Neuro-Phänomen ASMR : 17 Minuten Schreddern als Entspannung für Millionen

Ein Kribbeln bei leisen Worten, wohlige Gefühle durch das Streicheln eines Mikrofons: Das Phänomen ASMR fasziniert auf Youtube. Wissenschaftler rätseln.

Entspannen durch Flüstern - das ASMR-Phänomen kann man sehr prominent auf Youtube beobachten.
Entspannen durch Flüstern - das ASMR-Phänomen kann man sehr prominent auf Youtube beobachten.Foto: Jens Büttner / dpa

Im Jahr 2009 wird auf der Videoplattform Youtube ein kurzer Clip hochgeladen. Er dauert knapp zwei Minuten. Zu sehen ist nichts, nur ein schwarzer Bildschirm. Man kann eine flüsternde Frauenstimme hören, die auf Englisch Folgendes sagt: „Hallo, ich dachte, ich mache mal ein Video von mir, wie ich flüstere, weil ich es sehr liebe, Leute flüstern zu hören. Was sehr sehr merkwürdig ist, vielleicht ist das ein komischer Fetisch oder so was.“

Das Video gilt als eine der ersten Beschreibungen für ein Phänomen, um das sich inzwischen eine große Community gebildet hat. Es sind Menschen, die auf bestimmte äußere Reize mit großem Wohlbefinden reagieren – Leute, die ASMR erleben.

ASMR steht für Autonomous Sensory Meridian Response – ein Begriff, der eher nicht in der Fachliteratur zu finden ist. „ASMR ist ein nichtklinischer, seit einigen Jahren im Internet verbreiteter Begriff“, sagt Christina Haubrich, Fachärztin für Neurologie in Düsseldorf. „Er wurde geprägt, um eine bei tiefer Entspannung an der Kopfhaut wahrgenommene Empfindung zu beschreiben, ein angenehmes ,Kribbeln’ an der Haut.“

Tatsächlich findet sich im Internet eine erstaunlich große Zahl an ASMR-sensiblen Menschen. Das Gefühl wird in Foren wahlweise beschrieben als „brain orgasms“, also Orgasmen im Gehirn, als Kitzeln in der Wirbelsäule, als leichtes Kribbeln im Körper und alles in allem als sehr entspannend. „In der Tat scheint es so, dass das Internet die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf ein bislang unbekanntes sensorisches Phänomen gelenkt hat“, sagt Christina Haubrich. Auf Youtube wird die Dimension des Phänomens besonders greifbar.

Wenn man auf der Video-Plattform „ASMR“ in die Suchmaske tippt, bekommt man Zugriff auf eine riesige Anzahl von Videos, die damit werben, das wohlige Gefühl auszulösen. Und die Clips erreichen zum Teil erstaunliche Klickzahlen. Ein Video, in dem etwa 17 Minuten lang verschiedene Gegenstände wie Deoflaschen, Boxhandschuhe oder Glühbirnen in einen Schredder geworfen werden, hat 86 Millionen Aufrufe.

In einem anderen Video mit 31 Millionen Aufrufen verspricht eine Nutzerin namens „ASMR Darling“, einem durch bestimmte ASMR-Reize beim Einschlafen zu helfen – eine Stunde lang flüstert sie oder streichelt das Mikrofon. Ansonsten: Videos mit Schmatzen, Knistern oder platzenden Tuben – die Palette an ASMR auslösenden Reizen ist groß.

Derzeit gibt es keine wissenschaftliche Erklärung für ASMR

Allerdings: Nach aktuellem Stand gebe es derzeit keine wissenschaftlich belegte Erklärung für die AMSR, sagt Haubrich. Es seien in der Neurowissenschaft vergleichbare Phänomene bekannt, bei denen eine Empfindung durch einen Sinnesreiz ausgelöst werde – zum Beispiel die Wahrnehmung von Tönen als Farben. „Ähnlich wie für die ASMR berichtet, sind diese Wahrnehmungen nicht bei jedem Menschen ausgeprägt“, sagt Christina Haubrich. Denn es ist keineswegs so, dass AMSR bei allen gleichermaßen funktioniert – viele reagieren überhaupt nicht darauf.

„Es gibt viele unbeantwortete Fragen, zum Beispiel, warum nur bestimmte Menschen ASMR erleben und wie hoch der Anteil dieser in der Bevölkerung ist“, sagt Christina Haubrich. „Unklar ist auch, ob die Erwartung des Effektes dazu beiträgt, die Empfindung auszulösen.“ Es müsse beispielsweise auch geklärt werden, ob es eine bestimmte Hirnaktivität gebe, die für ASMR sensibel mache – und ob es potentiell erlernbar sei.

Bislang ist das Phänomen wenig untersucht

Denn das Phänomen ist wissenschaftlich bislang wenig untersucht. Einige Studien haben sich des Themas in den letzten Jahren zwar angenommen – jedoch sei angeführt worden, dass die Untersuchungsbedingungen für AMSR schwierig seien, da man im besten Falle auf Instrumente wie ein MRT oder Elektroden verzichten müsste, sagt Christina Haubrich. Es sei aber anzunehmen, dass künftig noch weitere Studien zur ASMR mit anderen neurophysiologischen Methoden hinzukämen. Denn bei aller Unklarheit: ASMR erfreut sich seit Jahren einer großen Beliebtheit. Manchen hilft es sogar beim Einschlafen und beim Stressabbau – ASMR scheint also entspannende Effekte zu besitzen, denen man wissenschaftlich mehr Aufmerksamkeit zollen sollte, sagt Haubrich.

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Denn eines bleibt sicher: Der Kreis der ASMR-Fans wird nicht kleiner werden. „Ich flüstere einfach immer weiter und ihr könnt dabei zuhören. Hoffentlich genießen es manche Leute genauso wie ich“, sagte die englische Flüsterfrau vor zehn Jahren am Ende ihres kurzen Videos. Wie sehr sich ihre Hoffnung erfüllen würde, konnte sie damals nicht ahnen.

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