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Weiter, immer weiter. Arthur (Henry Hübchen) und Elsa (Corinna Kirchhoff) waren ein Paar und werden wieder ein Paar.
© Oliver Feist/WDR/Flare Film/dpa

Beziehungsspiel im herbstlich-melancholischen Brandenburg: Zusammen, ein Leben lang?

Corinna Kirchhoff und Henry Hübchen glänzen im ARD-Beziehungsdrama „Ein Leben lang“.

Es ist die Rückkehr in ihr ehemaliges „Paradies“: Elsa (Corinna Kirchhoff) und Arthur (Henry Hübchen) lassen wieder Luft und Licht hinein in das idyllisch am See gelegene Häuschen, in dem sie die wohl schönsten Tage ihres gemeinsamen Lebens verbracht haben. Behutsam nehmen sie das verstaubte Anwesen wieder in Augenschein, laufen hinunter ans Wasser, wo der Steg morsch geworden und mit Laub bedeckt ist. Die Fotos an der Wand rufen Erinnerungen wach.

Arthur weiß auch noch, wo der Schlüssel zum Anbau hängt. Dort hatte der ehemalige Schlagersänger an seinen Liedern gearbeitet. Nun setzt er sich wieder ans Klavier, aber die Melodie zu seinem größten Hit „Ein Leben lang“ will ihm nicht mehr einfallen. Arthur ist an Demenz erkrankt, und Elsa, obwohl von ihm vor vier Jahren für eine Jüngere verlassen, kümmert sich wieder um ihren nun ebenfalls verlassenen Ehemann. Das Haus müssen sie verkaufen, denn sonst werden sie den teuren Platz für Arthur in einem Pflegeheim nicht bezahlen können.

„Ein Leben lang“ ist vor allem anderen ein Film, in dem zwei prägende deutsche Schauspiel-Persönlichkeiten eine glänzende Partie bieten. Herausragend, wie Corinna Kirchhoff die Bitterkeit und zugleich die Zärtlichkeit einer enttäuschten und doch fürsorglichen Partnerin zum Leben erweckt. Was für eine Ausdruckskraft in diesem vom Leben gezeichneten Gesicht, in dem sich Erschöpfung, die vergangene und die verbliebene Liebe, aber auch Willensstärke und Härte spiegeln.

Großartig auch Henry Hübchen als knurrig-verschlossener Gegenpart, der die Tragik der verlorenen Erinnerung spüren und gleichzeitig immer mal wieder den Charme des früheren Arthur aufblitzen lässt. Schmerzhaft zu sehen, wenn Arthur auf der Suche nach der Toilette mit durchnässter Hose durchs Haus irrt. Wenn er hilflos mit blutender Hand am Küchentisch sitzt, weil er sich beim Brotschneiden verletzte. Aber die Krankheit wird nicht mehr als nötig „ausgestellt“, und Arthur beweist auch ungeahnte Fähigkeiten – insbesondere als ein Dritter ins Spiel kommt.

Im Unterschied zu dem ähnlich angelegten Fernsehfilm „Bist Du glücklich?“ verzichten Drehbuch-Autor Paul Salisbury und Regisseur Till Endemann nicht nur auf jede Art von Rückblick. Mit dem Einzelgänger Sorin (Eugen Knecht) wird aus dem Paar-Beziehungsdrama eine Dreiecksgeschichte mit eigenen Reizen. Weil der Schwiegersohn wegen eines Unfalls ausfällt, stellt Elsa Sorin als Helfer zum Entrümpeln des Hauses an – und das, obwohl sie zuvor gesehen hatte, wie Sorin ihre Obstbäume plündert.

Der getrennt von Frau und Tochter lebende Mittvierziger ist in dem kleinen Ort Schönow im Berliner Umland ein Außenseiter: Als Mann mit osteuropäischer Herkunft wird er von den Einheimischen „Siggi“ gerufen, als Kurzform für „Zigeuner“, wie der gekränkte Sorin erklärt. Er hat es vergeblich mit einer Musikkarriere in Berlin versucht, jobbt nun als DJ, trinkt viel, hängt auf seinem Hausboot ab – der ruppig wirkende Typ, dessen Träume gerade in der Mitte seines Lebens zu platzen scheinen, trifft nun auf ein Paar am Ende eines langen Weges. Respekt für Eugen Knecht, der im Vergleich mit den beiden Schauspiel-Schwergewichten Kirchhoff und Hübchen keineswegs abfällt.

Sorin bringt nicht nur handwerkliches Geschick, sondern auch Neugier und Aufgeschlossenheit mit. Über die Musik finden er und Arthur schnell Kontakt zueinander, und nach schwierigem Start entwickelt sich auch zwischen Sorin und Elsa eine besondere Nähe, die so glaubwürdig erzählt und gespielt wird, dass auch das gemeinsame Bad im abendlichen See kein bisschen absonderlich wirkt. Sorins Selbstverständlichkeit im Umgang mit ihrem kranken Mann scheint es Elsa zu ermöglichen, den untreuen Arthur mit einem versöhnlichen, tröstlicheren Blick zu betrachten. Und Sorin kann wiederum von der Lebenserfahrung der Älteren profitieren.

So inszenieren Salisbury und Endemann in ruhigem Tempo ein konzentriertes und hoch emotionales Beziehungsspiel, zu dem die herbstlich-melancholische Landschaft Brandenburgs beinahe zu perfekt passt. Das Finale ist in Teilen vorhersehbar, aber von einem kitschigen Happy End weit entfernt. Dem feinen Ensemble ist unter Till Endemanns präziser Regie ein ungemein reifer und berührender Film über die Liebe und den Wert des Zusammenseins gelungen.

„Ein Leben lang“, ARD, Mittwoch, um 20 Uhr 15

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