"Vogue"-Chefin Wintour wird 70 : Die Modekönigin

Anna Wintour, die Chefredakteurin der amerikanischen „Vogue“, feiert 70. Geburtstag - und ist unangefochtener denn je.

Grit Thönnissen Christina Horsten
Kann auch freundlich. „Vogue“-Chefin Anna Wintour mal ohne Sonnenbrille.
Kann auch freundlich. „Vogue“-Chefin Anna Wintour mal ohne Sonnenbrille.Foto: dpa

Natürlich war Anna Wintour noch nie auf der Berliner Fashion Week. Nicht nur, dass die Veranstaltung viel zu unwichtig ist – Wintour würde auch niemals riskieren, sich zu blamieren. Die Chefredakteurin der amerikanischen Vogue setzt sich nie ungeprüft in die erste Reihe irgendeiner Modenschau. Vorher schaut sie beim Designer vorbei und nimmt genau in Augenschein, was er entworfen hat, gibt Hinweise und rät von bestimmten Kleidungsstücken ab, hebt andere hervor. Newcomer können erst aufatmen, wenn Anna Wintour tatsächlich ihre Modenschau mit einem Besuch beehrt. Das ist dann schon ein Ritterschlag.

In den vergangenen 31 Jahren hat sie vielen Designern auf die Sprünge geholfen, darunter Marc Jacobs, Michael Kors und Victoria Beckham. Zu Karl Lagerfeld hatte sie immer ein besonders enges Verhältnis. In den wichtigsten Momenten ihres Lebens – bei ihrer Hochzeit oder als sie von der Queen geadelt wurde – trug sie Kleider des deutschen Designers, der im Februar gestorben ist.

Der Job von Wintour ist kein Zuckerschlecken und auch nicht so, wie es im Kinofilm „Der Teufel trägt Prada“ beschrieben wird. Wenn es in einer „Vogue“-Redaktion allzu sehr menschelt, könnte das den Blick auf das perfekte Outfit verstellen. In einem Interview mit der „Zeit“, dem ersten, das sie einer deutschen Zeitung gab, sagte sie, dass sie Menschen mag, die ihr widersprechen. Nur klar kommunizieren müssen sie können.

Definitionshoheit

Um als unfreundlich wahrgenommen zu werden, reicht es schon, wenn Wintour ihren Job ernst nimmt. Als Chefredakteurin der „Vogue“ hat die gebürtige Britin die Definitionshoheit über den guten Geschmack und muss oft Absagen erteilen. Es prallt an ihr ab, wenn Boulevardzeitungen sie als „Eiskönigin“ titulieren, auf jeden Fall tut sie nichts dagegen. Ihr Erscheinungsbild tut ein Übriges. Immer ist sie makellos gekleidet, auch im Winter trägt sie keine Strumpfhose, ihr Haare hat sie seit Jahrzehnten zu einem strengen Pagenkopf geschnitten, der lange Pony verbirgt genau wie ihre dunkle Sonnenbrille einige Spuren des Alters. Dass sie am Sonntag 70 Jahre alt wird, soll man ihr möglichst nicht ansehen.

Auch wenn sich um sie herum die Welt der Medien verändert, die „Vogue“ bleibt eine Bastion im Meer der Influencer, die mehr und mehr das Geschäft mit der Mode bestimmen. Der Condé-Nast-Verlag investiert immer noch eine Menge Geld in die Alleinstellung der Zeitschrift. Ähnlich wie die Schauen von großen Modehäusern wie Chanel und Dior kosten auch die Modestrecken im Heft enorm viel Geld und Aufwand. Da fotografieren Starfotografen Hollywoodstars, die kostbare Haute-Couture-Roben tragen, und in antiken Kutschen durch die Parkanlagen von Versailles fahren. Und wenn am Ende Wintour die Bilder nicht gefallen, werden sie nicht gedruckt. Das führte sie 2009 eindrucksvoll im Dokumentarfilm „The September Issue“ vor.

Seitdem hat sich viel verändert. Auch die „Vogue“ bleibt nicht von Anzeigenrückgängen verschont. Aber die Auflage bewegt sich mit 1,2 Millionen Exemplaren immer noch in schwindelerregenden Höhen. Gerüchte, Wintour würde das Verlagshaus verlassen, veranlassten den Herausgeber Bob Sauerberg im vergangenen Jahr zu der Mitteilung, sie sei „unglaublich talentiert und eine Kreativchefin mit unmessbarem Einfluss“. Sie werde „unbefristet“ weitermachen.

Ausbildung bei Harrod's

Dass sie einmal Chefredakteurin der „Vogue“ werden würde, prophezeite ihr schon in den sechziger Jahren ihr Vater Charles Vere Wintour, damals Herausgeber des „Evening Standard“ in London. Eine journalistische Karriere scheint bei den Wintours als selbstverständlich vorausgesetzt worden zu sein, auch ihre zwei Brüder und ihre Schwester arbeiten in hohen Positionen in den Medien. Aber erst einmal machte sie im Londoner Kaufhaus Harrods eine Ausbildung, bevor sie bei „Harper’s Bazaar“ als Modejournalistin begann. Genauso diszipliniert, wie sie ihr Berufsleben vorantreibt, geht sie auch privat vor. Sie achtet streng darauf, nicht die Nächte im Büro zu verbringen, die Wochenenden hielt sie für ihre beiden inzwischen erwachsenen Kinder frei.

Journalisten müssen heutzutage klare Meinungen vertreten, davon ist Wintour überzeugt. „Die Menschen wollen wissen, woran du glaubst und wofür du stehst. In dieser Zeit der Fake News, in der Wahrheit, Werte und die Unterstützung Bedürftiger so wenig Ansehen haben, ist es unsere moralische Pflicht, für das einzustehen, was richtig ist.“

Anna Wintour ist dabei entschieden auf Seiten der US-Demokraten. Die frühere First Lady Michelle Obama und die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton feierte sie auf dem Cover der „Vogue“. Der Auftritt der derzeitigen First Lady Melania Trump im Hochzeitskleid auf dem Titelbild der „Vogue“ 2005 lag weit vor der Präsidentschaft ihres Mannes.

Und auch in Hinblick auf US-Präsident Donald Trump ist Anna Wintours Meinung eindeutig. Was der tun könne, um zur legendären „Met Gala“ eingeladen zu werden, mit der sie jedes Jahr die Party mit der begehrtesten Gästeliste New Yorks feiert? „Absolut nichts.“

Grit Thönnissen/Christina Horsten

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