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Menschen erweisen den Opfern der Silvesterfeier mit Blumen die letzte Ehre in der Nähe der Bar „Le Constellation“.

© dpa/Jean-Christophe Bott

Update

Feuertragödie in Crans-Montana: Ermittler gehen von Sprühfontänen auf Champagnerflaschen als Brandursache aus

Bei einem Brand in einer Bar im schweizerischen Crans-Montana sind mindestens 40 Menschen getötet und 115 weitere verletzt worden. Auslöser der Katastrophe soll ein Tischfeuerwerk gewesen sein.

Stand:

Die Brandkatastrophe im Schweizer Skiort Crans-Montana ist nach Angaben der Behörden durch Tischfeuerwerk ausgelöst worden.

„Tatsächlich deutet alles darauf hin, dass das Feuer ausgegangen ist von Tischfeuerwerken, von Sprühfontänen, die auf Champagnerflaschen aufgesetzt wurden und zu sehr in die Nähe der Decke gekommen sind“, sagte die Generalstaatsanwältin des Kantons Wallis, Béatrice Pilloud, am Freitag auf einer Pressekonferenz.

Diese Hypothese ‌sei wahrscheinlich, aber noch nicht bestätigt. Zur raschen Ausbreitung des Feuers könnte Akustikschaumstoff an der Decke beigetragen haben. Man untersuche dessen Verwendung, es gebe aber noch keine Gewissheit, fügte Pilloud hinzu.

Zu dem Ergebnis kämen die Ermittler nach der Auswertung von Videos, der Vernehmung mehrerer Zeugen sowie der Sicherung erster Spuren. Bei den Zeugenaussagen handele es sich um die französischen Betreiber der Bar und Gäste der Bar, die entkommen konnten.

Strafrechtliche Verfolgung wird geprüft

„Es wird geprüft, ob eine strafrechtliche Verfolgung wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet wird“, sagte die Generalstaatsanwältin. Das wäre der Fall, wenn es eine Verantwortung noch lebender Personen gebe.

Nach dem verheerenden Brand in der Schweiz sind noch viele Fragen offen.

© dpa/Jean-Christophe Bott

Schon zuvor kursierten Aufnahmen in sozialen Medien, die zeigen, wie Menschen in der Silvesternacht in der Kellerbar „Le Constellation“ Champagnerflaschen in ihren Händen halten, in denen Wunderkerzen stecken. Funken sprühen Richtung Decke, die mit Schallschutzpaneelen abgehängt zu sein scheint. Auf den Aufnahmen ist zu sehen, wie diese Paneele in Brand geraten.

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Augenzeugen berichteten zuvor auch über Wunderkerzen. Der 19-jährige Nathan, der sich nach eigenen Angaben rechtzeitig aus der Bar retten konnte, erzählte der Schweizer Zeitung „Blick“: „Eine Frau saß auf den Schultern einer anderen Dame. Sie hatte zwei Flaschen mit Wunderkerzen.“ Sie habe diese so hoch geschwenkt, dass die Kerzen die Decke berührt hätten. Diese habe plötzlich Feuer gefangen, zitierte die Zeitung den jungen Schweizer.

Die Kantonsregierung des Wallis schrieb in einer Mitteilung von einem „Flashover“ in der Bar. Mit dem Ausdruck wird der sekundenschnelle Übergang eines kleinen Feuers zu einem Großbrand bezeichnet.

Ein Flashover passiert durch riesige Hitze, die brennbares Material so zersetzt, dass es bestimmte Gase bildet und dann auch ohne Flammenkontakt sekundenschnell in Brand gerät. Ohne Schutzkleidung sei das kaum zu überleben, sagte die Brandschutzsachverständige Sandra Barz im ARD-„Brennpunkt“.

Notfallmanagement-Experte erhebt schwere Vorwürfe

Der Berliner Notfallmanagement-Experte Philipp Cachée erhebt indessen bei „Focus Online“ schwere Vorwürfe gegen die Betreiber. Er sieht die Hauptverantwortung beim Lokal.

Laut Cachée und weiteren Fachleuten sei entscheidend gewesen, dass die Kunststoffverkleidung der Decke – vermutlich durch Partyfontänen entzündet – extrem schnell Feuer fing. Der „brennend abtropfende Kunststoff“ habe Kleidung und Haare sofort entflammt, so Cachée gegenüber „Focus Online“.

Viele Besucher trugen zudem kostümartige Kleidung aus leicht entflammbarem Material und stark gestylte Haare, was die Situation verschärft habe.

So sieht es in der Bar nach dem Brand aus.

© AFP/-

Seinen Angaben zufolge fehlen auf Videos Hinweise auf Rauchmelder oder Löschversuche durch das Personal. Cachée vermutet mangelnde Einweisung in Brand- und Arbeitsschutz. Auch der Feuerwerksexperte Erich Frey kritisiert laut „Blick“, dass die Partyfontänen viel zu nah an brennbaren Oberflächen genutzt wurden.

Nur ein Fluchtweg

Wie „Focus Online“ berichtet, verfügte die Bar offenbar nur über einen einzigen Fluchtweg – obwohl Schweizer Richtlinien für Räume mit über 100 Personen mindestens zwei unabhängige Ausgänge verlangen. Laut Experten führte dieser Mangel dazu, dass sich Menschen am Eingang verkeilten. Die Tür blockierte, während sich Rauch und Feuer ausbreiteten.

Der Schweizer Zeitung „Blick“ zufolge berichtet der TV-Sender BFMTV über zwei junge Französinnen, die aus der Bar entkamen. Die Ausgangstür sei für die Menge zu klein gewesen, ein Fenster wurde eingeschlagen, um Menschen zu retten. „Die Flammen waren nur einen Meter von uns entfernt“, werden die Frauen zitiert.

„Es herrschte absolute Panik, alle schrien“, sagten sie demnach. Die beiden gaben an, dass der Brand von einer Geburtstagskerze ausgegangen sei, die Kellnerinnen auf Champagnerflaschen gestellt hatten. 

Die Menschen versuchten, die Fenster mit Stühlen und Tischen einzuschlagen.

Eine 18-jährige Augenzeugin

Der 18-jährige Alexis Lagger sah nach eigenen Angaben in der Nacht beim Vorbeigehen Rauch aus der Bar kommen und verständigte die Polizei. Sekunden später seien Flammen aus dem Lokal geschlagen.

„Die Menschen versuchten, die Fenster mit Stühlen und Tischen einzuschlagen“, berichtete er dem Westschweizer Fernsehen. Er habe geholfen, sich um die zu kümmern, die rausgekommen seien.

Mindestens 22 Verletzte identifiziert

Indessen wurden die 22 Brandopfer aus Crans-Montana, die in einer Schweizer Spezialklinik in Lausanne behandelt werden, identifiziert. Das sagte die Direktorin des Universitätsklinikums Waadt (CHUV), Claire Charmet, dem Schweizer Sender RTS.

Viele Familien hatten in sozialen Medien verzweifelte Aufrufe gepostet, weil sie nicht wussten, ob ihre Kinder unter den Verletzten oder Toten waren. In den ersten Stunden nach dem Unglück war aber die höchste Priorität der Kliniken, das Leben der Patienten zu retten, nicht die Identifizierung.

In der Universitätsklinik Lausanne wurden allein etwa 13 erwachsene und acht minderjährige Brandverletzte aufgenommen, „deren Körperoberfläche zu mehr als 60 Prozent verbrannt ist“, wie der Chefarzt des Spitals Morges, Wassim Raffoul, dem Sender RTS sagte.

Es handle sich um sehr schwere Verletzungen, deren Behandlung sehr lange dauern werde. Hinzu könne kommen, dass die Verletzten auch Rauchgasvergiftungen, Quetschungen sowie Knochenbrüche durch das Gedränge erlitten hätten. 

Insgesamt waren 115 Verletzte auf verschiedene Kliniken verteilt worden, teils auch in Deutschland. Rund 40 größtenteils junge Menschen waren in der Silvesternacht bei dem Brand in einer Bar in dem Ferienort ums Leben gekommen.

Prognose für Verletzte: ernst

Alle 22 seien schwerstens verletzt, sagte Charmet: „Die Prognosen sind für jeden dieser Verletzten, die alle schwere Verbrennungen erlitten haben, sehr ernst.“ Viele dürften sehr lange Behandlungen benötigen. Familienangehörige seien teils vor Ort. Die Klinik sei mit Material und Personal ausreichend ausgestattet. Dennoch sollten einige Patientinnen und Patienten verlegt werden, teils auch ins Ausland.

Medien aus der ganzen Welt arbeiten vor dem Areal der Bar und Lounge „Le Constellation“.

© dpa/Jean-Christophe Bott

Nach bisherigen Erkenntnissen stammten viele der Opfer aus Frankreich und Italien. Denkbar ist, dass sie in ihre Heimat gebracht werden, um näher bei ihren Familien zu sein. Beide Länder haben selbst Spezialkliniken für Brandverletzungen und der Schweiz Unterstützung angeboten.

Die Behörden dämpften indessen die Hoffnung auf schnelle Aufklärung, wer die toten Opfer des Infernos sind. Die Identifizierung werde Tage dauern, da die schweren Verbrennungen den Einsatz von Zahn- und DNA-Proben erforderten. „Diese ganze Arbeit muss getan werden, denn die Informationen sind so schrecklich und heikel, dass den Familien nichts mitgeteilt werden kann, wenn wir nicht 100-prozentig sicher sind“, sagte der Walliser Staatsratspräsident Mathias Reynard.

Das erste Opfer wurde bereits identifiziert: der junge italienische Golfer Emanuele Galeppini. In einem Beitrag auf ihrer Website würdigte der italienische Golfverband einen „jungen Sportler, der Leidenschaft und authentische Werte verkörperte“. Hinweise auf mögliche deutsche Opfer gibt es nicht.

Die deutsche Botschaft stehe mit den Schweizer Behörden „in engem Kontakt“, teilte das Auswärtige Amt in Berlin am Freitag mit. 

Das Unglück in dem bekannten Touristenort löste bei Anwohnern, Touristen und Politikern Erschütterung aus. „Dieser Abend sollte eigentlich ein Fest sein, doch er wurde zu einem Albtraum“, sagte Mathias Reynard.

Weitere Gedenkfeier am Sonntag, Papst kondoliert

Am kommenden Sonntag soll ein ökumenischer Trauergottesdienst in dem Skiort folgen. Bis dahin würden die Kirchen geöffnet bleiben, „damit Menschen, die ein Kondolenzbuch unterschreiben, eine Zeit des Gebets einlegen, Blumen oder eine Kerze aufstellen oder ein offenes Ohr finden möchten, dies tun können“, sagte der örtliche Bischof Jean-Marie Lovey. Der spezifische Dienst des Christentums sei, Gemeinschaft zu schenken.

Am Freitag hatte Papst Leo XIV. ein Beileidstelegramm gesandt. Darin bekundete er sein Mitgefühl und die Hoffnung auf Trost für alle Betroffenen.

Der Brand war Informationen der Behörden zufolge um 1.30 Uhr gemeldet worden und am frühen Morgen unter Kontrolle gewesen. Das Gebiet wurde laut offiziellen Angaben vollständig abgesperrt und ein Überflugverbot über Crans-Montana verhängt, damit die Helfer ungehindert agieren können.

Ein Leichenwagen fährt vor.

© dpa/Keystone/Jean-Christophe Bott

Am Neujahrsabend beteten in der Kirche von Crans-Montana 400 Gläubige in einer Messe mit dem Bischof von Sitten, Jean-Marie Lovey, für die Opfer. Die meisten dürften Teenager oder Anfang 20-Jährige gewesen sein, heißt es vonseiten der Polizei, womöglich Minderjährige. Die Bar „Le Constellation“ war nach Angaben von Anwohnern bei ihnen besonders angesagt.

Crans-Montana liegt im Kanton Wallis und gilt als mondäner Ferienort mit vielen Prominenten. Berühmtester Einwohner war James-Bond-Schauspieler Roger Moore (1927–2017). Der Ort auf etwa 1500 Metern Höhe hat ein großes Skigebiet. Am 30. Januar soll hier der Alpine Ski World Cup ausgetragen werden.

Über die Feiertage ist der Ort in der Regel ausgebucht. Auf rund 10.000 Einwohner kommen rund 2600 Hotelbetten, davon acht Hotels in der Luxuskategorie, und Hunderte Ferienwohnungen. Bei rund einer Million Übernachtungen im Jahr reisen nach Angaben der örtlichen Tourismusbehörde etwa 20 Prozent der Gäste aus dem Ausland an. Der nächste große Flughafen ist Genf. Auf dem Landweg sind es von dort aus 180 Kilometer. (Tsp, mit Agenturen)

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