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Geschichten von zerstörten Leben. Aber auch Geschichten von Menschlichkeit und Hoffnung – mitten im Krieg.
© WDR/Mila Teshaieva

Reportage im Ersten: „Leben nach Butscha – Trauma und Hoffnung“ über den Alltag im Krieg

Eine ARD-Reportage begleitet Überlebende in Borodjanka, Butscha und Irpin, drei Kleinstädte, die über Wochen von der russischen Armee belagert waren.

Die 13-jährige Olenka sitzt allein im Klassenzimmer. Ihre Lehrerin hat einen Teil der Klasse dennoch versammelt, digital am Bildschirm. Jedes Kind berichtet, was es sich wünscht und wo es sich gerade aufhält, geflohen vor dem Krieg mit seiner Familie. Olenka dagegen ist mittlerweile wieder heimgekehrt nach Borodjanka, einen Vorort von Kiew. „Ich bin froh, weil ich daheim bin“, sagt sie später. Dabei sitzt sie an einem hübsch gedeckten Tisch im Garten, sie streichelt die Katze, die Bäume blühen.

In manchen Szenen der ARD-Reportage „Leben nach Butscha“ von Mila Teshaieva und Marcus Lenz scheint der Frieden ganz nah. „Aber das Leben wird nie wieder so sein wie früher“, sagt Olenka. Es sei ein seltsames Gefühl: „Als ob die Zeit stehen geblieben ist.“

In Wahrheit ist der Krieg stets präsent in diesem Film über die Menschen in Butscha, Irpin und Borodjanka: Die drei Vororte Kiews standen nach dem Abzug der russischen Armee für einige Tage im Zentrum der Öffentlichkeit – als Synonym für begangene Kriegsverbrechen, weil auf den Straßen die Leichen getöteter Zivilisten gefunden wurden. Mila Teshaieva und Marcus Lenz sind fünf Wochen später noch einmal dorthin gefahren, um „das Leben danach“ zu zeigen, wie sie zu Beginn ihrer Reportage aus dem Off kommentieren.

„Das Leben danach“

Immer noch werden Leichen entdeckt, in Säcken in Kühllastwagen gelagert, zu den Friedhöfen gefahren. Manche Tote können nicht identifiziert werden. Frauen sind auf der Suche nach den Leichnamen ihrer Männer, die aus provisorischen Gräbern geborgen wurden und im Chaos verloren gegangen sind. Es fehlen Särge. Yuri, in Friedenszeiten Leiter der Stadtwerke von Borodjanka, kümmert sich nun um Sarg-Nachschub und die Bestattung Hunderter Toter.

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Für die Überlebenden gilt es, den schwierigen Alltag zu bewältigen. Mila Teshaieva und Marcus Lenz begleiten einen Stadtrat, der zerstörte Häuser und verwüstete Wohnungen inspiziert, in Sorge vor hinterlassenen Sprengfallen. Sie besuchen Olga, die aus ihrem Restaurant während der Bombardements und der Besatzungszeit einen Schutzraum für die Nachbarschaft gemacht hatte.

Ihr mehrstöckiges Haus wurde ebenfalls getroffen. Es gibt kein Trinkwasser, für Licht sorgt eine Autobatterie. Als man ihren Mann den Rasen mähen sieht, inmitten einer Ruinenlandschaft, beweist die schlagfertige Olga schwarzen Humor: „Unsere Nachbarn flippen aus. Sie werden sagen: Mit diesem Spirit ist der Sieg unser.“

Rekruten-Vereidigung und Romantik

Bezeichnend für den ukrainischen „Spirit“ ist auch die Szene von der Rekruten-Vereidigung auf einem großen Platz in Irpin. Denn die ist gleichzeitig Schauplatz einer Hochzeit. Nach pathetischen Liedern, denkwürdigen Sprechchören („Ukraine – über alles, Putin – ist ein Pimmel“) und der Segnung der Rekruten durch einen Priester tanzt ein sich innig küssendes Brautpaar, ein Rekrut in Uniform und seine Braut in Zivil, unter den Hochrufen und dem Applaus der Umstehenden über den Platz.

„Trauma und Hoffnung“ lautet der treffende Untertitel der Reportage in der Reihe „Die Story im Ersten“, die sich auch dadurch auszeichnet, dass die Autorin und der Autor auf überflüssige Kommentare weitgehend verzichten.

[„Die Story im Ersten: Leben nach Butscha – Trauma und Hoffnung“, ARD, Montag, 11. Juli, 22.50 Uhr]

Als Ergänzung sei die „Frontal“-Dokumentation „Die Straße des Todes“ empfohlen, die nach der Ausstrahlung in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag nun in der ZDF-Mediathek abrufbar ist. Arndt Ginzel schildert darin mithilfe von Bildern ukrainischer Aufklärungsdrohnen das Schicksal mehrerer Familien, die auf der Schytomyr-Autobahn westlich von Kiew zur Zielscheibe russischer Soldaten wurden.

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