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Moppel-Ich? Mega-Diva! Ashley Graham war im Bikini auf dem Titel von "Sports Illustrated" und gilt seither als das Supermodel der XL-Garde.

© dpa

Was starke Frauen anziehen möchten: Mode in Extragrößen ist der neue Wachstumsmarkt

Plus-Size-Modewochen zeigen XL-Schauen, Modeketten nähen Kollektionen in Extragrößen – und ein kleines Berliner Label macht das auch. Dabei stellen die Macherinnen fest: Das ist gar nicht so leicht.

Da liegen sie übereinander, Röcke kurz und lang, verschiedene Shirts und Bolerojacken, schwarz mit bunt, Jersey mit Cord oder Fleece, alles fertig zum Anprobieren, fehlen nur noch die Anprobiererinnen. Die müssen in diesem Fall mit etwas mehr Aufwand gesucht werden. Denn die Mode, die sich da zum Sound von zwei surrenden Nähmaschinen im kleinen Atelier von „3Elfen“ stapelt, ist extragroß: Konfektionsgröße bis 56, Fachkürzel: 4XL.

Es ist ein Experiment. Bisher hat das kleine Berliner Label, das sich übers Internet vermarktet, in den handelsüblichen Größen von S bis XL gefertigt. Doch immer wieder gab es von Kundinnen via Mail oder auf Messen Anfragen nach mehr X. Deshalb entwickeln die zwei „3Elfen“-Macherinnen Maxi Klugow und Curly Dolch gerade ihre erste Übergrößenkollektion, die im Sommer fertig sein soll. „Fast 30 Prozent der Frauen in Deutschland tragen Größe 44 und größer“, sagt Curly Dolch und klingt dabei leicht verwundert: so viele!

Und da es unwahrscheinlich ist, dass eine der beiden Zahlen wieder abnehmen wird, ist Plus Size nicht nur groß, es wird auch immer größer. Die von Curly Dolch zitierten Zahlen stammen aus einem Statistikportal und gehen in dieselbe Richtung wie Studie „Starke Frauen 2015“ der Gesellschaft für Konsumforschung, nach der 22 Prozent der Frauen Größe 46 und größer tragen. Die Studie beinhaltet noch eine Zahl: 3,2 Milliarden Euro. Das ist das Umsatzvolumen des Plus-Size- Markts. Und es könnte noch mehr sein.

Schmetterlingsmotive und luftige Schnitte. Die Mode von "3Elfen" gibt es ab dem Sommer auch in 4XL.

© promo

Plus-Size-Frauen würden gern mehr shoppen, es hapert am Angebot

Allgemein werden die Menschen größer und dicker, und viele Plus-Size- Frauen würden gern mehr shoppen – wenn es nur eine bessere Auswahl gäbe! In den extragroßen Größen wird vor allem umhangartige Versteck-Kleidung angeboten. Aber längst nicht mehr alle Dicken wollen sich verstecken. Und dick heißt es ja auch nicht, wenn es um Mode geht, sondern stark, kurvig, groß.

Neue Begriffe, neues Selbstbewusstsein – und so kommen ganz allmählich die 4XL-Frauen mit ihren Modevorstellungen aus der verschämten Ecke heraus. Große Fashion Weeks warten mit Kurven preisenden „Curvy“-Shows auf, seit sieben Jahren gibt es in New York die „Full Figured Fashion Week“, über die seit vergangenem Jahr auch etwas breiter berichtet wird. In London werden im September wieder die „British Plus Size Awards“ vergeben, es gibt immer mehr Plus-Size-Modelagenturen, Barbiepuppen mit Bauch, die „Fatshionistas“ auf Instagram, und im Februar brachte „Sports Illustrated“, das US-Superfigurenmagazin schlechthin, die propere Ashley Graham im Bikini auf dem Titel – eine Überraschung, die Graham sofort zum XL-Supermodel machte.

Übergroß ist eine Herausforderung für Designer und Schnittentwickler

Ganz selbstverständlich ist das alles allerdings noch nicht. Die Auftritte werden erläutert und begründet, und die Teilnehmerinnen haben stets aufmunternde Botschaften fürs Publikum:  „Steht zu eurem Körper, lasst euch nichts vorschreiben, tragt, was ihr wollt, Schönheit ist keine Frage von Kleidergrößen“.

Modeschneiderei aber schon. Die wird durch „Übergroß“ neu gefordert, denn man kann den Schnitt für eine Bluse in M nicht einfach auf 4XL hochrechnen. Man muss Länge und Breite neu ins Verhältnis setzen. „Ab einer bestimmten Größe reichen auch die Stoffbahnbreiten von einem Meter 50 nicht mehr“, sagt Maxi Klugow, „dann muss man die Schnittmuster anders anlegen.“ Auch dürften die Stoffe sich nicht an jede Problemzone anschmiegen, aber zu fest geht auch nicht, sonst stehen sie ab.

Wie trägt sich das? Die "3Elfen" suchen Fitting Models

4XL muss erst neu gedacht werden – und dann muss man herausfinden, wie die Plusmode sitzt, wo sie zwickt, zwackt oder pludert. Fällt die Hose auch beim Gehen, oder schiebt sich der Stoff hoch? Was ist mit den Ärmeln? Kneifen die? Passt noch ein schwarzes Langarmshirt unter die bunte Kurzarmbluse, oder fühlt man sich eingezwängt?

Solche Fragen an 4XL kann man nicht selbst beantworten, wenn man wie Klugow und Dolch Größe 38 hat. Darum rufen sie gerade extragroße Frauen auf, sich bei ihnen für ein „Plus Size Fitting“ am kommenden Sonnabend zu melden. Genug Interessierte zu finden sollte kein Problem sein. Theoretisch. Praktisch ist nicht jede starke Frau eine Ashley Graham. Das wissen auch die „3Elfen“-Macherinnen von ihren Marktständen.

Da haben sie die Erfahrung gemacht, dass sich viele Kundinnen nur zögerlich aus ihren Überwürfen herauswagen. „Da muss man gut zureden“, sagt Maxi Klugow. Aber wenn sich dann mal eine etwas Modischeres anzieht, sei sie meist positiv überrascht. Was die „3Elfen“ anbieten, sind etwa schwarze Blusen mit gemustertem Rückenausschnitt, oder coole, kurze Röcke, die über Leggings getragen werden. Alles Streetstyle à la Berlin, den sie auch selbst tragen, und der eben nicht von Ulla Popken kommt, jener Ur-Marke der XL-Damen, die aber Jüngeren oft zu damenhaft ist.

Mahnung an die Einkäufer: Seid mutiger!

Dass im Plus-Size-Bereich ein Geschäft steckt, haben auch einige Modeketten realisiert, „Mango“ etwa wartet mit der Sparte „Violeta“ auf, aber so richtig euphorisch kommt das nicht rüber. Jüngst mahnte das Branchenblatt „Textilwirtschaft“ in einem XL-Bericht, dass „Einkäufer mutiger ans Werk gehen“ dürften, „denn auch Plus-Size-Frauen sind bestens informiert, was Trends angeht: Fake Fur, Veloursleder-Optik, Flares und Culottes.“ Und zwar gerne in bunt. „Big Sizes wollen Farbe“, das sei ein ungeschriebenes Gesetz, heißt es da.

Bunt aber dezent, können sie bei den „3Elfen“ bekommen, die ihren Namen übrigens nicht als ironische Anspielung auf Plus Size meinen, sondern so heißen, seit sie sich 2007, anfangs noch zu dritt, gründeten: Freundinnen aus Schulzeiten noch, die alle Fantasygeschichten mochten – und die nun ihre Fantasie für etwas ganz anderes nutzen.

Plus Size Fitting am 12. März, Goldleistenfabrik, Lehderstraße 16, Berlin-Weißensee. Mehr Infos und Bewerbungen unter www.3elfen.de

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