Medien in der Corona-Krise : Mehr Reichweite, weniger Werbung

Die Nutzung von TV, Zeitungen, Zeitschriften und Diensten wie Disney+ verändert sich schneller, als man eine Serie oder einen Film streamen kann.

Mehr Reichweite, weniger Werbung

Manche Erwartungen werden von der Realität in Corona-Zeiten schneller überholt als man Filme und Serien streamen kann. Das erlebt derzeit der Disney-Konzern. Eigentlich hatte der US-Entertainmentriese mit seinen Blockbuster-Inhalten von „Star Wars“ über Marvel-Comicverfilmungen bis hin zu den „Simpsons“ das Ziel ausgegeben, innerhalb von vier Jahren 60 Millionen Abonnenten für seinen Streamingdienst Disney+ zu gewinnen. Konkurrent Netflix hat über zehn Jahre benötigt, um auf seine 160 Millionen Abonnenten zu kommen.

Doch das von Disney ausgegebene Ziel erweist sich als deutlich zu tief gegriffen. Bereits fünf Monate nach dem Start in den USA im November 2019 hat Disney+ die Marke von 50 Millionen Kunden übersprungen. In der Mitteilung von Disney wird zwar nicht direkt auf die Corona-Pandemie eingegangen, ein Zusammenhang zwischen dem Wunsch nach Ablenkung in diesen schweren Zeiten und den starken Zuwachszahlen von Disney+ ist jedoch sehr wahrscheinlich.

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In Europa ist Disney+ erst am 24. März gestartet. Das Tempo ist überwältigend. Anfang Februar hatte Disney 28 Millionen Abonnenten vermeldet, seither haben sich die Zahlen annähernd verdoppelt. „Wir sind überwältigt, dass Disney + bei Millionen Menschen auf der ganzen Welt Anklang findet, und glauben, dass dies ein gutes Zeichen für unsere weitere Expansion in ganz Westeuropa und nach Japan und ganz Lateinamerika im Laufe dieses Jahres ist“, sagte Kevin Mayer, Vorsitzender der Disney-Consumersparte. Anders als Netflix muss der Konzern stark rückläufige Einnahmen aus dem Einbruch des Kinomarktes verdauen.

Die Mediennutzung nimmt derzeit über alle Gattungen hinweg gleichermaßen extrem zu. Die TV-Sehdauer stieg im März innerhalb eines Monats um 18 Minuten oder 7,9 Prozent auf 244 Minuten. Besonders stark fiel die Zunahme in der Gruppe der 14- bis 19-Jährigen aus, hier stieg die Fernsehnutzung sogar um 15,2 Prozent. „Vor allem jüngere Zielgruppen kehren auf der Suche nach qualitativ hochwertiger Information zum linearen Fernsehen zurück“, schlussfolgert die AGF Videoforschung.

Suche nach verlässlichen Medien

Diese Suche nach verlässlichen Informationen in der Corona-Krise, aber auch nach Ablenkung macht sich darum auch besonders stark bei den gedruckten Medien und ihren Online-Auftritten bemerkbar. Eine Zwischenauswertung der Arbeitsgemeinschaft Media Analyse (agma) ergibt signifikante Zuwächse in den vergangenen 30 Tagen. Demnach kommen Tageszeitungen auf eine um zehn Prozent höhere Reichweite. Kaufzeitungen steigern ihre Reichweite um 13 und regionale Abo-Zeitungen um elf Prozent. Bei Publikumszeitschriften liegt die Zunahme sogar bei 25 Prozent.

Diese an sich schon beachtlichen Daten werden von den Abrufzahlen im Internet jedoch nochmals übertroffen. Die durch Werbeeinnahmen finanzierten Informations-Portale erreichen im März einen neuen Höchststand von über elf Milliarden Visits. Gegenüber dem Rekordmonat Februar entspricht das einer nochmaligen Steigerung von 31 Prozent, wie die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern mitteilt. Den gestiegenen Nutzungszahlen stehen allerdings massive Einbrüche bei den Werbebuchungen gegenüber – sowohl im Print als auch Online.

Im Fokus des Interesses liegen erwartungsgemäß die Nachrichten-Bereiche der Angebote – aber auch Gesundheitsthemen sowie Seiten zu Essen und Trinken. Deutlich weniger gefragt sind hingegen Inhalte zu Reise und Touristik, Sport und auch Erotik.

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