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Nur Kollegen? Bönisch (Anna Schudt) und Faber (Jörg Hartmann).
© WDR/Bavaria Fiction GmbH/Thomas

Dortmund-„Tatort“: Verhängnis Mutter

Alles wird anders beim Dortmunder „Tatort“. Im Zentrum steht die gereizte Martina Bönisch, die sich gegen die Tricks ihres Ex-Freundes zur Wehr setzen will.

Zu den Eigenheiten des Dortmunder „Tatorts“ gehört es, dass sich Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) und Kommissarin Martina Bönisch (Anna Schudt) zur Aufklärung eines Falls regelmäßig auf ein Rollenspiel einlassen. Dann verwandeln sie sich in Täter und Opfer, spielen den möglichen Tathergang nach, um Ablauf und Motive zu entschlüsseln.

Es ist ein gewagtes, irritierendes Spiel, denn dabei kommen sich Faber und Bönisch häufig näher, als es in der Realität angebracht wäre. Auch in ihrem 22. Fall seit der Premiere vor knapp zehn Jahren ist das so: Was da seit geraumer Zeit knistert, entlädt sich nach gemeinsamem Rollenspiel in einem Kuss, der wohl etwas mehr ist als ein Spiel. („Tatort: Liebe mich“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

Alles wird anders in Dortmund mit der Folge „Liebe mich“. Weniger wegen der Annäherung der beiden Hauptfiguren, die als einzige übrig geblieben sind von der Premieren-Besetzung. Mehr noch, weil das Finale mit einer veritablen Überraschung aufwartet. Der Film wurde deshalb im Vorfeld nur dem eng begrenzten Kreis der Rezensenten zugänglich gemacht. Mit Geheimnistuerei die Spannung und möglichst auch die Einschaltquoten in die Höhe zu treiben, ist ein bewährtes PR-Konzept. Hier aber, bedenkt man das in der „Tatort“-Geschichte ungewöhnliche Ende, erscheint die Strategie gerechtfertigt.

Der Fall: In einem Bestattungswald wird die Leiche einer Frau gefunden, die eines unnatürlichen Todes starb. Und bald noch eine. Beide Frauen verschwanden im Abstand von einem Jahr jeweils am 4. Juni. Beide sind blond und weisen auch sonst Ähnlichkeiten mit Kommissarin Bönisch auf. Beide wurden vom Bestattungsunternehmen der Familie Ihle unter die Erde gebracht, geführt von Julia (Marlina Mitterhofer) und ihrem Mann Thomas (Jan Krauter). Die Leichen trugen überdies das gleiche Kleid.

Den Anfang macht eine etwas unheimliche Szene, in der sich eine verängstigte Frau in bonbonbunter Kindergeburtstagskulisse schminkt. Auf dem Tisch steht eine Torte mit vier Kerzen, aber das Geburtstagskind und seine Gäste fehlen. Eine Szene wie aus einem Schauermärchen.

Drehbuch-Autor Jürgen Werner hat sich eine finstere Story um Liebe und Rache verletzter Seelen ausgedacht. Gleichzeitig behalten Werner und Regisseur Torsten C. Fischer die für Dortmund typische serielle Erzählweise bei.

Eine bedrückend gut gelungene Version toxischer Männlichkeit

Jede der vier Hauptfiguren kommt zu ihrem Recht, was dem psychologisch gewagten Fall keinen Abbruch tut. Eher beiläufig geht es mit der privaten Geschichte von Kommissar Jan Pawlak (Rick Okon) weiter, dessen drogenabhängige Frau in der Folge „Gier und Angst“ wieder aufgetaucht war. Nun ist Pawlak gezwungen, seiner jungen Tochter Mia (Jana Giesel) die Wahrheit über ihre in der U-Haft einsitzende Mutter zu eröffnen.

Das Verhängnis sind auch sonst die aus verschiedenen Gründen fehlenden Mütter. Als Kommissarin Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger) noch ein Kind war, ging ihre Mutter zum politischen Kampf in den Untergrund. Nun meldet sich die gesuchte RAF-Terroristin Susanne Bütow (Rosa Enskat) wieder bei der Tochter. Die österreichische Schauspielerin Reinsperger tritt bei ihrem vierten Einsatz für den Dortmunder „Tatort“ das erste Mal aus dem Schatten der drei anderen.

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Im Zentrum aber steht die gereizte Martina Bönisch, die sich gegen die Tricks ihres Ex-Freundes zur Wehr setzen will. Dem Kriminaltechniker Sebastian Haller (Tilman Strauß) hatte sie den Laufpass gegeben, der rächt sich mit perfiden Gerüchten.

Eine bedrückend gut gelungene Version toxischer Männlichkeit. Faber, dessen Frau und Tochter einst ermordet wurden, hat die Phase des traumatisierten Freak-Ermittlers hinter sich gelassen. Er bemüht sich um Bönischs Zuneigung; ihre Affäre mit Haller hat ihm zugesetzt. Im Finale steht mehr auf dem Spiel als die Auflösung eines x-beliebigen TV-Krimi-Rätsels.  

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