Vielfalt in den Medien : Einwanderungsland? Nicht in den Chefredaktionen

In den Chefetagen großer deutscher Medien fehlen Einwanderer fast völlig. Aus den größten Migrantennationen gibt es dort überhaupt niemanden.

Schon der Zugang zur Presse ist mit Migrationshintergrund schwer, in Chefredaktionen scheint er, vorerst, so gut wie unmöglich.
Schon der Zugang zur Presse ist mit Migrationshintergrund schwer, in Chefredaktionen scheint er, vorerst, so gut wie unmöglich.Foto: Harald Richter/Mauritius

In die Chefredaktionen der großen deutschen Medien schaffen es Menschen aus Minderheiten nach wie vor nicht. Wie eine Umfrage der Neuen deutschen Medienmacher-innen (NdM) ergab, die sie am Montag veröffentlichten, gibt es zwar einige Chefinnen und Chefs aus gemischtnationalen Familien. Der Migrationshintergrund jener sechs Prozent, die die Studie durch Befragung von 90 der 126 reichweitenstärksten Medien herausfand, ist aber durchweg einer aus der europäischen Nachbarschaft.

Die größten Einwanderer-Ethnien in Deutschland – aus der Türkei, Polen und der früheren Sowjetunion – fehlen völlig, ebenso besonders diskriminierte Gruppen und Angehörige sichtbarer Minderheiten wie schwarze Journalistinnen und Journalisten.  In den Chefetagen der Massenmedien, folgern die NdM, sei Deutschland noch immer kein Einwanderungsland – „nach immerhin sechs Jahrzehnten Arbeitsmigration aus den Mittelmeerstaaten und mehr als vier Jahrzehnten Fluchtmigration nach Deutschland“.

Ein Viertel der Bevölkerung mit Migrationsgeschichte - nur vier Prozent der Medienleute

Die NdM, eine bundesweite Organisation von Medienleuten, setzen sich seit 2008 für mehr thematische und personelle Vielfalt in den Medien ein; wissenschaftliche Unterstützung für ihre Umfrage – auch der Tagesspiegel wurde befragt – bekamen sie von der TH Köln.

Zur Vielfalt in den deutschen Medien gibt es nach wie vor nur wenig und altes Datenmaterial. Eine repräsentative Studie für die deutschen Tageszeitungen stellte vor mehr als zehn Jahren einen Migrantenanteil von nur 1,2 Prozent fest; 84 Prozent der Blätter hatten überhaupt niemanden mit Migrationshintergrund in der Redaktion.

Die neueste Studie stammt aus dem Jahr 2016, galt nur Nordrhein-Westfalen und schätzte den Anteil für alle journalistischen Felder auf höchstens vier bis fünf Prozent. In der deutschen Bevölkerung hat aber inzwischen ein Viertel einen Migrationshintergrund.

Die Befragung der Chefredaktionen durch die NdM dürfte der Wirklichkeit in den reichweitenstärksten deutschen Medien recht nahe kommen; immerhin antworteten 71 Prozent der angeschriebenen Chefinnen und Chefs. Gerade ihnen widmeten sich die NdM nach eigenen Angaben, weil die Gleichstellungspolitik für Frauen in Medienhäusern zeige, dass sich etwas bewege, wenn die Spitzen der Häuser dies wollten und durchsetzten.

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Der Wille scheint da zu sein: Nicht einmal zehn Prozent der befragten Führungskräfte lehnten redaktionelle Diversität als Ziel ab, zwei Drittel waren aber ausdrücklich dafür, besonders in den öffentlich-rechtlichen Sendern, denen ihr Auftrag, die gesamte Bevölkerung zu versorgen und damit auch abzubilden, Handlungsdruck mache.

In Gesprächen mit der WDR-Integrationsbeauftragten und den Chefredakteuren von ZDF, Welt, dpa und Märkischer Oderzeitung zeigte sich auch ein teils hohes Problembewusstsein der Chefs für die auch soziale Gleichförmigkeit ihrer Redaktionen („mehr Marzahn, weniger Mitte“).

"Wir fördern nur aufgrund von Kompetenzen"

Anders sieht es mit konkreten Maßnahmen aus. Damit versuche es, so die Studie, „nur eine Minderheit der deutschen Massenmedien“. Wer aktive Förderung von Diversität ablehnt, bemühe dafür den Datenschutz, der es verbiete, Kolleginnen und Kollegen nach ihren persönlichen Hintergründen zu befragen, oder die Sorge, sie könnten sich darauf reduziert und diskriminiert fühlen.

Alle, schreiben die NdM, führten das Leistungsprinzip ins Feld, das vor Jahren schon gegen aktive Maßnahmen zur Frauenförderung genutzt wurde: „Würden allein Eignung und Befähigung über Einstellungen entscheiden, wäre kaum zu erklären, warum Frauen bis vor einigen Jahren keine entscheidenden Rollen in Medienhäusern einnehmen konnten“, schreiben die Autorinnen der Studie.

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Bezeichnend die Antwort einer nicht genannten Führungskraft: „Wir sind überzeugt, dass vielfältig zusammengesetzte Teams komplexe  Aufgaben besser lösen. Generell stellen wir Mitarbeiter in allen Unternehmensbereichen und auf allen Hierarchieebenen ausschließlich nach  objektiven Kriterien ein und fördern die Beschäftigten allein aufgrund  ihrer Kompetenzen. Andere Faktoren wie Herkunft und Kultur, Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung und Identität, Behinderung sowie Religion und Weltanschauung spielen keine Rolle.“

Vielfalt zahlt sich für Medien auch wirtschaftlich aus

Bleibe es bei dieser Lücke zwischen Überzeugung und entsprechenden Konsequenzen, sehen die NdM auch wachsende wirtschaftliche Probleme für die deutschen Medien. Viele von ihnen würden „damit den Anschluss an die Zukunft der deutschen Einwanderungsgesellschaft verlieren“.

Im Interview mit Miranda Wayland, der Chefin der BBC-Diversitätsabteilung, das für die Studie geführt wurde, lässt sich erfahren, was sie zu gewinnen hätten: Die Auflage des Modemagazin Vogue legte zu, als sie öfter People of Color zeigte und über sie berichtete, sagt Wayland. Und die 50 Jahre alte BBC-Sendung „Dr. Who“ gewann Publikum unter Minderheiten, nachdem ein ethnisch und geschlechtergemischtes Team sie übernommen hatte.

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