Autobiographie von Schlagersänger Jürgen Drews : „Du kannst zwar nichts, aber das machste richtig gut“

Jürgen Drews ist die bezwingende Verbindung von Glanz und Mittelmaß. Aber immer authentisch, wie die 317 Seiten seiner Autobiographie zeigen.

Ob kleine oder große Bühne, wie hier beim Berliner Fanfest der Fußball-EM 2016: Jürgen Drews ist immer authentisch.
Ob kleine oder große Bühne, wie hier beim Berliner Fanfest der Fußball-EM 2016: Jürgen Drews ist immer authentisch.Foto: imago/Müller-Stauffenberg

Wir sind Spiegelwesen. Menschen lieben die, in denen sie sich wiedererkennen. Wer erkennt sich in Jürgen Drews? Der ungekrönte König von Mallorca bringt am Montag seine Autobiografie heraus. Sie trägt den Titel, unter dem jede Lebensbilanz stehen sollte: „Es war alles am besten“. So heißt auch eines seiner Lieder. Natürlich macht er das mitten im Sommerloch, denn für ihn ist der Sommer kein Loch, er ist vielmehr seine Jahreszeit: „Ein Bett im Kornfeld“, „Mädchen, wir ziehn heut Abend aufs Dach ...“, „Barfuß durch den Sommer ...“ Der Sommer ist überhaupt die Jahreszeit des deutschen Schlagers. Man könnte das auch meteorologische Ignoranz nennen. Jürgen Drews hätte nie geglaubt, dass er einmal ein Buch schreiben würde, aber er fand auch keinen vernünftigen Grund, die Anfrage abzulehnen, und dann gab ihm Corona die nötige Muße. Keine Termine, keine Auftritte.

Es besteht Grund zu der Annahme, dass Drews seine Autobiografie selbst geschrieben hat, denn schon im zweiten Satz bietet er seinen Lesern das „Du“ an: „Wenn es euch nichts ausmacht, würde ich euch gern duzen. Ich nehme an, ich bin hier sowieso der Älteste.“ Das ist nicht ohne Charme.

Soziologen würden diesen Auftakt wohl trotzdem so analysieren: Da spricht offenbar jemand, der keine Distanzen aushält. Der eine Welt voller Distanzen auf die reine Unmittelbarkeit zurückschneidet. Aber hat er nicht recht? Im Schlager gibt es kein „Sie“. Die Aussage „Ich liebe Sie!“ ist keine Liebeserklärung, sondern Indiz eines Unglücks. Hätte Drews damals gefragt „Darf ich Ihnen ein Bett im Kornfeld machen?“, keiner würde wohl heute mehr seinen Namen kennen. Jürgen Drews sagt „du“, denn er schreibt für die, die ihn mögen.

Jürgen Drews bevorzugte Jazz statt Schlager

Aber wer ist das? Wo liegt das Geheimnis seines Erfolgs? Ein erster vorläufiger Hinweis steht schon auf der ersten Seite: „Ich bin der Erfolgreichste der Erfolglosen in dieser Branche.“ Da ist sie schon, die bezwingende Verbindung von Glanz und Mittelmaß. In einem Genie erkennt sich kein Mensch wieder. Oder wie Drews Vater, Chirurg, das nach einem Auftritt formulierte: „Mein Sohn, deine Mutter und ich haben den Abend genossen. Du kannst zwar nichts, aber das machste richtig gut.“ Diese Aussage von Drews Vater ersetzt ganze Kulturkritiken.

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Drews begann seine Laufbahn zur Hochzeit der Kulturkritik. Damals gehörte es für jeden, der vorgab nicht ganz auf den Kopf gefallen zu sein, zum guten Ton, Adornos „Einleitung in die Musiksoziologie“ gelesen zu haben. Da steht: „Schlager beliefern die zwischen Betrieb und Reproduktion der Arbeitskraft Eingespannten mit Ersatz für Gefühle überhaupt, von denen ihr zeitgemäß revidiertes Ich-Ideal sagt, sie müssten sie haben.“

Adorno muss seine Vorlesungen zur Musiksoziologie ungefähr zu der Zeit gehalten haben, als Drews in der Deutsch-Abitur-Prüfung zwei Literaturstücke vergleichen und darlegen sollte, welches von beiden Kitsch war. Drews: „Mir war schnell klar, welcher Text in welche Kategorie gehörte.“ Und er überführte Thomas Mann in einer flammenden Prüfungsrede der unüberbietbaren Seichtheit des Gemüts. Solche Episoden erzählt Drews mit schöner Selbstironie. Er brauchte auch daraufhin zwar ein Jahr länger zum Abitur, aber sein Literaturgeschmack stand ihm im späteren Beruf gewiss nicht im Wege.

Der selbsternannte "König von Mallorca" Jürgen Drews singt auf seiner Lieblingsinsel.
Der selbsternannte "König von Mallorca" Jürgen Drews singt auf seiner Lieblingsinsel.Foto: imago images/nicepix.world

Schlager? Drews, sagt Drews, tendierte anfangs mehr zum Jazz. Seine Autobiografie zu lesen, heißt zu erfahren, dass er seine spätere Laufbahn eigentlich dem Vater zu verdanken hat. Und seiner übergroßen Schüchternheit. Musiktherapie! Wenn er in einer Band spiele, verliere er gewiss seine Menschenscheu, dachte Vater Drews, der eine Anzeige gelesen hatte, wonach die Schleswiger Jazzband „Die Schnirpels“ (!) einen Banjospieler suchte. Der Plan war gut, das Problem war nur: Jürgen konnte gar nicht Banjo spielen. Noch nicht, antwortete zuversichtlich der Vater: Du hast noch genau drei Wochen Zeit! Das war der Anfang von Drews einzigartiger musikalischen Karriere.

Für viele ist das Leben ein großer Hindernislauf. Auch wer nicht Adornos harten Urteilen über den Schlager folgen will, darf doch vielleicht eins vermuten: Die Fans des deutschen Schlagers sind trotz der hämmernden Rhythmen auf eine besondere Weise trost- und harmoniebedürftig, wobei Thomas Mann für diese Gruppe keinen Ausweg darstellt.

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Hindernislauf? Für Drews war es das nie. Das Leben kam mit immer neuen Offerten auf ihn zu, statt vor ihm wegzulaufen. Er musste gar nichts machen, nur in der Lage sein, die richtigen Angebote anzunehmen. So kam er zu den Les Humphries Singers. So kam er zum Film, nach Amerika und wieder zurück. Und zum deutschen Schlager. So begann er seine Zweitkarriere als Moderator. So wurde er schließlich „König von Mallorca“. Vielleicht liegt auch darin das Geheimnis seines langen Erfolgs: Er ist einer wie alle und ist es zugleich nicht. Nicht das ganz Andere fasziniert, sondern das, was dem Eigenen noch nah genug ist.

Zu seinem größten Hit "Ein Bett im Kornfeld" musste er genötigt werden

Eine gewisse Nachgiebigkeit war natürlich wichtig. Etwa als Siggi Loch, der Chef der Plattenfirma Warner, von ihm verlangte, er solle doch eine Coverversion des Erfolgsstücks „Let Your Love Flow“ einspielen. Er singe erstens nicht auf Deutsch, das habe er noch nie getan, und zweitens keine Schlager, erklärte er dem Produzenten. Und drittens sei ihm das zu seicht. Aber weil er ein freundlicher Mensch ist, nahm er die Nummer probeweise zu Hause im eigenen Tonstudio auf. Es folgte die Aufforderung: Und jetzt noch mal in den Berliner Union-Studios, und bitte etwas glatter, ohne diese dummen Jazz-Schlenker! Als der Feind des deutschen Schlagers fertig war, stießen seine Nötiger an. Auf einen neuen Hit! Drews bekam nichts, er trinkt keinen Alkohol.

Bei 250.000 verkauften Singles gab es die „Goldene Schallplatte“. Sie war schon fast in der Presse, als der Absatz plötzlich stagnierte. Der Kassettenrekorder mit Aufnahmefunktion war erfunden! Jürgen Drews war vielleicht der erste, der die Einführung des Musikkommunismus – jeder schneidet mit, was er will – am eigenen Leibe, im eigenen Portemonnaie erfuhr.

Und doch: Keine Tiefen. Keine Klagen über rückläufige Plattenverkäufe oder Auftritte auf immer kleineren Bühnen. Kein Roy-Black-Syndrom. Keine Rex-Gildo-Krisen. Unlängst glaubte man noch, es gibt Berufe, in denen man nicht alt werden kann, und der des Schlagersängers gehöre dazu. Aber immer mehr von Drews Kollegen treten den Gegenbeweis an. Drews tritt überall auf, er ist, scheint es, durch den Ort nicht zu kränken. Drews, der Party-Sänger. Und er moderiert die „Miss Ostsee-Wahl“ genau wie er als Überraschungsgast plötzlich auf einer Discobühne steht. Auch ein Ärzte-Kongress schreckt ihn nicht: „Ich habe noch nie so viele entfesselte Orthopäden, Internisten und Kardiologen gesehen.“

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Auf allen 317 Seiten seines Buches („Es war alles am Besten!“, Goldmann-Verlag, 320 Seiten) sagt Drews: Schaut her, ich bin 100 prozentig der, den ihr kennt! Man nennt das wohl Authentizität. Und mindestens jede dritte Seite ist eine Liebeserklärung an seine Frau Ramona, zweimalige Miss-Ostsee-Kandidatin, mit der er nun fast dreißig Jahre zusammenlebt. Die Zielgruppe dürfte tief berührt sein. Die Treue ist ein hohes Gut im deutschen Schlager, denn auf irgendetwas sollte noch Verlass sein, wenn auf nichts mehr Verlass ist.

Wir erfahren, dass es nie zu spät ist, eine eigene Band zu gründen. Drews tat es noch mit fast siebzig Jahren. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, hatte der Verfasser der „Einleitung in die Musiksoziologie“ einst dekretiert. Doch meins!, würde Drews ihm wohl antworten.

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