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Die Concordia liegt seitlich vor der Felsenküste der Insel Giglio.
© dpa

Costa Concordia: Kapitän machte verheerende Fehler

Auch die Reederei ist überzeugt: Ein leichtsinniges Manöver des Kapitäns war die Ursache des Unglücks. Was wird ihm genau vorgeworfen?

Nach der Havarie des Kreuzfahrtschiffs „Costa Concordia“ mit sechs Toten und zuletzt 16 Vermissten gerät Kapitän Francesco Schettino immer stärker unter Druck. Die Vorwürfe gegen den 52-Jährigen, der wegen Fluchtgefahr und wegen der – laut Staatsanwaltschaft – „unentschuldbaren Dreistigkeit“ seines Verhaltens in Haft sitzt, wiegen schwer.

Welche Fehler hat der Kapitän gemacht?

Der Kapitän soll seinen knapp 300 Meter langen Schiffskoloss, der bei normaler Fahrt einen Bremsweg von fast sechs Kilometern hat, bis auf 150 Meter an die Felsküste der „Isola del Giglio“ herangefahren haben. Diese manuelle Abweichung von der im „Autopilot“ des Schiffes fest einprogrammierten Route sei nicht angekündigt und schon gar nicht erlaubt gewesen, sagte am Montag der Chef des Kreuzfahrtunternehmens Costa, Pierluigi Foschi, vor Journalisten in Genua. Auch die „Prozeduren des Kapitäns nach dem Aufprall auf die Klippe“, sagte Foschi, hätten nicht den „schriftlich festgelegten und geprüften Regeln“ der Schifffahrt entsprochen. Das Manöver vor der Isola del Gigli sei ein „schwerer menschlicher Irrtum“ des Kommandanten gewesen. Hafenbehörden berichten, sie hätten den Kapitän gleich nach dem Unglück – als Passagiere längst über ihre Privathandys Alarm geschlagen hatten – mehrfach telefonisch nach den Geschehnissen an Bord gefragt, aber nur abwiegelnde oder beschönigende Antworten erhalten. Erst auf erhebliches Drängen habe der Kapitän beim vierten Anruf seinen SOS-Ruf abgesetzt, eine Stunde nach dem Unglück. Der Kapitän wird darüber hinaus beschuldigt, sein Schiff schon Stunden vor der Rettung der letzten Passagiere verlassen zu haben.

Muss der Kapitän als Letzter von Bord gehen?

„Dass der Kapitän das Schiff unbedingt als Letzter verlassen muss, ist der Normalfall, aber es gibt keine Vorschrift“, sagte Klaus Ramming, Vorsitzender des Deutschen Vereins für internationales Seerecht, dem Tagesspiegel. „Der Kapitän hat aber die oberste Befehlsgewalt, er muss die Rettungsmaßnahmen leiten und den Überblick behalten.“

Die Vorwürfe gegen Schettino beinhalten nicht nur die Vernachlässigung seiner Pflichten, sondern gehen sogar noch weiter: Der Kapitän soll wiederholt von der Küstenwache aufgefordert worden sein, für die Evakuierung zurück an Bord zu gehen, daraufhin soll er nur angeboten haben, die „Blackbox“ des Unglücksschiffs zu holen, wie italienische Medien berichteten. Diese inzwischen gefundenen Aufzeichnungen der Kommunikation auf der Brücke und mit dem Hafenamt sind es, die den Ermittlern Informationen über den Ablauf der dramatischen Geschehnisse in der Nacht geben. „Die Ermittler verdächtigen ihn, er habe das sabotieren wollen“, hielt die Turiner „La Stampa“ dazu am Montag fest. Außerdem habe man den Kapitän festgenommen, weil Fluchtgefahr bestünde. Mit seiner jahrelangen Erfahrung auf See und der Kenntnis vieler Häfen habe die Gefahr bestanden, dass er sich ins Ausland absetzen würde, so Staatsanwalt Francesco Verusio.

Ist der Kapitän alleine verantwortlich?

Die Pflichten eines Kapitäns ergeben sich aus seiner rechtlichen Stellung, sagt Seerechtsexperte Ramming. „Er hat die oberste Anordnungsbefugnis und trifft die letzten Entscheidungen über den Kurs.“ Doch auch gegen den ersten diensthabenden Offizier werde ermittelt, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa. Auch Ramming warnt: „Der Fall ist wahrscheinlich komplexer, als er in den Medien dargestellt wird. Der Kapitän muss nicht die komplette Zeit auf der Brücke sein. Er kann diese Aufgabe zeitweise an einen Wachoffizier delegieren. Bei der Strafverfolgung muss deshalb insbesondere geprüft werden, wer zu diesem Zeitpunkt die Wache hatte.“ Unabhängig davon könne eine Strafbarkeit des Kapitäns trotzdem gegeben sein, wenn er seiner Leitungsfunktion nicht nachgekommen sei, sagte Ramming.

Was könnten die Motive gewesen sein, so nah an der Insel vorbeizufahren?

Nach Medienberichten könnte das Schiff der Insel zu nahe gekommen sein, weil man die Bewohner von Giglio mit einem Sirenenton habe grüßen wollen. Das hätten schon viele Schiffe so gemacht, sagte Giglios Bürgermeister Sergio Ortelli laut Ansa. „Diesmal ist es schiefgelaufen“, fügte Ortelli an. Bereits am Sonntag hatten italienische Zeitungen berichtet, eine solch nahe Vorbeifahrt habe es schon häufiger gegeben. Einer anderen Theorie zufolge habe der Kapitän einem Kellner einen Gefallen tun wollen. Dieser stamme von der Insel Giglio und hätte eigentlich an diesem Tag frei haben sollen. Laut der Zeitung „Corriere della Sera“ ließ der Kapitän kurz vor dem Unglück Oberkellner Antonello Tievoli auf die Brücke rufen. „Antonello, schau mal, wir sind ganz nahe an deinem Giglio“, habe er zu ihm gesagt, zitierte das Blatt Zeugen. Daraufhin habe Tievoli gewarnt: „Vorsicht, wir sind extrem nahe am Ufer.“ Seine Schwester schrieb im Internet: „Mein Bruder fährt gleich sehr nah an uns vorbei“. Unmittelbar darauf lief das Schiff auf Felsen auf. Dem „Corriere“ zufolge soll der Kellner von der Staatsanwaltschaft vernommen werden.

Was weiß man über Schettino?

Der 52-jährige Kapitän stammt aus Meta di Sorrento; der 8000-Einwohner-Ort liegt am Golf von Neapel und hat traditionell die höchste Dichte von Seeleuten unter den italienischen Gemeinden. Auch der Kapitän der „Costa Concordia“ stammt aus einer alten Seefahrerfamilie. Gelernt hat er beim staatlichen Unternehmen „Tirrenia“, das den Fährverkehr zwischen dem italienischen Festland und den Inseln betreibt; danach war er bei Agip. 2002 stieß er als Sicherheitsoffizier zum Kreuzfahrtunternehmen Costa, dem größten seiner Art in Europa. Kapitän wurde er im Jahr 2006. Costa versichert, er habe alle vorgeschriebenen Eignungsprüfungen immer wieder mit Erfolg bestanden sowie an allen Fortbildungsmaßnahmen teilgenommen.

(mit Reuters/AFP)

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