Neuschwanstein hat wieder geöffnet : Ungewohnt viel Platz im Märchenschloss

Dem Sehnsuchtsort und Kitschschloss fehlen die Besuchermassen. Die Traumwelt von Ludwig II. ist momentan in Kleingruppen zu erleben – fast exklusiv

Das Märchenschloss Neuschwanstein kann wieder besucht werden.
Das Märchenschloss Neuschwanstein kann wieder besucht werden.Foto: Christof STACHE/AFP

Im Schlafzimmer des Königs sagt der Führer Patrick Korb: „Und jetzt bitte jeder auf einen Punkt stellen.“ Die zehn gelben Flecken sind gleichmäßig auf dem Boden verteilt, die Teilnehmer der Schlossführung platzieren sich darauf. Der Raum ist nicht voll, so hat man einen freien Blick auf das blau bezogene Bett, wo König Ludwig II. von Bayern genächtigt hatte, auf die überladenen Holzverzierungen und die ganzen Ölgemälde an den Wänden.

Neuschwanstein bei Füssen im Allgäu – das „Märchenschloss“ ist Sehnsuchts- und Kitschort mancher deutscher und vieler amerikanischer, japanischer oder chinesischer Urlauber. Ein Must-See beim Trip durch Europa, auf den Bayern-Landkarten ist es vorne drauf abgebildet. Vor Corona wurden in der Hochsaison 6000 Besucher täglich durchgeschleust. „Seit der Wiedereröffnung Anfang Juni sind es wegen der Beschränkungen maximal 540“, sagt Ines Holzmüller von der Bayerischen Schlösserverwaltung. Früher hatte eine Tour 58 Teilnehmer, jetzt sind es zehn, dafür sind sie meist restlos ausgebucht. Die Ausländer fehlen, manche auf asiatische Gäste ausgerichtete Hotels im nahen Füssen ringen mit der Pleite.

Früher war es zu voll, jetzt fehlen die Touristen

Patrick Korb erinnert sich: „In den kleineren Zimmern konnten die Leute meist nicht viel sehen, sie waren ja völlig zusammengequetscht.“ Die Schlossführer beließen es bei knappen Erläuterungen, sie mussten schauen, dass die Gruppe beisammen blieb. „Jetzt habe ich mehr Zeit für Erklärungen“, sagt der 36-jährige Korb. So zeigt er im Badezimmer einen Knopf, mit dem der König fließendes Wasser ins Waschbecken plätschern lassen konnte – in der Zeit der Erbauung von 1869 an war das eine Neuheit. Korb führt durch die Privatkapelle in die Grotte, eine nachgebildete Tropfsteinhöhle, und rein ins Wohnzimmer, wo alles mit dem Motiv des Schwans ausgestattet ist.

Eintritt mit Maske. Vergleichsweise wenige Besucher kommen nach Neuschwanstein. Viele Touristen fehlen.
Eintritt mit Maske. Vergleichsweise wenige Besucher kommen nach Neuschwanstein. Viele Touristen fehlen.Foto: Christof STACHE/AFP

Ein paar Leute sind durchaus da, in Hohenschwangau. Von dort geht es zu Fuß oder mit der Pferdekutsche zwei Kilometer rauf zum Schloss. Doch die Reisebusse fehlen, Parkplätze sind leer. In den Souvenirläden ist Platz, für eine Bratwurst muss man sich nicht anstellen. Normalerweise kommen 1,5 Millionen Besucher pro Jahr in den Ort und zum Schloss.

Johann Hensel ist der Schlossverwalter, er empfängt in seinem Arbeitszimmer mit grandioser Aussicht auf den Forggensee und einem Schwarz-Weiß-Bild des jungen Ludwig II. an der Wand. Es sind Hensels letzte Tage vor seiner Pension. Vor dreieinhalb Jahren war er, eine erfahrene Führungskraft der Schlösserverwaltung, als Feuerwehrmann nach Neuschwanstein geschickt worden. Es gab Skandale: Mobbing, Betrug und ein vergiftetes Klima unter den Mitarbeitern. Am Ende seines Arbeitslebens muss er erneut eine Krise bewältigen – Corona.

Drastisch reduzierte Besucherzahlen

Am 14. März wurde Neuschwanstein geschlossen, für den Neustart am 2. Juni haben sie ein Hygienekonzept entwickelt, mit drastisch reduzierten Besucherzahlen geplant, die gelben Punkte auf das Parkett geklebt. „Wir desinfizieren fleißig und lüften zweimal am Vor- und zweimal am Nachmittag durch“, erzählt Hensel. „Ich habe ein gutes Gefühl.“ Dem entschleunigten Tempo kann er einiges abgewinnen: „Es ist alles viel entspannter, fast familiär.“ Und für die Besucher sei die Führung „ein fast exklusives Erlebnis“. Bisher war Neuschwanstein der Goldesel der Schlösserverwaltung, wenngleich über den Gewinn beharrlich geschwiegen wird. „Jetzt bringt das Schloss kein Geld“, sagt Hensel, „aber die Öffnung ist ein Service für die Bevölkerung.“

Das Schloss ist ein Fake

Der Schlossverwalter hat auch einen schönen Blick auf die Marienbrücke über der Pöllatschlucht, sie ist ein bekannter Aussichtspunkt auf das Schloss. „Schauen Sie“, deutet er darauf, „die Menschen halten alle Abstand, das läuft super.“ Wer ist Ludwig II. für den Schlossverwalter? Dieser habe ein „großes Lebenswerk geschaffen“, sagt Johann Hensel. „Er hat sehr auf Qualität geachtet.“

Eigentlich ist das Schloss ein Fake – eine in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtete mittelalterliche Ritterburg, also 600 Jahre zu spät. Der Erbauer Ludwig II. war ein großer Verehrer des Komponisten Richard Wagner, an ihn schrieb er 1868, er wolle eine Burg „im echten Styl der alten deutschen Ritterburgen“ errichten. Letztlich lebte er, der „Märchenkönig“, der „Kini“, insgesamt nur 172 Tage dort. Zuletzt hatte er sich auf dem Schloss verschanzt, bis er abgeholt wurde – man hatte ihn entmündigt und wegen seiner maßlosen finanziellen Prasserei für unzurechnungsfähig erklärt. Kurz danach ertrank er 1886 an einer seichten Stelle im Starnberger See, es existieren zahlreiche Mythen über andere Todesursachen.

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„Neuschwanstein sollte so alt wie möglich aussehen und so modern wie möglich sein“, sagt Gästeführer Korb. Der König hatte sich zeitlebens mit seinen verschiedenen Schlossprojekten maßlos verausgabt. Nur 15 der insgesamt 200 Zimmer in Neuschwanstein konnten hergerichtet werden.

Weiter geht es bei der Führung in die großen Räume dieses kruden Fantasieschlosses. Der Leuchter im Thronsaal, so erfährt man, ist einer byzantinischen Krone nachempfunden und wiegt eine Tonne. Der Sängersaal – ein kleineres Fußballfeld – ist ein Nachbau des entsprechenden Raumes in der Eisenacher Wartburg. Empfänge, Sitzungen oder Besuche gab es nicht auf Neuschwanstein, im Gegensatz zu heute war es einzig für Ludwig II. da.

Auf dem Pfad hinab vom Schloss hat das Restaurant „Zur neuen Burg“ wieder geöffnet, angeboten wird: „König Ludwigs Leibspeise! Ofenfrische Schweinshaxe auf Sauerkraut mit Knödel, 13,50 Euro.“ Auch die Kutschen werden wieder gezogen, auf dem Weg liegen die Pferdeäpfel.

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