"Weissensee"-Star im Porträt : Jördis Triebel - die Fallschirmspringerin

Jeder Drehtag ist ein Wagnis für Jördis Triebel. Aber die Schauspielerin nimmt es an, weil sie sich das Wagnis jetzt zutrauen kann. Jetzt auch in der ARD-Serie "Weissensee".

Stolz und scheu. Jördis Triebel bei der Premiere der Serie „Weissensee“, in der sie die Physiotherapeutin Petra Zeiler spielt.
Stolz und scheu. Jördis Triebel bei der Premiere der Serie „Weissensee“, in der sie die Physiotherapeutin Petra Zeiler spielt.Foto: imago/APP-Photo

Drei Jahre nach der Deutschen Einheit machte sich Jördis Triebel aus dem Prenzlauer Berg auf den Weg nach Berlin-Schöneweide, als läge vor ihr eine lange Reise. Sie trug einen großen Koffer. Jördis Triebel war 16 Jahre alt, es war ihre erste Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule Ernst Busch, und in dem Koffer lagen die Kostüme, die Hoffnungen und die Träume eines jungen Mädchens, das sich schon immer nach anderen Welten sehnte. Sie spielte ihre Rolle vor: Eliza Doolittle, es jrünt so jrün. Berliner Schnauze aus „My fair Lady“. Die Prüfungskommission guckte sie an, lachte und sagte: „Geh erst mal arbeiten, schau dir die Welt und die Menschen an. Dann kannst du wiederkommen.“

Jördis Triebel muss schmunzeln, als sie diese Geschichte erzählt. Sie sitzt im Café Sauer in der Mitte von Berlin, direkt gegenüber vom Kino Babylon und der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Rote Fingernägel, große Ohrringe, blaue Augen. An der Wand über ihr hängt ein Foto von einer jungen Frau, die so aussieht, als starte sie gerade in ein neues Leben. Wild und entschlossen.

Im vergangenen Jahr ist Jördis Triebel 40 Jahre alt geworden, sie hat zwei Söhne und eine Scheidung hinter sich. Sie hat in 40 Filmen mitgespielt. „Emmas Glück“, „Westen“, „Babylon Berlin“, „Das schweigende Klassenzimmer“. Sie war die Leidende, die Liebende, die Mutige, die Kämpferische, die Funktionärin. Der Koffer, den sie heute trägt, ist immer noch gefüllt mit Träumen, aber voller an Erfahrungen. Sie sagt: „Ich habe in meinem Leben vieles getan, was ich gar nicht wollte. Jetzt kämpfe ich mehr für die Dinge, die mir wichtig sind.“

Gerade ist sie in der neuen Staffel der Erfolgsserie „Weissensee“ zu sehen. Darin spielt sie die Physiotherapeutin Petra Zeiler, die in ihrem Leben schon viel Schmerz ertragen musste. Versuchte Republikflucht, fünf Jahre Haft in Hoheneck, Selbstmord ihres Mannes. Nun trifft sie auf den Stasi-Offizier Falk Kupfer, der sich unter einem anderen Namen tarnt, und in den sie sich verliebt.

Jördis Triebel sagt: „Petra ist eine tolle Frauenfigur, die über eine enorme emotionale Größe verfügt. Sie bleibt ein offener Mensch, der versucht, trotz seiner Erfahrungen immer wieder zu vertrauen.“ Als totaler Fan der Serie, sagt sie, habe sie sich gefreut, diese Rolle spielen zu können. Die vierte Staffel von „Weissensee“ erzählt von der Zeit nach der Wende, von D-Mark, Ausverkauf, Verlust und Neustart. Und vom Alltag in einem Land, das sich wie die Jugend in der Adoleszenz erst noch finden muss.

Ein Wildfang, der lieber mit Jungen unterwegs war

Jördis Triebel war zwölf, als die Mauer fiel. Ein Wildfang, der lieber mit Jungen unterwegs war als mit Mädchen. Der Banden gründete und sich raufte. Sie wurde 1977 in Berlin-Lichtenberg geboren, danach zog sie durch halb Ostberlin. Marzahn, Treptow, Mitte, Prenzlauer Berg. Ihre Mutter arbeitete als Requisiteurin im ehemaligen „Theater der Freundschaft“, heute das „Theater an der Parkaue“. Dort lernte sie die Welt auf und hinter der Bühne kennen, die Probenarbeit, die Diskussionen in der Kantine und die Menschen, die immer noch verspielt und albern sein konnten, obwohl sie schon erwachsen waren. Damals, sagt sie, sei in ihr der Wunsch entstanden, Schauspielerin zu werden.

Sie ist ein ruhiger, besonnener Mensch. Sie überlegt lange, bevor sie etwas sagt. Mitunter fallen ihre Sätze langsam wie zu schwer gewordene Blätter von einem Baum. Manchmal Schweigen. „Ich versuche, nicht privat zu antworten“, sagt sie. Jördis Triebel wollte schon immer Schauspielerin werden, aber sie hat sich lange nicht getraut, die Bühne auch wirklich zu betreten. Ihre Rollen spielte sie zunächst im realen Leben. Als Teenager war sie Punk, trug T-Shirts mit dem Zeichen von Anarchie und Hosen, die aussahen, als wären sie verschimmelt. Erster Mai und Wasserwerfer. Ihr Motto hieß: gegen alles zu sein.

Das war genau die Zeit, in der „Weissensee“ jetzt spielt, eine Zeit der Angst und der Unsicherheit. So verrückt. So sorgenvoll. Und so voller Veränderung in so viele unbekannte Richtungen. Ihre Freunde kümmerten sich nur noch um sich. Ihr Vater verlor seinen Job als Werkzeugmacher, weil die Fabrik, in der er arbeitete, dichtmachte. Er war nicht mehr der Jüngste, als er in der neuen, größeren Firma anfing.

Dort bemühte er sich, bloß nicht krank zu werden, damit er beim Chef nicht auffiel. Sein ganzes Leben lang hatte er gearbeitet, nun kam er sich vor wie ein Bittsteller, erinnert sich Jördis Triebel. Sie habe das damals als demütigend empfunden. Sie sagt: „Ich habe nicht gelernt, mich selbst zu verkaufen, etwas vorzutäuschen, was nicht der Wahrheit entspricht. Ich komme aus einem Land, in dem gefragt wurde: Was kann ich? Und nicht: Wer bin ich?“

Nachdem sie mit 16 durch die erste Schauspielprüfung fiel, machte sie eine Lehre als Schneiderin. Als Au-pair-Mädchen ging sie nach Amerika. Dort nahm sie die Rolle der Putzfrau an. Stinkreiche Familie mit eigenem Tennisplatz, eigener Jacht und mehreren Angestellten. Sie hat dieses Treiben betrachtet wie einen Hollywoodfilm: unwirklich und staunend. Sie lernte andere Menschen und Welten kennen. Nach ihrer Rückkehr begann sie ihr Studium an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, eine Ausbildung im Sprechen, Singen, Tanzen, Fechten. Ein Werkzeugkasten für die Zukunft.

Selten hat man im deutschen Film ein so großartiges Frauenporträt gesehen

Wenn Jördis Triebel einen Text lernt, läuft sie lieber umher, statt am Schreibtisch zu sitzen. Zweimal in der Woche besucht sie eine Personal Trainerin. Sie geht schwimmen. Wenn ihr Körper nicht wach genug sei, glaubt sie, bleibe ihr Geist starr. So kann es passieren, dass sie auch am Filmset kurz vor ihrem Dreh noch ein paar Liegestütze macht. In dem Film „Westen“ von Regisseur Christian Schwochow spielte sie 2013 die alleinerziehende Mutter Nelly, die mit ihrem Sohn auf der Flucht in einem Notaufnahmelager in Westberlin landet.

Selten hat man im deutschen Film ein so großartiges Frauenporträt gesehen. Stark und sensibel, stolz und scheu. In dem westdeutschen Getriebe von Marktwirtschaft und Überfluss stellte der Film auch die Frage danach, ob ein neues System wirklich freier macht.

Jördis Triebel sagt, dass für sie auch heute noch die Unsicherheit und die Angst ein Motor ihrer Arbeit seien. Jeder Drehtag ist ein Wagnis. Wie bei einem Sprung aus dem Flugzeug weiß man erst am Ende, ob man gut angekommen ist. Einmal musste sie für die Serie „Babylon Berlin“ vor Hunderten Statisten eine Rede am Alexanderplatz halten. Sie war müde, kam von zu Hause und dachte: „Okay, ich schmeiße mich da jetzt einfach rein.“ Am Abend nach diesem Tag überkamen sie Glücksgefühle. Der Fallschirm hatte sich geöffnet. Und sie sich etwas getraut.

„Weissensee“, ARD, Mittwoch und Donnerstag, jeweils zwei Doppelfolgen

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