Fußball-WM 2018 : Der neue Typus Spielerfrauen

Cathy Hummels & Co. bei der Fußball-WM 2018: Nur Anhängsel der Fußballstars? Das war einmal. Heute repräsentieren Spielerfrauen mindestens die Hälfte eines Power-Couples.

Fußball-WM 2018: Scarlett Gartmann (li.), die Ehefrau von Marco Reus, und Christina Raphaella Ginter, die Ehefrau von Matthias Ginter, beim Spiel Deutschland gegen Schweden in Sotschi.
Scarlett Gartmann (li.), Freundin von Marco Reus, und Christina Raphaella Ginter, Gattin von Matthias GinterFoto: dpa

Im Kopf klingt ein Schlager von Howard Carpendale aus dem Jahr 1970. Der Refrain geht so: "Das schöne Mädchen von Seite eins, das möcht' ich haben und weiter keins, vom Katalog aus dem Versandhaus möcht' ich das Mädchen von Seite eins." Es geht um Spielerfrauen, und schon in dem Wort schwingen viele Vorurteile mit. Immer gut drauf, immer gestylt, immer hübsch, immer lächelnd, immer in der VIP-Lounge, immer mit Louis-Vuitton-Tasche, immer unter Ihresgleichen. Und in der üppig bemessenen Freizeit geben sie das Geld ihrer profi-kickenden Gatten aus. Für Friseur und Mode, versteht sich.

Spielerfrauen - oft gelten sie als entindividualisierte Anhängsel, stets bereit, jedem Klischee zu entsprechen. Gern wird auch kolportiert, dass selbst Mehmet Scholl auf die Frage nach seinem Lieblingsberuf, wenn er nicht Fußballspieler geworden wäre, geantwortet hatte: "Spielerfrau." Mit deren Image jedenfalls steht's nicht zum Besten. Oder, wie es jüngst die famose Mode-Autorin Marie von den Benken formulierte: "Ist man Redakteurin bei der ,Emma' oder schreibt Bücher mit der Vokabel ,Aufschrei' im Titel, ist man vermutlich der Meinung, alleine der Begriff ,Spielerfrau' sei herabsetzend."
Kein Wunder, dass sich vor allem der Boulevard oder ein Modedesigner wie Michael Michalsky, als Juror bekannt von "Germany's Next Top Model", mit den Lebenspartnerinnen der deutschen Fußball-Nationalelf beschäftigen. Stimmt das Outfit, das Lächeln, die Pose? Schnell wird eine Rangliste erstellt. Wer ist bei dieser WM die schönste Spielerfrau im deutschen Team?

Die Leser des "Playboy" stimmten mehrheitlich für Christina Raphaella, die Frau von Abwehrspieler Matthias Ginter von Borussia Mönchengladbach. Doch die Konkurrenz ist hart. Die Freundin von Ersatz-Torwart Kevin Trapp ist das brasilianische Supermodel Izabel Goulart, die Freundin von Mittelfeldspieler Mesut Özil ist Amine Gülse, Schönheitskönigin der Türkei von 2014, Cathy Hummels, die Frau von Mats Hummels arbeitet als Designerin. Michael Michalsky schreibt über sie: "Leider bringt so ein Leben an der Spitze der Spielerfrauen auch immer viele Neider und böse Kommentare hervor, die meiner Meinung nach ungerechtfertigt sind. Cathy, ich liebe deine Personality."

Vorbei jedenfalls sind die Zeiten des Heimchens am Herd, das sich, abgeschirmt von der Öffentlichkeit, ausschließlich mit Kinderaufzucht und Staubwischen beschäftigt. Vorbei auch die Zeiten der Spieler-Managerinnen. Über deren erste Vertreterin, Italia Walter, die Frau von Weltmeister Fritz Walter, spottete bereits Sepp Herberger: "Die kann nicht kochen, die kann nicht nähen, die macht unseren Fritz fertig."

Cathy Hummels stellt ihre Schuhkollektion vor.
Cathy Hummels stellt ihre Schuhkollektion vor.Foto: dpa

Das wäre heute ein Fall für #metoo

Heute wäre das ein klarer Fall für #metoo. In den neunziger Jahren versuchte Bianca Illgner, die Frau von Torwart Bodo Illgner, diesen Typus wiederzubeleben. Sie verhandelte mit Vereinen, rief nachts bei Bundestrainer Berti Vogts an, um darüber zu schimpfen, dass sie und ihre Kinder nicht mit der Mannschaft zu Abend essen durften. Aber derartige Interventionen hinterließen in der Regel nur Groll. Auch Angela Häßler und Martina Effenberg waren als Managerinnen nicht gerade erfolgreich.


Nach Russland, zum Team-Quartier in Watutinki, sind bislang nur wenige deutsche Spielerfrauen gereist. Vor einer Woche, nach dem verlorenen Spiel gegen Mexiko, besuchten Lina Meyer, die Freundin von Joshua Kimmich, und Cathy Hummels ihre Partner im Hotel. Die "Abendzeitung" titelte daraufhin: "Liebes-Doping bei Jogi: Spieler-Frauen richten DFB-Stars wieder auf."

In Sotschi wiederum, beim Spiel gegen Schweden, saßen dann Christina Raphaella und Marco-Reus-Freundin Scarlett Gartmann auf der Tribüne, aber Cathy Hummels war schon wieder zu Hause in München und posierte mit Sohn Ludwig auf einer privaten WM-Party. Als das Freistoß-Siegtor von Toni Kroos fiel, schrie sie so laut auf, dass der kleine Ludwig sich erschrak und zu weinen begann.

All das und noch viel mehr erfährt das Publikum frei Haus. Denn vor allem sind Spielerfrauen heute Influencer. Sie posten Bilder von sich und ihrem Leben unablässig auf Instagram, einige haben Hunderttausende Follower. Das macht sie zu Social-Media-Celebrities. Und weil damit zum Teil sehr hohe Werbeeinnahmen verbunden sind, ist das eine modern Form der Erwerbsarbeit.

Finanziell abhängig von ihren Partnern ist kaum noch eine Spielerfrau. Die neuen Vorbilder sind Ex-Spice-Girl Victoria Beckham, Pop-Ikone Shakira, verheiratet mit dem spanischen Nationalspieler Gerard Piqué, TV-Superstar Bruna Marquezine, die Mal-ja-mal-nein-Freundin von Neymar, Social-Media-Queen Maja Nilsson, Freundin von Schwedens Verteidiger Victor Lindelöf.

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Anhängsel? Das war einmal. Heute repräsentieren Spielerfrauen mindestens die Hälfte eines Power-Couples. Sind solche Beziehungen stabil? Nach dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft vor vier Jahren in Rio de Janeiro beherrschte der "WM-Liebesfluch" die Schlagzeilen. Lena Gercke und Sami Khedira trennten sich, ebenso Grace Capristo ("Monrose") und Mesut Özil, Sarah Brandner und Bastian Schweinsteiger, Kathrin Gilch und Manuel Neuer, Montana Yorke und André Schürrle - und, nach mehr als dreißig Ehejahren, auch Daniela und Joachim Löw. Aber das muss nichts heißen. Zumindest sollte die Angst vor einer Trennung nicht stärker sein als der Wille, den WM-Titel zu verteidigen.

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