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Eine wahre Pechmarie: Silke Weinzierl (Nina Proll) eröffnet sich beim Fasching eine unverhoffte Chance. Doch dann landet sie im Polizeipräsidium bei den Kommissaren Leitmayr (Udo Wachtveitl, links) und Batic (Miroslav Nemec).
© BR/Luis Zeno Kuhn

Der Faschings-„Tatort“ aus München: Rotkäppchens Glückssuche

Mit rotzigem Trotz: Nina Proll spielt im Münchner Faschings-„Tatort“ eine Frau, die gegen ihr Scheitern aufbegehrt.

Erst Corona, nun der russische Angriff auf die Ukraine: Der Frohsinn dürfte sich selbst in den Karnevals-Hochburgen in Grenzen halten. Wer mit dem sonntäglichen Krimi-Ritual aus der trüben Gegenwart flüchten will, entgeht dem närrischen Treiben allerdings ebenfalls nicht. Am Sonntag taucht der BR-„Tatort“, der die Pandemie einfach ausblendet und von aktuellen Entwicklungen natürlich nichts wissen kann, in den Münchner Fasching ein.

Genauer gesagt: In die leicht deprimierende Faschingsstimmung einer Münchner Wirtschaft, in der viel getanzt und noch mehr getrunken wird. Hier enden ehemalige Faschingsprinzessinnen wie Silke Weinzierl als stockbesoffenes Rotkäppchen am Kneipen-Tresen.

Der tragischen Hauptfigur Silke Weinzierl, einer wahren Pechmarie, eröffnet sich in der „Tatort“-Folge „Kehraus“ jedoch eine unverhoffte Chance zu Wohlstand und Glück. Gespielt wird dieses keineswegs naiv-unschuldige Rotkäppchen von der österreichischen Schauspielerin Nina Proll („Vorstadtweiber“, „Aus die Maus“), so dass der von Regisseurin Christine Hartmann inszenierte Film trotz eines etwas verstaubten Humors und der nervenschonenden Spannung noch recht unterhaltsam gelingt. Nina Proll spielt Silke Weinzierl sehenswert mit rotzigem Trotz und stets hoch erhobenem Haupt.

[„Tatort – Kehraus“, ARD, Sonntag, um 20 Uhr 15]

Das von Stefan Betz und Stefan Holtz geschriebene Drehbuch beschränkt sich auf den Zeitraum des Fasching-Wochenendes, das in München mit dem Kehraus am Dienstagabend endet. Die Kommissare sind bis dahin mit unterschiedlicher Begeisterung unterwegs. Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) ist vom Lärm der Betrunkenen genervt, dagegen hat der als Pilot verkleidete Ivo Batic (Miroslav Nemec) ordentlich getankt und taucht mit „Biene Brigitte“ (Maria Magdalena Rabl), so die offizielle Rollenbeschreibung, und ihrer ebenso – Achtung, Fußball-Anspielung – schwarz-gelb kostümierten Freundin beim sauertöpfischen Kollegen auf.

Alle Überlegungen zur weiteren Nachtgestaltung erübrigen sich aber ohnehin, denn die Kommissare werden zu einem Einsatz gerufen. Die Leiche eines alten Herrn liegt am Fuß einer Treppe, der Eingangsstempel auf seinem Arm bringt die Kommissare sogleich auf die richtige Spur.

Rotkäppchen und der Indianer

In der Gastwirtschaft „Bei Irmi“ hat das Opfer mit einem Indianer gestritten, der mit dem Rotkäppchen getanzt hat, wobei sich Leitmayr und Batic den von einer Zeugin ins Spiel gebrachten korrekten Begriff „amerikanischer Ureinwohner“ übrigens nicht zu eigen machen. Während der kostümierte Verdächtige das Lokal bereits verlassen hat, gönnt sich das betrunkene Rotkäppchen ein Nickerchen an der Theke. Die Kommissare lassen Silke Weinzierl in einer Zelle ihren Rausch ausschlafen, doch auch am nächsten Morgen kann sie wenig zur Aufklärung der Ereignisse beitragen. Besser gesagt: Silke Weinzierl will nicht. Sie hat Ausweis und Bargeld des Toten an sich genommen.

Getötet hat sie den alten Herrn aber nicht. Der vermeintliche Mordfall erweist sich nach einiger Zeit als simples Unglück – mit einer erst am Schluss aufgelösten kuriosen Ursache. Die Spannung in diesem Faschings-Krimi entsteht eher durch die zunehmende Identifikation mit der nicht sehr klug handelnden, aber unverwüstlichen Silke Weinzierl. Mit ihren Geschäftsideen erleidet sie regelmäßig Schiffbruch.

In der schönen Wohnung, deren Miete sie nicht mehr bezahlen kann, stapeln sich noch die „Wurst- Star“-Geräte, die auch in der Gründer-TV-Show „Höhle der Löwen“ nicht überzeugen konnten. Ihr Sohn lebt bei ihrem Ex-Mann, der längst eine neue Familie gegründet hat. Umso entschlossener ergreift sie nun die Chance, die sich nach dem feucht-fröhlichen Faschingsabend eröffnet hat. Man wünscht ihr Glück und ahnt, dass daraus nichts werden kann.

Der Episoden-Titel „Kehraus“ erinnert an eine gleichnamige bayerische Filmsatire aus dem Jahr 1983 mit dem Kabarettisten und Schauspieler Gerhard Polt, die übrigens am Rosenmontag um 22 Uhr 45 im BR-Programm wiederholt werden soll. Dabei ging es um den Kampf eines von Polt gespielten Arbeiters gegen einen übermächtigen Versicherungskonzern, der ihm unnütze Policen verkaufte. Damals wie heute ist der Fasching eine augenfällige Kulisse für tragikomische Figuren – und eine Metapher für den menschlichen Wunsch, sich verwandeln und eigentlich jemand ganz Anderes sein zu können.

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