TV-Mehrteiler zur Währungsreform : Wendehals unter Gleichgesinnten

Der ARD-Dreiteiler „Unsere wunderbaren Jahre“ mag manchmal so seifig sein wie sein Titel, aber er skizziert die junge Republik weniger heil als üblich.  

Jan Freitag
"Unsere wunderbaren Jahre Teil 1", am Mittwoch im Ersten: Ulla Wolf (Elisa Schlott) steht lachend vor der Stahlhelmlieferung.
"Unsere wunderbaren Jahre Teil 1", am Mittwoch im Ersten: Ulla Wolf (Elisa Schlott) steht lachend vor der Stahlhelmlieferung.Foto: WDR/UFA Fiction/Willi Weber

Deutschland - dieses hartnäckige Klischee kriegt das Fernsehen seit Guido Knopps revisionistischer Flurbereinigung partout nicht aus dem Historytainment - war selbst in seiner finstersten Epoche eine Nation der Unschuldigen, ach was: der Widerstandskämpfer.

In Dutzenden fiktionaler Primetimestoffe gibt es daher bis heute oft nur einen Obernazi, der Hitlers Regime von 1933 bis weit nach 1945  quasi allein am Laufen hielt, gern verkörpert von Alexander Held, der einem Heer aus Unschuldigen, Mitläufern oder unschuldigen Mitläufern den Alltag zur Hölle macht. 

Es ist demnach sehr bemerkenswert, wenn nicht revolutionär, dass sechs, sieben junge Altnazis im ARD-Dreiteiler „Unsere wunderbaren Jahre“ unbehelligt SA-Märsche durch ein diesiges Gasthaus schmettern.

Spätestens jedoch, als sich zu Beginn vom vielleicht klügsten Cliffhänger dieses klitterungsanfälligen Genres drei Arme zum letzten Hitlergruß für einen frisch verstorbenen Sturmbannführer strecken, was sein Sohn arglos kopiert, wird deutlich: So blöde der Titel ist – die Story dahinter wird reflexiver erzählt als üblich, wenn es um den Nationalsozialismus samt Folgen geht. Hier: die Währungsreform.

Kurz bevor das zerstörte Land am 20. Juni 1948 neues Geld bekommt, mit dem sich wie von Zauberhand auch die Schaufenster füllen, kämpft der Metallfabrikant Eduard Wolf (Thomas Sarbacher) darum, im sauerländischen Altena statt kriegswichtigem Draht nun Friedensmünzen herstellen zu dürfen.

Nun wäre Degeto nicht Degeto, würden dabei all jene Dramen der Zwischenmenschlichkeit fehlen, denen die Spielfilmschmiede des Ersten ihren Ruf verdankt. Wolfs Töchter sind sich nämlich nicht nur optisch verblüffend unähnlich, sie haben auch noch völlig verschiedene Daseinsentwürfe.

Schuld und Sühne mit Holzbein und Würde

Die herzige Ulla (Elisa Schlott) will entgegen aller Gepflogenheiten Medizin zu studieren, muss sich nebenbei aber auch noch zwischen Apothekersohn Jürgen (Ludwig Trepte) und Draufgänger Tommy (David Schütter) entscheiden.

Die dröge Gundel (Vanessa Loibl) dagegen steigt in die Firma ein und bändelt mit dem optimistischen Benno (Franz Hartwig) an. Die intrigante Margot (Anna Maria Mühe) sehnt derweil die Rückkehr ihres SS-Mannes aus der Gefangenschaft herbei und ist auch sonst noch nicht richtig in der Demokratie angekommen. Alles tradierte TV-Zutaten hiesiger Hausmannskost, mit denen die ZDF-Trilogie vom Ku’damm zuletzt ebenfalls eher polarisierte als überzeugte.

Unter Elmar Fischers Regie drohte also auch diesem Stück opulenten Geschichtsfernsehens die Vollverseifung. Doch immer dann, wenn es sich in seiner hyperkorrekt artifiziellen Kostümierung genügt, wenn die Kulissenschieberei zwischen kapitalistischem Aufbruch West und sozialistischem Rückschritt Ost ins Selbstreferenzielle rutscht, wenn Optik also Substanz frisst, kriegt das Drehbuch nach Peter Pranges gleichnamigem Bestseller grad noch die Kurve ins relevante Gesellschaftsporträt.

Rings um die Herzenskapriolen fünf unterschiedlich starker Protagonistinnen im Einzugsgebiet äußerlich unbeugsamer, innerlich labiler Kerle, entspinnt sich ein Netz zeitgenössischer Beobachtungen, die selten sind auf diesem Feld.

Während Ullas seelisch verkarstete Mutter (Katja Riemann) das Nebeneinander von Schuld und Sühne mit Holzbein und Würde perfekt verkörpert, seht Kriegsgewinnler Böcker, der aus Wolfs Drahtfabrik eine Waffenschmiede machen will, in der jungen Medienrepublik für Kontinuität und Bruch.

Hans-Jochen Wagner spielt ihn zwar manchmal etwas arg schmierig; wie in den schwarzweißen Nachkriegsperlen „Wir Wunderkinder“ oder „Rosen für den Staatsanwalt“, wo Robert Graf und Martin Heldt als regimetreue Opportunisten Rechtsstaatskarriere machen, ist dieser Wendehals allerdings die Schlüsselfigur jener Epoche – und damit eines Dreiteilers ("Unsere wunderbaren Jahre", am 18., 21. und 25. März, ARD, 20 Uhr 15), der ihm diese Rolle auch zuzubilligen bereit ist. Wobei das wirklich Besondere daran ist: Hier bleibt er nicht allein, sondern unter reichlich Gleichgesinnten. Endlich!