal zu betreiben, weil man eben gesagt hat, dass es eine klare Grenze zwischen öffentlich-rechtlich und kommerziell geben muss. In Deutschland interessiert das niemanden.

Springen Sie auf den Trend „High sein, frei sein, Streaming muss dabei sein“ auf?

Ich bilde mir immer noch ein, journalistisch ein bisschen tiefgründiger zu sein als manche, die da einfach die Kamera anschalten und dann eine Stunde irgendwas daherlabern. Dass ich das in erster Linie hinter einer Paywall tue, ist in der Tat ein Trend – aber das ist auch gut so. Wir sind im Netz endlich an dem Punkt angelangt, dass die Leute einsehen, dass journalistische Arbeit nicht immer und überall frei und kostenlos sein kann. Qualität hat ihren Preis – wobei mich das 45 Millionen Euro teure Funk auch hier ärgert. Dem journalistischen Wettbewerb im Netz hat man damit einen Bärendienst erwiesen.

Teamarbeit

Machen Sie das alleine oder im Team?

Wir arbeiten im Team. „Die Mediatheke“ setzt auch verstärkt auf Beiträge von außen, denn immerhin will ich das jede Woche machen. Da brauche ich Unterstützung. Und da ich das im Studio produziere, ist ohnehin Personal für Kamera und Schnitt nötig.

Fernsehkritik-TV gehört zur Plattform Massengeschmack-TV. Da finden sich Formate, die sich mit Serien, Kinofilmen, Medienkritik, Presseschau, Brettspielen beschäftigen. All das wird von Ihrer Firma Alsterfilm hergestellt. Was treibt Sie an?

Die Lust auf Unabhängigkeit. Es kann ja für einen Journalisten oder auch Chef eines Medienbetriebes, der ich ja auch bin, nichts Schöneres geben als nicht abhängig sein zu müssen von großen Playern, die einem jederzeit die Luft abdrehen können. Und der Druck der Werbeindustrie ist ja auch nicht gerade angenehm. Somit versuchen wir eben, ein werbefreies Programm zu machen, das auf die Abo-Beiträge der Zuschauer setzt. Im Grunde ist das ja nichts anderes wie die klassische Zeitung: Wer unser Produkt konsumieren will, muss eben was bezahlen. Früher war der Kiosk die Bezahlschranke, heute ist es die Paywall.

Wer Massengeschmack-TV nutzen will, muss abonnieren. Was sagen die Zahlen?

Wir haben rund 3000 Abonnenten und verdienen etwa 20 000 Euro pro Monat. Davon muss ich einen ganzen Online-Sender finanzieren. Da muss dringend noch was draufgelegt werden, denn mehr finanzielle Freiheit steigert natürlich auch die Qualität – und die wiederum lockt dann auch noch mehr Abonnenten an. Aber immerhin: Nach fünf Jahren kann ich sagen, es gibt uns noch. Und dass ich nun das beste Pferd im Stall – Fernsehkritik-TV – aufgebe, wird von manchen als Eselei betrachtet. Ich aber glaube, dass ich mit der Kritik am guten alten Fernsehen keine neuen Zuschauerschichten mehr erreiche, sondern nur meine treue Community damit versorge. Der Spagat muss nun beides erfüllen: Den harten Kern der Fans nicht verprellen und zugleich neue dazugewinnen.

Das Interview führte Joachim Huber.

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