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Der Bürgermeister von Leipzig vergiftete sich 1945 mit Frau und Tochter.

© imago/Leemage

Massenselbstmord: Mit Gift, Strick und Kugel

Deutschland, Mai 1945. Der Krieg geht zu Ende – und Zehntausende nehmen sich das Leben: Nazis fürchten Strafe, Frauen erleben Gewalt, andere verzweifeln in den Trümmern.

In den Tagen, als die Menschen ihr Leben wegwarfen, war Margit Siebner froh, überhaupt noch am Leben zu sein. Dass so viele sterben wollten, ausgerechnet jetzt, war befremdlich für eine, die dem Tod gerade entgangen war.

Berlin-Lichtenrade, ein Wohnzimmer im Erdgeschoss, im überquellenden Bücherregal steht Primo Levi, „Das periodische System“, neben anderer Überlebenden-Literatur. Margit Siebner, geboren 1928, jüdischer Vater, nicht jüdische Mutter, schüttet Dokumente auf den Couchtisch. Eine Urkunde von 1934, zur Verleihung des Ehrenkreuzes an den Vater, der freiwillig in den Ersten Weltkrieg gezogen war, der Reichskanzler und Führer dankte es ihm. Nur wenige Jahre später entstand das Foto, das den Vater in Schanghai zeigt, da betrieb er eine deutsche Leihbücherei, mit dem letzten Flüchtlingsschiff war er dem Reichskanzler und Führer entkommen.

Schließlich der letzte Brief, 24 Worte auf einem Nachrichtenvordruck des Roten Kreuzes: „Geliebte Kinder! Bin noch in ärztlicher Behandlung. Viel Geld geht drauf. Mein einziger Gedanke ist, wann ich Euch wiedersehe. Seid innigst gegrüßt. Euer Papimann.“ Margit Siebner sah ihren Vater nicht wieder, Fritz Cohn starb 1944 in Schanghai an Kehlkopftuberkulose. Heute erinnert in Berlin ein Stolperstein an ihn, am Spittelmarkt, vor dem Haus, in dem seine Tochter den Krieg durchlebte, versteckt, vom Vater getrennt, schikaniert als Halbjüdin.

Als Margit Siebner am 8. Mai 1945 aus den Trümmern kroch, begann für sie das Leben. Gleichzeitig wurde sie Zeuge, wie für andere das Sterben begann. An zwei Menschen, die in den Nachkriegstagen Hand an sich legten, erinnert sich die 86-Jährige mit sehr unterschiedlichen Gefühlen.

Da war der Blockwart des Viertels am Spittelmarkt. Der, wenn Bomben fielen, das Mädchen Margit nie in den Luftschutzbunker gelassen hatte, „die Judengöre soll verrecken“, hatte er gesagt. Bis zum Schluss fantasierte der Mann vom Endsieg, beschwor die Wunderwaffen des Raketeningenieurs Wernher von Braun, erwartete jeden Moment die entscheidende Kriegswende, sang Zarah Leander: „Es wird einmal ein Wunder geschehen ...“ Als das Wunder ausblieb, erschoss er sich. Margit Siebner erfuhr es von Freunden.

Und da war die Bekannte aus Neukölln. Der nicht gelang, was Margit und die anderen Mädchen in den Nachkriegstagen täglich praktizierten: sich hässlich machen, „Syphilis!“ zischen, wenn die Soldaten der Roten Armee zudringlich „Komm, Frau!“ riefen. Die Bekannte entging den Vergewaltigungen nicht, ertrug sie nicht, nahm sich das Leben.

Es waren keine Einzelfälle. Wie viele Deutsche in den Tagen und Wochen um das Kriegsende in den Tod gingen, weiß niemand. Margit Siebners Bekannte könnte zu jenen 226 Freitoten zählen, die das Neuköllner Standesamt im Mai 1945 für den Bezirk registrierte – oder zu jenen ungezählten anderen Toten, bei denen sich in den Kriegs- und Nachkriegswirren niemand die Mühe machte, eine Todesursache festzuhalten. Schon an den registrierten Fällen aber lässt sich die dramatische Wellenbewegung ablesen, mit der die Zahl der Suizide um das Kriegsende herum abrupt anstieg und allmählich wieder abflachte: Allein im Bezirk Neukölln, meldete der Tagesspiegel Ende 1945, seien „die Selbstmorde von 226 im Mai auf 3 im Oktober zurückgegangen“.

Für alle Bezirke zusammen verzeichnete das Kompendium „Berlin in Zahlen“ im finalen Kriegsjahr mehr als 7000 gemeldete Suizide, zu denen sich eine unübersehbare Dunkelziffer addieren dürfte. Ob die entsprechende Zahl für ganz Deutschland eher „im unteren oder oberen fünfstelligen Bereich“ liegt, sei nicht mehr zu ermitteln, schreibt der Historiker und Dokumentarfilmer Florian Huber in seinem Buch „Kind, versprich mir, dass du dich erschießt – Der Untergang der kleinen Leute 1945“, das am 16. Februar im Berlin Verlag erscheint. In jedem Fall, konstatiert Huber, sei die „Selbstmordepidemie“ um das Kriegsende ein „Massenphänomen erschreckenden Ausmaßes“ gewesen.

In Tagebüchern tauchen Rasierklingen, Revolver und Zyankalikapseln auf

Auszug aus dem Totenbuch der Gemeinde Demmin vom Mai 1945.

© Andreas Herzau/laif

Huber geht dem Phänomen in erster Linie anhand von Tagebuchaufzeichnungen aus der Kriegszeit nach. In den privaten Notizen „kleiner Leute“, die der Historiker überwiegend im Deutschen Tagebucharchiv der Stadt Emmendingen einsah, tauchen bereits in den letzten Kriegsmonaten verstärkt Selbstmordgedanken auf, beflügelt von der absehbaren Niederlage und der Furcht vor Vergeltung durch jene „asiatischen Horden“, deren Zerrbild im finalen Kriegsabschnitt die NS-Propaganda beschwor. In Tagebucheinträgen ist von Rasierklingen, Revolvern, Zyankali- und Blausäurekapseln die Rede, mit denen sich die Menschen auszustatten beginnen, während in den Kirchen Pfarrer gegen die „Sünde des Selbstmords“ anpredigen, deren zunehmende Akzeptanz in der Bevölkerung den Gottesdienern nicht entging.

Zeitgleich wurde der Suizid auch auf staatlicher Ebene schleichend enttabuisiert, zuletzt sogar unverhohlen propagiert, als gebotenes und einziges Mittel, um dem Ehrverlust einer Niederlage zu entgehen. Es war der Weg, den am 30. April schließlich Hitler selbst beschritt. Einen Tag später ermordeten Propagandaminister Joseph Goebbels und seine Frau mit Zyankali ihre sechs Kinder und nahmen das Gift anschließend selbst ein. In einem Brief an ihren Sohn aus erster Ehe hatte Magda Goebbels zuvor formuliert, was Florian Huber „das suizidale Glaubensbekenntnis der Nationalsozialisten“ nennt:

„Unsere herrliche Idee geht zu Grunde“, schrieb sie, „und mit ihr alles, was ich Schönes, Bewundernswertes, Edles und Gutes in meinem Leben gekannt habe. Die Welt, die nach dem Führer und dem Nationalsozialismus kommt, ist nicht mehr wert, darin zu leben, und deshalb habe ich auch die Kinder hierher mitgenommen. Sie sind zu schade für das nach uns kommende Leben, und ein Gnädiger Gott wird mich verstehen, wenn ich selbst ihnen die Erlösung geben werde.“

Zahllose NS-Funktionäre taten es ihr gleich. Martin Bormann vergiftete sich mit Blausäure, Heinrich Himmler mit dem Blausäuresalz Zyankali. Durch eigene Hand starben die Reichsminister für Ernährung, Gesundheit, Justiz, Wissenschaft und Erziehung, Hitlers Kanzleichef, der Führer der Deutschen Arbeitsfront, der Chef des Reichssippenamts, der Polizeipräsident von Potsdam, der Gestapo-Chef von Dresden, ein Dutzend Gauleiter, 53 Generäle des Heeres, 14 der Luftwaffe, elf der Admiralität, ungezählte Bürgermeister, Reichstagsabgeordnete sowie Funktionäre des Sicherheits- und Terrorapparats.

Während sich die Täter-Kaste des NS-Systems durch den Freitod ihrer Schuld, Verantwortung und absehbaren Bestrafung entzog, waren die Motive in anderen Teilen der Bevölkerung weniger eindeutig. Die staatlich angeheizte Angst vor Vergeltung, die im Osten des Landes mit dem Vorrücken der Roten Armee vielerorts Realität wurde, spielte eine entscheidende Rolle. Auch in Westdeutschland, sagt der Historiker Florian Huber im Gespräch, hätten sich die Menschen propagandabedingt vor der Rache der Amerikaner gefürchtet. Verdrängte Schuldgefühle verstärkten solche Ängste. „Die Deutschen wussten sehr genau, was sie angerichtet hatten“, sagt Huber. „Das wird beim Lesen der Tagebücher deutlich.“

Siegen oder untergehen, alles oder nichts

Die NS-Überlebende Margit Siebner erlebte zwei Suizide: den ihres Peinigers und den einer Freundin.

© Thilo Rückeis

Fanatisierte Hitler-Anhänger trieb dagegen eher das Scheitern ihres Lebensentwurfs in den Tod, wie es im eingangs beschriebenen Fall des Blockwarts vom Spittelmarkt gewesen sein dürfte. Wieder andere Menschen beschreiben in ihren Tagebüchern die gähnende Leere, die sich mit dem absehbaren Ende des NS-Systems auftat. „Die Deutschen hatten zwölf Jahre lang im permanenten Ausnahmezustand gelebt“, erklärt Florian Huber. „Am Ende glaubten viele wirklich, dass sie nur siegen oder untergehen konnten – alles oder nichts.“

Allein vor diesem Hintergrund ist wohl zu erklären, dass in vielen Fällen die Menschen nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihrer Familien auslöschten und dabei selbst kleine Kinder mit in den Tod rissen. In besonderer Schrecklichkeit brach sich diese Untergangsstimmung im vorpommerschen Ort Demmin Bahn, 170 Kilometer nördlich von Berlin. In den letzten Kriegstagen sprengte die nach Westen fliehende Wehrmacht hier die Brücken über die umliegenden Flüsse, weshalb die mit Flüchtlingen überfüllte Stadt schutzlos dem Ansturm der Roten Armee ausgeliefert war. Noch bevor deren erste Panzer die Stadtgrenze erreichten, nahm der Massensuizid von Demmin seinen Lauf. Zu Hunderten ertränkten sich Menschen im flachen Wasser der Peene, der Tollense und der Trebel, erschossen sich oder hängten sich auf, öffneten ihre Pulsadern oder schluckten Gift. Mindestens 500 Demminer gingen in den Tod, andere Schätzungen sprechen von bis zu 2000 Menschen – in einer Stadt, die damals wenig mehr als 15 000 Einwohner hatte.

Petra Clemens, die Leiterin des Demminer Regionalmuseums, stieß bei ihren Recherchen zum Thema auf erschütternde Einzelfälle. Eine Einwohnerin, die in den Kriegswirren von ihren Eltern getrennt worden war, erfuhr erst sehr viel später von Dritten, dass die Mutter ihre übrigen Kinder getötet und anschließend erfolglos versucht hatte, sich selbst umzubringen. Sie überlebte, brachte es aber nie über sich, der verbliebenen Tochter die Wahrheit über das Schicksal ihrer Geschwister zu sagen.

Der Anlass zur Auseinandersetzung mit den Kriegsgeschehnissen war für Museumschefin Petra Clemens jedoch ein aktueller: Seit geraumer Zeit versucht die örtliche NPD, politisches Kapital aus Demmins tragischer Geschichte zu schlagen – mit jährlichen Fackelmärschen zum Kriegsende, bei denen Kränze in die Peene gelassen und Erinnerungen von Zeugen des Massensuizids und der Vergewaltigungen durch Rotarmisten verlesen werden. „Solchen Opfermythen wollte ich durch Faktenrecherche etwas entgegensetzen“, sagt Clemens. Bei Veranstaltungen zum Thema sei sie im Übrigen immer wieder überrascht, dass die Generation der Über-70-Jährigen in Demmin sehr ausgewogen über die Kriegsereignisse urteile. „Da werden Ursache und Wirkung nicht verwechselt.“

Gerade die schwierige Einordnung der Selbsttötungen hält der Historiker Florian Huber für den Grund, weshalb das Thema jenseits von Demmin bis heute relativ wenig erforscht und diskutiert wurde. „Viele der Menschen, um die es hier geht, passen in keine der gängigen Aufarbeitungskategorien. Sie sind weder Täter noch Opfer, weder Helden noch Nazis.“

Margit Siebner, die Überlebende, erinnert sich gut an die Verzweiflung, die in der letzten Kriegsphase in Berlin um sich griff. Der Direktor eines chemischen Betriebs hatte ihr heimlich eine Anstellung verschafft, unerkannt arbeitete sie dort bis zum Kriegsende. Während sie selbst gemeinsam mit den in der Fabrik eingesetzten Zwangsarbeitern der Befreiung durch die Rote Armee entgegenfieberte, sah sie, wie die deutschen Kollegen zunehmend niedergeschlagener wurden, ihre Sprache verloren, innerlich zusammenbrachen. „Die Untergangsstimmung war greifbar“, erinnert sie sich.

Wirklich überrascht, sagt Margit Siebner, sei sie nicht gewesen, als sie erfuhr, dass ihr einstiger Peiniger, der Blockwart vom Spittelmarkt, sich umgebracht hatte. Beim anders gearteten Freitod ihrer Neuköllner Bekannten dagegen habe sie zwar begriffen, was die Frau in den Tod trieb. Schockiert habe die Tat sie trotzdem.

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