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Humor im Fernsehen: „Hauptsache, das Publikum lacht“

Gagautor Christian Eisert über Schmidt, Pocher und die Grenzen des Humors. An guten Geschmack oder die Messlatte der Moral sollte man dabei nicht denken.

Für wen schreiben Sie, Herr Eisert? Wen machen Sie noch lustiger?

Derzeit für die Harald-Schmidt-Show bei Sky, Alfons & Gäste im SR/SWR, „Grünwald Freitagscomedy“ im Bayerischen Fernsehen und das Nachrichtenportal „TagesschAua“ bei Facebook.

Wessen Humor ist Ihnen da am nächsten?

Der von Schmidt, was vielleicht auch daran liegt, dass ich für ihn schon seit fast acht Jahren arbeite. Letztendlich spielt meine Präferenz keine Rolle, Gagschreiber haben eine Dienstleistung für ihren Auftraggeber zu erbringen.

Dass kann doch auch mal unangenehm sein, wenn ein Oliver Pocher oder ein Harald Schmidt sagt: „Mensch, Christian, das soll lustig sein?“

Oliver Pocher sagt gar nichts. Weil ich nur in der „Schmidt & Pocher“-Zeit für ihn schrieb. Harald Schmidt sagt auch nichts, weil wir uns nur einmal kurz im Theater die Hand schüttelten und sonst keinerlei Kontakt haben. Ich möchte diesen Kontakt auch nicht.

Wieso nicht?

Ich schreibe für Kunstfiguren. Ich muss genau Ton und Haltung treffen, die der Künstler in der Sendung vermittelt. Ihn außerhalb dieses Rahmens kennenzulernen, würde für mich dieses Bild von ihm nur verwässern.

Wie groß ist Ihre „Trefferquote“, was die Ablieferung von Gags betrifft?

Man muss wissen, dass ich, je nach Show, einer von bis zu 30 Außenautoren bin. Es stehen für jede Sendung ein paar hundert Gags zur Auswahl. Meine Trefferanzahl schwankt von Sendung zu Sendung zwischen null und drei. Rein rechnerisch war ich letztes Jahr in jeder Sendung dabei, für die ich geschrieben habe.

Dass muss doch ein seltsames Gefühl sein, wenn Ihre Gags dann im Fernsehen von anderen gebracht werden.

Och, ich freue mich auch nach fast zehn Jahren noch über jeden Gag, der von mir kommt. Da empfinde ich so eine Art Vaterstolz. Ich habe das Gagkind großgezogen und hinaus in die Welt gelassen. Nun hat es einen Partner gefunden, und beide sollen glücklich werden.

{Kann man Komik lernen?}

Was kostet ein Christian-Eisert-Gag?

Viele meinen, wir werden unanständig bezahlt. Das ist eine Frage der Perspektive und auch ein bisschen Glück. Man kann in zwei Minuten 120 Euro verdienen oder wochenlang nichts.

Comedians sprießen aus dem Boden. Gut für Sie und Ihresgleichen.

Wenn man unter Comedybereich außer Fernsehen auch Bühne und Bütt versteht, dann sind es sicher ein paar hundert Profis. Wenn wir von Fernseh-Gag-Zulieferern reden, so gibt es in Deutschland deutlich mehr Hirnchirurgen. Konkurrenz besteht an jedem Tag, an dem wir schreiben. Die Zahl der Abnehmer, sprich der Comedyformate, ist ja begrenzt. Letztendlich werden nicht Autoren gebraucht, sondern gute Gags.

Würden Sie diese Gags nicht auch mal gerne selber auf der Bühne präsentieren?

Grundsätzlich bin ich mit Leib und Seele Autor. Man vergisst bei allem Glanz und der Freude, die es macht, Menschen zu unterhalten, gern, wie kraftraubend es auf Dauer ist, hunderte Zuschauer oder gar Millionen vor den Bildschirmen in den Bann zu ziehen. Zudem ist das Leben als Comedian ein Knochenjob, der mit viel Reiserei, langen Abenden und wenig Wochenende verbunden ist. Zugegeben, Wochenende kenne ich auch nicht, aber meine vielfältige Autorenarbeit könnte ich dann nicht mehr leisten. Ich schreibe ja außer Gags und anderen Texten fürs Fernsehen auch Bücher. Und als Comedycoach stehe ich regelmäßig vor Menschen. Somit ist mein Maß an Präsenz und Öffentlichkeit mehr als erfüllt.

Welche Themen gehen nicht als Witz?

Alles geht witzig. Gestört wird höchstens das persönliche oder moralische Empfinden des Publikums. Diese Empfindlichkeiten muss man als Autor genau kennen, man muss wissen, welche Grenzen man wie weit überschreiten kann. Und zwar nicht, weil man gegen Moral verstößt, sondern weil sonst das Publikum nicht mehr lacht.

Als Comedycoach lehren Sie an Instituten das Handwerk des humorvollen Schreibens. Kann man Komik lernen?

Das Publikum mag eigentlich gar nicht wissen, dass Humor, ich rede jetzt nicht von Alltagskommunikation, sondern meine bewusst erzeugte Komik zum Zwecke der Unterhaltung und Erwirtschaftung von Erträgen… Sehen Sie…

Was?

… da geht es schon los, man will nicht hören, dass es da um wiederkehrende Strukturen geht und um ein Geschäft. Man will nur lachen. Dabei werden mit Humor Milliardenumsätze gemacht. Kurz und gut: Ja, man kann die Mechanismen der Komik lernen und gezielt einsetzen. Einige Autoren, die ich in Gruppenseminaren oder Einzelcoachings ausgebildet habe, machen mir inzwischen Konkurrenz.

Ihr Lieblingswitz?

Vor einigen Monaten war ich in Nordkorea und wurde bei einem Umtrunk von den Reiseleitern gefragt, ob ich einen deutschen Witz erzählen könne. Da habe ich meinen Lieblingswitz erzählt, und die Nordkoreaner meinten sehr höflich, bei Humor müsse ich noch viel lernen.

Das Interview führte Markus Ehrenberg

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