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Samenspender: Der Vater, das Phantom

Sie gelten als unerforschte Spezies: Männer, die bei Samenbanken Geld verdienen. Es ist ein Geschäft in aller Heimlichkeit. Das ändert sich nun. Nach einem Gerichtsurteil dürfen Spender nicht mehr anonym bleiben.

Von Barbara Nolte

Nur seine besten Freunde und seine Familie wissen von seinem Nebenverdienst. Seine Mutter habe ihm ausreden wollen, bei einer Samenbank zu unterschreiben: Bei jedem fremden Kind im Supermarkt würde man doch denken, es könnte das eigene sein. „Wenn man sich so verrückt macht, ist Samenspenden natürlich der falsche Weg“, sagt der Spender. Er ist 23, blond, kurzhaarig und trägt weiße Turnschuhe. Sein Vater sei von Anfang an dafür gewesen. Auch seine Freunde fänden den Job „eine feine Sache“. „Männer sind da anders“, sagt er, „Frauen machen sich einfach mehr einen Kopf.“ Er ist einer von 70 Spendern, die bei der Samenbank Berlin Geld verdienen, und will anonym bleiben.

Der junge Mann sitzt vor einer heißen Schokolade in einem Café im Berliner Umland. Er wirkt freundlich, bodenständig. Er hat schon eine Tochter, drei Jahre alt und für ihn „das Wichtigste auf der Welt“. Dass weitere Kinder von ihm womöglich gerade in den Bäuchen fremder Frauen heranreifen, denen er den Kinderwunsch erfüllte, mache ihn weder bange noch stolz. „Nicht der Rede wert“, sagt er. Er habe nur nach einem möglichst unaufwendigen Job gesucht, der sich mit seinem Maschinenbau-Studium und den Vaterpflichten verbinden lasse. 105 Euro verdient er beim wöchentlichen Besuch in der Samenbank.

Ganz so unkompliziert ist die Sache seit Anfang dieses Monats allerdings nicht mehr. Eine Frau, die vor 22 Jahren mithilfe einer Samenspende gezeugt worden war, zwang per Gerichtsbeschluss einen Samenbankchef, ihr die Daten ihres biologischen Vaters herauszugeben. Mit dem Urteil verlieren Samenspender in Deutschland endgültig ihre Anonymität. „Oberlandesgericht Hamm, weiß ich“, sagt der junge Mann. Für einen kurzen Moment tut sich die Kluft auf zwischen seinem flüchtigen Tun und dessen weitreichenden Folgen. „Das Urteil hält mich nicht davon ab weiterzumachen.“

Im Foyer der Samenbank steht ein Storch aus Plastik

Samenspender, sagt die Ethnologin Michi Knecht, seien die am wenigsten beleuchteten Akteure in der Reproduktionsmedizin. Was allerdings nicht nur an der Ignoranz der Wissenschaft, sondern auch an der Scheu der Spender liege. Bei einem mehrere Semester währenden Projekt gelang es Knechts Studenten nur durch aufwendige Handzettelaktionen, Recherchen auf einschlägigen Vermittlungshomepages und mithilfe einer ausgelobten Aufwandsentschädigung von 20 Euro, wenigstens ein paar Spender leibhaftig in Augenschein zu nehmen. Einer sagte, er finde es toll, „seine Samen wie eine Blume in die Welt zu verteilen, und überall entstehen Kinder“. Für einen anderen war es bloßer „Broterwerb“.

Auf die Heimlichkeit um die Dienstleistung haben lange die Paare gedrungen, die eine Samenspende empfingen. Für Männer galt Zeugungsunfähigkeit als großer Makel. Bei der Samenspende, einer der einfachsten und damit ältesten Methoden gegen ungewollte Kinderlosigkeit, verstummten die Beteiligten im Moment der Zeugung. Seit den 30er Jahren konnte Sperma tiefgekühlt konserviert werden, von den 70ern an entstanden kommerzielle Samenbanken als weitere Orte der Diskretion. Und die Spender kamen durch den Hintereingang.

Bis in die 90er Jahre empfahlen Ärzte, Spenderkindern die Umstände ihrer Zeugung zu verheimlichen. Früher, berichtet Ann-Kathrin Hosenfeld, Laborleiterin bei der Berliner Samenbank, hätten sich Paare Spender nach der „Blutgruppen-Plausibilität“ ausgesucht. Selbst bei Reihenuntersuchungen sollte niemand Verdacht schöpfen. Hosenfeld zitiert Studien, die belegten, wie wichtig es „für die Psyche eines Menschen sei, um seine Herkunft zu wissen“. In ihrer Samenbank würde sie den Kunden deshalb zu „Offenheit in der Erziehung“ raten.

Die Berliner Samenbank liegt an der Friedrichstraße. Das für Spender und Empfänger gleichermaßen zu durchquerende Foyer ist mit Marmor ausgekleidet. Hosenfeld steht im Gang der Bank neben einem lebensgroßen Storch aus Plastik. Drei Bewerber für Samenspenden hätten sich tags zuvor vorgestellt, sagt sie. „Nach dem Urteil haben wir befürchtet: Jetzt gibt es eine Flaute.“ Doch das Interesse habe sogar zugenommen.

Die Laborleiterin beschreibt die Männer aus ihrem Spenderpool als „attraktive Menschen, gepflegt, hygienisch, gesund. Normale Durchschnittsbevölkerung.“ Es wird keine Mindestgröße verlangt, aber es gibt eine Altersbeschränkung: 20 bis 38 Jahre. Hartz IV zu beziehen sei kein Ausschlusskriterium, sagt Hosenfeld. Einen Schulabschluss sollte ein Spender allerdings haben. „Wir müssen ihn ja verkaufen.“ Der zurzeit am meisten gefragte Spender sei ein eher heller Typ, 1,85 groß, athletisch. Hosenfeld vermutet, dass die Wahl so häufig auf ihn gefallen sei, weil er einen „extrem männlichen Beruf“ habe. Genaueres darf sie nicht sagen.

Wenn maximal 15 Kinder aus dem Samen eines Mannes entstanden sind, dann darf er bei deutschen Samenbanken keine weitere Spende abgeben. So soll Inzest verhindert werden, denn die Kinder wissen ja nicht um ihre verwandtschaftliche Beziehung. Die Samenbanken müssen also nicht erst seit dem Urteil von Hamm nach immer neuen fortpflanzungswilligen Männern suchen. Für die Spender bei der Berliner Samenbank ändert sich durch die neue Rechtsprechung nichts. Bereits seit der Gründung im Jahr 1997 müssen sie zustimmen, dass ein Kind sie kontaktieren darf, wenn es 18 Jahre alt ist. Noch ist es nur ein Passus im Vertrag. In drei Jahren werden die ersten Kinder volljährig sein. „Wir sind schon gespannt, wer zu uns kommt“, sagt Ann-Kathrin Hosenfeld.

Auch Martin Bühler ist Samenspender. Er wartet am Hamburger Hauptbahnhof, ein schwerer Mann in einer dunklen Multifunktionsjacke mit schwachem schwäbischen Akzent. Auf dem Weg zu einem Café sagt er, dass er „selbstverständlich zur Verfügung“ stehe, wenn ein mit seiner Hilfe gezeugtes Kind den Wunsch äußere, ihn kennenzulernen. Im Herbst beispielsweise sei er hier in Hamburg mit einem sechsjährigen Mädchen in Hagenbecks Tierpark gewesen. „Ich erkläre den Kindern meistens, dass sie so sehr von ihren Müttern gewünscht worden seien, dass die diesen Weg gegangen sind.“ Bühler spaltet seine Vaterrolle auf: Einerseits zeigt er Verantwortung, befriedigt die Neugier seines Kindes. Andererseits versagt er ihm eine engere Beziehung, um die eigene Familie und die Familie des Kindes nicht durcheinanderzubringen.

Vor ungefähr 20 Jahren, erzählt Bühler, habe er als Samenspender begonnen. Ihm, der in einem streng katholischen Elternhaus aufgewachsen sei, habe auch die Provokation gefallen. Bei seinen ersten Besuchen in einer Münchner Samenbank habe ihn ein lesbisches Paar angesprochen, ob er ihnen privat helfen könne. Fortan habe er ausschließlich über private Vermittlung gearbeitet und neben seinem Studium 2000 bis 3000 Mark im Monat verdient.

Er hat ein Buch geschrieben: "Martin 1973: Der Samenspender"

Bühler ist heute Einkäufer für eine Großhandelskette. Seine Frau arbeite „im medizinischen Bereich“. Die beiden haben eine elfjährige Tochter. Es freue ihn, sagt er, „anderen zum Kinderwunsch zu verhelfen“. Deshalb habe er weitergemacht, auch als die Familie das Geld nicht mehr gebraucht habe. Seine Frau akzeptiere den Job, sagt Bühler, weil er ihn schon ausgeübt habe, bevor sie sich kennenlernten. Anfangs hätten sie lange geredet, um ihr die Eifersucht zu nehmen.

Martin Bühler ist eloquent und wirkt engagiert in diesem Café in Hamburg, das nicht seine Heimatstadt ist. So ähnlich hat er früher in deutschen Städten mit potenziellen Kundinnen zusammengesessen. „Privathaushalte sind für Spender tabu.“ Fünf Stunden hätten sie manchmal geredet, sagt er, bis alle Fragen geklärt gewesen seien. Hier in Hamburg wird auch das Dilemma deutlich, in dem sich Frauen befinden, die im Internet einen Samenspender suchen. Die Frauen treffen auf Männer ohne Leumund. Sie müssen sich ein Bild von ihnen machen und haben keinerlei Hintergrundwissen. Vielleicht begründet sich männliche Attraktivität in Zeiten der sexfreien Familienplanung auf die glaubwürdige und sympathische Selbstdarstellung, und die beherrscht Bühler.

Er gibt sich als Aktivist, um das Samenspenden „aus der Schmuddelecke“ zu holen. Deshalb hat er ein Buch geschrieben und selbst verlegt: „Martin 1973: Der Samenspender“. Beflissen wischt er auf seinem I-Pad herum, zeigt Verträge und Fotos. Martin Bühlers Frau antwortet per Mail auf Fragen, die er an sie weitergereicht hat. Für sie wäre es „undenkbar, mir einen Samenspender zu suchen, ich wäre kinderlos geblieben“, schreibt sie. Dass andere Kinder ihres Mannes in ihre Familie eindringen könnten, fürchtet sie nicht. „Davor habe ich keine Angst, mein Mann setzt klare Grenzen, daher wird dies nicht passieren.“

In Bühlers Berichten kommen viel mehr Kinder vor als die für Samenbankspender erlaubten 15. Die genaue Anzahl will er nicht nennen. Das sei unseriös. Tatsächlich taucht auf den Vermittlungshomepages immer wieder der Begriff Massenspender auf. Diese Samenspender scheinen einen Urinstinkt auszuleben, was lange nur Herrschern vorbehalten war. Sie verbreiten ihre Gene – neuerdings als milde Gabe. Die Ethnologin Michi Knecht sieht darin ein aktuelles Phänomen. In der heutigen „Netzwerkkultur“ habe sich ein Bedürfnis entwickelt, nach Verbindungen zu suchen. Das sehe man auch an den vielen Hobby-Verwandtschaftsforschern.

Nach dem Urteil des Oberlandesgerichts wird sich das Fahnden nach Familie in Deutschland weiter verbreiten. Nicht nur viele der inzwischen angeblich mehr als 100 000 durch Samenspenden gezeugten Kinder werden ihre biologischen Väter suchen. Ein ganzes Netzwerk von Halbgeschwistern wird sich auftun.

Ann-Kathrin Hosenfeld stiftet diese neuen Familiengeschichten. Eine große Machtposition. Sie kennt die Spender von Angesicht zu Angesicht. Zusammen mit drei Mitarbeiterinnen sucht sie für ein Paar aus dem ganzen Pool „maximal sechs, sieben“ aus. Die Kunden schickten oft Briefe, was der Spender erfüllen müsse. Lesbische Paare, die mittlerweile fast ein Drittel ihrer Kunden ausmachen, sagt sie, würden mitunter Bilder von Stars mitschicken, um ihre Vorlieben zu illustrieren.

Bei einem heterosexuellen Paar, sagt Hosenfeld, sei ein „optischer Abgleich“ des Spenders mit dem Mann, der das Kind aufzuziehen plant, immer noch zentral. Die Kinder sollen ihren Eltern möglichst zum Verwechseln ähnlich sehen.

Dieser Text ist auf der Reportage-Seite erschienen.

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