Stamm gegen Staat : So wehren sich US-Ureinwohner gegen die Benachteiligung in der Coronakrise

Die Ureinwohner in den USA bedroht das Virus besonders, aber viele warten vergeblich auf Hilfe. Daher handeln sie selbst - und riskieren einen Konflikt mit den Behörden.

Die Navajos schotten ihr Reservat ab. Sie registrieren bislang mehr als 3200 Infektionen und beklagen über 100 Todesfälle.
Die Navajos schotten ihr Reservat ab. Sie registrieren bislang mehr als 3200 Infektionen und beklagen über 100 Todesfälle.Foto: Carolyn Kaster/dpa

Im Januar schwante den Cheyenne River Sioux, dass etwas Gefährliches im Anmarsch war. Da hörten sie, so erzählt es Remi Bald Eagle am Telefon, erste Berichte über ein tödliches Virus aus China, welches das Potenzial zu einer globalen Pandemie habe. Staaten weltweit meldeten erste Fälle, die Weltgesundheitsorganisation warnte vor dem Coronavirus, doch in den USA interessierte sich Präsident Donald Trump noch nicht dafür.

Aber die Cheyenne River Sioux hörten ganz genau hin und stellten alsbald fest: Würde das Virus in ihrem Reservat in South Dakota ausbrechen und so wüten, wie Experten vorhersagten, hätte der Stamm keine Chance. Also musste alles daran gesetzt werden, das Virus vom Territorium der Sioux im Norden von South Dakota fernzuhalten.

Neun Straßensperren wurden errichtet

Rund um das Reservat mit einer Fläche von fast 14.000 Quadratkilometern wurden im April neun Straßensperren errichtet, an denen kontrolliert wird, ob Durchreisende in Kontakt mit dem Virus waren. Durchgelassen wird seitdem nur, wer als unbedenklich gilt; wer sich der Kontrolle verweigert, muss das Reservat großräumig umfahren. Die Oglala Lakota Sioux weiter südlich handelten ähnlich.

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Diese Maßnahmen, verbunden mit strengen Vorgaben für die Bewohner der Reservate, erwiesen sich als erfolgreich. „Wir hatten bisher nur einen Fall: einer unserer Älteren, der inzwischen wieder genesen ist“, sagt Bald Eagle, der für die Regierungsbeziehungen seines Stammes verantwortlich ist. Der 46-Jährige hält den Kontakt zur Regierung in Washington, von der die Sioux finanzielle Unterstützung erhalten, und zur Regierung von South Dakota, dem Bundesstaat, in dem das Reservat liegt.

Vor allem die Beziehungen zur Landesregierung und speziell zur 2018 neu gewählten Gouverneurin Kristi Noem sind angespannt, nicht erst seit Corona. Schon im Streit um die Ölpipeline Keystone XL ging die Republikanerin auf Konfrontationskurs zu den Ureinwohnern. Sie nannte die Demonstranten gegen die Pipeline, die nahe am Reservat entlang laufen soll, Aufrührer, und befürwortete ein Gesetz, das gegen Unterstützer des Protests gerichtet war.

South Dakota hat keine Ausgangssperre verhängt

Aber nun droht der Konflikt zu eskalieren. Wie gerade mal sieben andere US-Bundesstaaten hat South Dakota keine „Stay at home“-Anordnung erteilt, die Regierung setzt darauf, dass die Menschen selbst am besten wüssten, wie sie sich zu verhalten hätten. Und das, obwohl es einen der landesweit schlimmsten Ausbrüche in einer Schweinefabrik in Sioux Falls, South Dakotas größter Stadt, gab.

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Noems Fokus liegt – wie bei Trump – auf der Wirtschaft. Am vergangenen Donnerstag twitterte sie: „Der Rest des Landes beginnt jetzt damit, die Wirtschaft wieder hochzufahren – South Dakota hat sie niemals lahmgelegt.“ Auf den Selbstschutz der Stämme, die sich mit Straßensperren gegen ein Übergreifen des Virus zu wehren versuchen, reagierte sie mit Drohungen – und einem Ultimatum. 48 Stunden hätten die Sioux Zeit, die Blockaden zu entfernen, erklärte Noem vor zehn Tagen und kündigte rechtliche Schritte an, da die Checkpoints den Verkehr behinderten.

Die beiden Stämme weigerten sich. Sie gehören zur souveränen Nation der Sioux, South Dakota hat keine Autorität über ihre Territorien. Harold Frazier, Vorsitzender der Cheyenne River Sioux, erklärte, der Versuch, Leben zu schützen, sollte nicht mit Drohungen beantwortet werden. „Wir entschuldigen und nicht dafür, dass wir eine sichere Insel in einem Meer voller Gefahren und Tod sind.“

Nur acht Krankenhausbetten für bis zu 12.000 Menschen

Den Ureinwohnern ist es bitterernst. Was ein Ausbruch für sie bedeuten würden, erklärt Bald Eagle. Das Reservat sei drei Stunden von der nächsten Intensivstation entfernt und betreibe selbst nur eine Versorgungsstätte mit acht Betten, die für bis zu 12.000 Menschen zuständig sei. Es gebe auch nur vier oder fünf Beatmungsgeräte. „Wir haben uns die Entwicklung und Prognosen angeschaut und gerechnet: Wenn 60 oder 70 Prozent von uns erkranken und 20 Prozent dann im Krankenhaus versorgt werden müssten, wären das gut 1000 Menschen. Das war ein Weckruf.“

Die Stammesregierung entwickelte einen Notfallplan, der sich an wissenschaftlichen Kriterien orientiert: Früh wurden Lebensmittelvorräte gebunkert, Schulen geschlossen und die meisten Leute gebeten, zu Hause zu bleiben; und es wird seitdem genau kontrolliert, wer auf das Gebiet des Reservates kommt. Ist einer der ihren infiziert, muss er sofort in Quarantäne. Eine 24-Stunden-Hotline für Fragen wurde eingerichtet, und die älteren Stammesmitglieder werden einmal am Tag kontaktiert und gefragt, wie es ihnen geht.

„Wir setzen auf Gesundheitserziehung, aber vor allem kümmern wir uns um einander“, sagt Bald Eagle. Das sei schon deshalb wichtig gewesen, weil sie gewusst hätten, dass mit Hilfe aus Washington, das für die Versorgung der Sioux zuständig ist, nicht zu rechnen sei. „Bisher haben wir nichts von den versprochenen Hilfsgeldern gesehen, die der Kongress beschlossen hat und von denen auch die Ureinwohner profitieren sollen.“

Es ging ums Überleben

Wie sie die Belastung langfristig tragen sollen, sei unklar. Anders als in anderen Reservaten gibt es bei den Cheyenne River Sioux kein Kasino, mit dem sie Geld einnehmen könnten. Aber zunächst ging es nur ums Überleben. „Hätten die Regierungen rechtzeitig Vorsichtsmaßnahmen getroffen, wären unsere strengen Maßnahmen nicht notwendig gewesen.“

Ureinwohner sind wie andere Minderheiten in den USA durch das Virus besonders gefährdet – das zeigt die Katastrophe bei den Navajos: Die Navajo Nation, das größte Reservat des Landes, das auf drei Bundesstaaten verteilt ist, hat inzwischen mehr als 4000 Covid-19-Fälle. Rund 100 Menschen sind bereits gestorben. Wäre das Reservat ein Bundesstaat, hätte es landesweit die höchste Infektionsrate – noch vor New York.

Häufig gibt es kein fließendes Wasser

Die Gründe dafür sind vielfältig: Neben dem Mangel an Krankenhausbetten und Ärzten wirken sich die ärmlichen Verhältnisse aus. Viele wohnen auf engstem Raum in Mehrgenerationshaushalten: Abstand halten ist fast unmöglich, und häufig gibt es kein fließendes Wasser, was das empfohlene Händewaschen erschwert. Dazu kommen Vorerkrankungen, die das Virus besonders gefährlich machen, wie Diabetes.

„Die Sioux haben ohnehin die geringste Lebenserwartung in Amerika“, sagt Bald Eagle. „Wir können nicht mehr so leben und uns ernähren wie früher, sondern sind abhängig von dem, was uns die Regierung zur Verfügung stellt.“ Das sei nicht ausreichend und oft von schlechter Qualität.

Und nun? „Die Straßensperren bleiben, bis es keine Neuinfektionen in South Dakota mehr gibt – oder einen Impfstoff“, kündigt Bald Eagle an. „Wir haben keine Wahl.“ Ob das inzwischen auch die Gouverneurin verstanden hat, vermag er nicht zu sagen. „Noem hat einen zweiten Brief geschickt, in dem wir aufgefordert wurden, die Barrieren abzubauen. Eine Frist ist da aber nicht mehr genannt.“

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