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Prozess in Freiburg : Haftstrafen für zehn von elf Angeklagten wegen Gruppenvergewaltigung

Die Vergewaltigung einer 18-Jährigen durch mehrere Männer hatte bundesweit Schlagzeilen gemacht. Der Haupttäter soll nun fünfeinhalb Jahre ins Gefängnis.

Der Prozess fand wegen der Corona-Regeln in einem Konzertsaal statt.
Der Prozess fand wegen der Corona-Regeln in einem Konzertsaal statt.Foto: Philipp von Ditfurth/dpa

Im monatelangen Prozess um die Gruppenvergewaltigung einer 18-Jährigen in Freiburg hat das Landgericht in der baden-württembergischen Stadt Haftstrafen gegen zehn der elf Angeklagten verhängt. Den Haupttäter verurteilte das Gericht am Donnerstag zu fünfeinhalb Jahren Haft, sieben weitere Männer zu Strafen zwischen drei und vier Jahren. Zwei Angeklagte erhielten Bewährungsstrafen von vier beziehungsweise sechs Monaten, ein Angeklagter wurde freigesprochen. Die Urteile sind damit noch nicht rechtskräftig. Die Prozessbeteiligten können Rechtsmittel einlegen.

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Den Männern war vorgeworfen worden, in der Nacht vom 13. auf den 14. Oktober 2018 die unter Drogeneinfluss stehende junge Frau in einem Gebüsch nahe einer Diskothek gemeinschaftlich vergewaltigt oder ihr nicht geholfen zu haben. Nacheinander haben die Männer nach Überzeugung des Gerichts die Frau vergewaltigt. Eine gleichzeitige Vergewaltigung durch mehr als einen Täter sei nicht sicher nachzuweisen, sagte der Vorsitzende Richter.

Zweieinhalb Stunden soll es demnach gedauert haben, bis die Männer, die zur Tatzeit zwischen 18 und 30 Jahre alt waren, von ihrem Opfer abließen. Als die 18-Jährige vor der Disco zu sich kam, soll ihr einer der Mittäter geholfen haben. Von mehreren Angeklagten sind später DNA-Spuren an der jungen Frau gefunden worden.

Um die Coronavirus-Regeln einhalten zu können, fand der Prozess nicht im Gericht, sondern in einem Konzertsaal statt. Die Staatsanwaltschaft hatte für acht Beschuldigte, die schon während des Prozesses in Haft saßen, mehrjährige Freiheits- sowie Jugendstrafen gefordert. Für zwei weitere Angeklagte forderte die Anklagebehörde wegen unterlassener Hilfeleistung Bewährungsstrafen, bei einem weiteren Mann plädierte sie auf Freispruch. Die Verteidiger forderten Freisprüche.

Der Fall hatte bundesweit zu einer Debatte über Ausländerkriminalität geführt. Nur einer der jungen Männer hat einen deutschen Pass. Die Angeklagten erklärten sich in der Verhandlung für nicht schuldig und gaben an, die Frau habe einvernehmlich Sex mit ihnen gehabt.

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Es ist bereits das zweite Mal binnen kurzem, dass ein Vergewaltigungsfall in Freiburg bundesweit im Fokus stand; erneut sind die Tatverdächtigen geflüchtete junge Männer. Im März 2018 verurteilte das Landgericht Freiburg den vermutlich 26-jährigen Hussein K. wegen Mordes in einem besonders schweren Fall zu lebenslanger Haft. Er hatte die 19-jährige Medizinstudentin Maria L. am Ufer des Flüsschens Dreisam auf deren Heimweg von einer Feier vom Rad gezerrt, sie vergewaltigt und danach ertränkt.
Während des Prozesses wurde bekannt, dass der Afghane bereits in Griechenland eine junge Frau angegriffen hatte, die dabei nur knapp dem Tod entging.

Die Fälle in Freiburg erregten unter anderem deswegen in der Stadt wie auch national so viel Aufsehen, weil das politische und soziale Klima von der Universität geprägt ist, traditionell liberal und tendenziell migrationsoffen. Bei der Kommunalwahl wurden die Grünen 2019 mit 26,5 Prozent der Stimmen erneut stärkste Kraft, die AfD kam lediglich auf 3,6 Prozent.

Als die AfD im vergangenen Oktober zu einer Demonstration aufrief, um „unser Land, unsere Freiheit und unsere Frauen“ zu schützen, wie der Landtagsabgeordnete Stefan Räpple formulierte, standen 400 Parteianhänger trotz strömenden Regens 2000 Gegendemonstranten gegenüber, der Oberbürgermeister Martin Horn (parteilos) demonstrierte mit ihnen.

Die Tat habe die Stadt aufgewühlt und ihn auch persönlich stark beschäftigt, sagte Horn der "Süddeutschen Zeitung". Horn, der zum Tatzeitpunkt 2018 erst wenige Monate im Amt war, erhielt nach eigenen Angaben selbst tausende Hasskommentare. "Das waren die heftigsten und intensivsten Tage in meiner bisherigen Tätigkeit als Oberbürgermeister", sagte er. Die Bürger der Stadt lobte er. "Ich finde, Freiburg hat beeindruckend reagiert." Er sei "stolz und dankbar", dass die Mehrheit der Freiburger gegen Pauschalisierungen eingetreten sei. (ade, AFP, dpa)

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