Meinungsstürme im Digitalen : Was am Shitstorm mehr als Shit und Storm ist

Alles nur Entgleisung und Eskalation? Im Shitstorm stecken auch Argumente und ganz wichtig: Irrationales.

Geschafft! Seit 2013 findet der „Shitstorm“ auch im Duden statt.
Geschafft! Seit 2013 findet der „Shitstorm“ auch im Duden statt.Foto: jbh

Wenn es um Shitstorms geht, schwingt schnell der Vorwurf mit, dass es sich dabei nicht um ernstzunehmende Meinungsäußerungen handele. Beleidigend oder gar unflätig - pfui! Gesteuert von Trollen aus Russland! Alles gar nicht echt!

Aber: Können wenige Onliner so etwas tatsächlich auslösen, ja steuern? Curd Knüpfer, Politik-Professor an der FU Berlin, hält das für unwahrscheinlich. „Was man stattdessen beobachten kann, sind einzelne, sehr aktive Accounts, die gezielt Konflikte befeuern und damit bereits existierende Konfliktlinien zu verstärken suchen.“ Die Aufregung ist echt, aber die Eskalation ist überzogen.

Das ist grundsätzlich nichts Neues, denn Spektakel und Kontroverse sind so alt wie die Menschheit. Sich in den kleinen und großen Fragen der Zeit auf eine Seite zu schlagen, macht Spaß. Trotzdem funktioniert der Wettstreit in Zeiten von Twitter anders als am Stammtisch.

Plötzlich können sich Menschen miteinander vernetzen, die ansonsten überhaupt nicht in Kontakt kämen, sagt Knüpfer. „Oftmals bedeutet Vernetzung dabei eben nicht Verbindungen zwischen Gleichgesinnten, sondern eine gegenseitige Beobachtung, konträrer ideologischer Ansichten.“

Ansichtssache, wann ein Shitstorm anfängt

Wann genau ein Shitstorm anfängt, ist Ansichtssache. Ein Indikator sei im Kontext von Twitter beispielsweise das Verhältnis von Retweets/Likes zu Kommentaren. „Die Annahme ist dabei, dass Kommentare eher Missmut zum Ausdruck bringen, während Likes oder Retweets eher eine Form der Zustimmung signalisieren“. Die Themen sind auch nicht festgelegt. Knüpfer sagt, dass Debatten sich besonders für Shitstorms eignen, die bereits existierende Netzwerke provozieren. Der Datenanalyst Luca Hammer hat die „Umweltsau“-Debatte auf Twitter ausgewertet. Das Ergebnis ist, dass es eine rechte und eine linke Gruppe gab, die sich jeweils gegenseitig retweetete. Die Tweets kamen von etwa 44 000 Accounts, davon 23 Prozent eher rechts und knapp die Hälfte eher links. Auch hier zeigte sich, dass User eher übereinander als miteinander sprechen.

Es geht gegen rechts, gegen links, gegen alles und jeden, nur selten abwägend, und weil in jedem starken Für ein starkes Wider steckt, wird an den Meinungs-Rändern aufgebaut, was im Zentrum verloren geht. Die angenommene, behauptete Wahrheit liegt nicht mehr zwischen den Polen, sie liegt bei den Polen. Mitte ist doof, nur für Weicheier, „nurmehr der Ort“, schreibt Matthias Politycki in „Cicero“, „an dem man von beiden Seiten Prügel bekommt“. Fakten werden Meinungen, Meinungen Fakten, was mal Grundkonsens war, wird heftigen Belastungsproben ausgesetzt.

Es stimmt, dass es auf Twitter hart zugeht. Aber: Twitter interessiert die meisten Menschen nicht – es haben ja nur etwa drei Prozent der Bevölkerung einen Account. Ein isolierter Raum mit harten Umgangsformen, der Boxring der hart, nicht immer fair Meinenden. Das breitere Publikum bekomme erst etwas von den Twitter-Debatten mit, wenn sich prominente Figuren, oft Politiker, dazu äußern, sagt Knüpfer. Anschließend würden dann traditionelle Medien aktiv.

So war es auch im Fall der „Umweltsau“-Debatte. Wenn Armin Laschet, nordrhein-westfälischer Ministerpräsident (CDU), sich nicht zu der Sache geäußert hätte, wäre sie vielleicht niemals über den Twitter-Kosmos hinausgewachsen.

#baehner

Man schaue sich etwa einen anderen potenziellen Shitstorm an, der es nie zum breit diskutierten Thema geschafft hat: #Baehner wurde im Januar zu einem der meistgeteilten Twitter-Hashtags. Der Nutzer „Der Gazetteur“ etwa schrieb: „Hey, wisst ihr noch als ein ziemlich rechtsgesinnter CDU-Politiker einen 20-Jährigen mit Migrationshintergrund niederschoss und es in Deutschland keinen interessiert hat während man sich tagelang über ein harmloses Satire-Lied aufregte? #Bähner“.

Nie schaffte es der Twitter-Shitstorm um Bähner annähernd so prominent in den bundesweiten Diskurs wie die Aufregung um die „Umweltsau“. Dabei wurde in dem einen Fall auf einen Menschen geschossen, mutmaßlich aus rassistischen Motiven, im anderen machte ein Kinderchor einen provokanten Witz.

Weil Medien bei der Wahrnehmung von Shitstorms eine entscheidende Rolle spielen, spricht Knüpfer von einem „hybriden Mediensystem“. Es sei nicht sinnvoll, die Medien in „neu“ und „alt“ einzuteilen. In der öffentlichen Meinungsbildung beeinflussen sie sich ständig gegenseitig. Wut findet sich auf Twitter über fast alles, aktuell ist #fdp mit in der Spitzengruppe. Oder #klinsmann.

Sieg des eigenen Wellnesskonzeptes

Wer in einen analogen oder digitalen Entrüstungssturm einsteigt, der bestätigt sein Wellnesskonzept, sein Konzept von der Weltwahrnehmung und der Information darüber. Die Beschaffung, die Bearbeitung und die Bewertung von Nachrichten erfolgt „primär entlang von Ego-Rezepten“, schreibt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen.

Ein Shitstorm ist ein Blitzeinschlag in die öffentliche Debatte. Grell, vehement, meist dauert er nur kurz, dann blitzt es schon an anderer Stelle. Opfer werden billigend in Kauf genommen.

Das ist jedoch kein Grund, das Ende der Debattenkultur festzustellen. Der französische Intellektuelle Édouard Louis hat nicht über den Shitstorm reflektiert, als er der Wut das Wort geredet hat. Aber über den großen Wert der Wut hat er geurteilt: „Die Wut ist ein mächtiges erkenntnistheoretisches Instrument, um die Welt zu sehen.“ In den Shitstorm eingelagert ist diese Wut, dieser extrem scharf gestellte Blick auf die Realität. Ja, einseitig, ja, radikal, ja, ja, ja.

Der Shitstorm ist nicht neu, neu ist nur der Name. Wer erinnert sich nicht an die K-Gruppe in der Universität, die die Ecken und die Mitte des Hörsaals besetzte, um dann aus einer Vorlesung eine ideologiegeladene Diskussion zu machen, mit dem Professor als Angeklagtem in der Mitte. Oder der Flashmob, eine plötzliche Störung der gewohnten Ordnung. Die Demonstrationen von „Fridays for Future“ sind nichts wesentlich anderes, sie sind nur überraschend, weil sie in einer durchdigitalisierten Welt analog, real passieren – und damit so menschlich notwendig wirken.

Klassenkampf allerorten

Aber auch da ist Klassenkampf, der sich hier Klassenkampf gegen den Klimanotstand nennt. Hier wie dort steckt der Impetus der Überbietung drin. Den einen, den anderen in die Ecke treiben, in ihm den Gegner, wenn nicht den Feind erkennen. Der Shitstorm ist dabei ein Instrument der Eskalation

Er hat keine festgezurrte Richtung, sondern kennt jede Windrichtung und jede Windstärke. Trotzdem er wesentliche Kennzeichen hat: humorlos – weswegen satirische Beiträge zu den bevorzugten Zielen zählen –, absolut – es werden Vollgas-Meinungen hochgeschossen –, emotional – Ausflippen ist Pflicht – und irrational. Vielleicht ist das letzte Merkmal das am meisten verstörende.

Sophie Dannenberg, die „Cicero“-Kolumnistin, ist nicht irritiert. Sie schreibt, „der Shitstorm ist ein entgleistes Massengebet, eine verzweifelte Orgie. Wir sollten weniger auf seine Inhalte hören und mehr auf sein sehnsüchtiges Wispern.“