Meister der akustischen Großaufnahme : Zum Tod des Hörspielregisseurs Norbert Schaeffer

Der spätere NDR-Hörspielchef Norbert Schaeffer hat selbst komplizierteste Großprojekte mit erstaunlicher Gelassenheit gemeistert. Ein Nachruf von Matthias Thalheim.

Der Hörspielregisseur und ehemalige NDR-Hörspielchef Norbert Schaeffer starb am Dienstag im Alter von 71 Jahren.
Der Hörspielregisseur und ehemalige NDR-Hörspielchef Norbert Schaeffer starb am Dienstag im Alter von 71 Jahren.Foto: NDR

Mit Norbert Schaeffer ist ein Besessener des Hörspiels gegangen. Ein Beschwörer darstellerischer Intimität. Ein Meister der akustischen Großaufnahme. Wenn er Erzählerstimmen aufnahm, dann glaubte man die Lippen der Mimen gleich hinter der Lautsprecher-Membran nahe zu wissen.

Eine seiner ergreifendsten Inszenierungen – seine kongeniale Stuttgarter Umsetzung von Ulrich Plenzdorfs „Kein runter, kein fern“, SDR/HR/NDR 1987 mit Gert Haucke, Uta Hallant und dem damals aus dem aus der DDR ausgereisten Dirk Nawrocki konterkariert jenes unter Ost-Berlinern erhoffte Rolling-Stones-Konzert auf dem Dach des Springer-Hochhauses. Eine Radio-Performance, die alle Talente Schaeffers hörbar macht: Seinen sublimen Umgang mit einem auf ihn eingeschworenen Darsteller-Ensemble, seine politische Entschiedenheit in der Botschaft und seine elaborierten elektroakustischen Arrangements. Auch mit Jens Sparschuhs Monolog „Ein Nebulo bist Du“, SR/SWF/SDR 1989 hatte er einen Ost-Berliner Autor zu großem Erfolg in der ARD verholfen, dem Hörspielpreis der Kriegsblinden.

Von Schaeffers Adaptions-Kompetenz profitierten Dutzende von Werken der modernen Weltliteratur. Seine Kombattanten sind darstellerische Radio-Charismatiker wie Jürgen Hentsch oder Ulrich Noethen. Letzterer zum Beispiel bei „House of God“ von Samuel Shem, dem Einsteiger-ABC aller Jungärzte - eine typische Hörspielbearbeitung im Schaeffer-Stil, die er 2002 auf Anregung des Leipziger Dramaturgen Thomas Fritz für MDR Kultur inszenierte und die ein Hörbuch-Bestseller wurde.

Bis 2014 Hörspielchef des NDR

Nach zwanzig Jahren wechselte Norbert Schaeffer 2008 vom freien Regisseur ins feste Amt des NDR-Hörspielchefs, das er bis 2014 mit vielen spielplanprägenden Produktionen ausfüllte. Sehr beindruckend die vier Teile von „Leben und Schicksal“ von Wassili Grossman, einem Stalins Lager-Sozialismus enthüllenden Dokumentaristen.

Norbert Schaeffer Arbeit bestach durch eine Unbedingtheit im künstlerisch literarischen Anspruch, ihm gelangen mit erstaunlicher Gelassenheit selbst komplizierteste Großprojekte, denn er war ein technisch versierter Voll-Profi, der Planung, Besetzung, Dispo, Aufnahme, Mischung bis ins Detail vordenken konnte. Wer Noschs Vertrauen und Freundschaft gewann, hatte einen Menschen und Kollegen zur Seite, der einem in guten und in düsteren Zeiten mit seiner ideellen Nähe beistand.

Einige Jahre nach Beendigung seiner Festanstellung beim NDR-Hörspiel war er von Hamburg in die Bretagne umgesiedelt. Dort hätte man dem frankophilen Saarbrücker viele schöne Jahre noch gewünscht. Der Krebs stand dem Weg, er starb am Dienstag im Alter von 71 Jahren. Norbert Schaeffer hat so ausgebuffte Mikrofonierungen und Hall-Anwendungen in die Hörspiel-Produktions-Ästhetik eingebracht, so viel Hörspielbegeisterung gesät - das potenziert die Trauer um den Verlust seiner Person und vieler handwerklichen Geheimnisse eines beseelten Hörspielmachers seltener Intensität.

Matthias Thalheim ist Teamleiter Künstlerisches Wort in der Hauptredaktion Kultur des MDR.

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