Talsperre in Äthiopien : Streit um das Wasser im Nil

Äthiopien will die größte Talsperre Afrikas in Betrieb nehmen – ohne Einverständnis der Nachbarländer. Ägypten ist empört und fürchtet um seine Wasserreserven.

Ägyptens Lebensader. Was würde das Land ohne die Wasserreserven tun?
Ägyptens Lebensader. Was würde das Land ohne die Wasserreserven tun?Foto: Eduardo Soteras/AFP

Der Nil ist Ägyptens Lebensader. Doch was passiert, wenn sie gekappt wird? Die Regierung in Kairo fürchtet ausgetrocknete Felder und Wassernot. Auslöser dieser Katastrophe wäre ausnahmsweise nicht der globale Klimawandel, sondern ein Jahrhundert-Bauvorhaben in Ostafrika. Geht es nach der äthiopischen Regierung, würde Ägyptens Albtraum bald Realität werden.

Mit 74 Milliarden Kubikmetern Wasser wäre die „Grand Ethiopian Renaissance“ Talsperre der größte Damm Afrikas. Seit knapp zehn Jahren bauen die Äthiopier an dem vier Milliarden Euro teuren Megaprojekt. Nun, da die Staumauer zu drei Viertel fertiggestellt ist, wollen die Verantwortlichen in Addis Abeba im Juli damit beginnen, den Blauen Nil mithilfe des gigantischen Beckens aufzustauen.

Doch für das zweitbevölkerungsreichste Land des Kontinents ist "Gerd", so die offizielle Abkürzung, mehr als nur ein Kraftwerk. Die Talsperre soll der Region vor allem eine Weiterentwicklung seiner Infrastruktur sichern und die Wirtschaft ankurbeln.

Derzeit sind nur 45 Prozent der 112 Millionen Äthiopier an das Stromnetz angeschlossen. Durch die Verdoppelung seiner Stromproduktion aus Wasserkraft könnte Äthiopien das nachhaltige Entwicklungsziel von „moderner und leistbarer“ Energie erreichen. „Die Ägypter haben besseren Zugang zu Strom als wir. Unseren Studenten und Haushalten fehlt dieser Zugang“, zitiert das Nachrichtenportal FanaBC den äthiopischen Kardinal Berhaneyesus Souraphiel. Niemand habe Interesse daran, anderen Nil-Staaten zu schaden.

„In dem Moment, in dem das Projekt angekündigt wurde, erfüllte es die Äthiopier mit Stolz, Millionen von ihnen beteiligten sich daran durch den Kauf von Anleihen“, berichtet der sudanesische Journalist Yaseen Mohmad Abdalla. Das Interesse kommt nicht von ungefähr. Das Land gehört zu den ärmsten des Kontinents und verspricht sich vom Staudamm einen wirtschaftlichen Aufschwung. Fast die Hälfte der Äthiopier leidet unter Armut und Hunger. Millionen sind auf Nahrungsmittelhilfe aus dem Ausland angewiesen. Insofern ist der Staudamm nicht zuletzt ein Prestigeprojekt für einen Staat der auch unter ethnischen und politischen Spannungen leidet.

Gar nicht begeistert sind hingegen Äthiopiens Nachbarn Sudan und Ägypten. Durch beide Staaten fließt der Nil auf seinem Weg ins Mittelmeer. Berechnungen haben ergeben, dass Ägypten 14 Prozent des Nilwassers und 18 Prozent seines Agrarlands verlöre, wenn Äthiopien den Damm innerhalb von zehn Jahren aufstaute.

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Bei einer Stauzeit von sieben Jahren, wie sie die Regierung von Ministerpräsident Abiy Ahmed anstrebt, würde Ägypten voraussichtlich 22 Prozent des Nilwassers und etwa 30Prozent seines fruchtbaren Bodens einbüßen. Das käme nach Ansicht der ägyptischen Führung einem Desaster gleich. Entsprechend groß ist der Ärger in Kairo.

Der Status Quo ist nicht länger tragbar

„Ägypten beansprucht sein ‚historisches Recht’ auf das Nilwasser und führt dabei Verträge von 1929 und 1959 als Frage der nationalen Sicherheit an“, sagt Dawit Yohannes, Forscher am panafrikanischen Institute for Security Studies (ISS) in Addis Abeba. Nach Ansicht des Konfliktforschers sei dieser Status Quo aber „nicht länger tragbar“.

Streit herrsche nicht nur über den Zeitraum der Befüllung. So schlägt Ägypten ein bis zwei Jahrzehnte vor; im Raum stehen darüber hinaus auch Sicherheitsfragen. Verhandlungen zwischen den beiden Ländern sowie dem Sudan waren im Februar gescheitert. Den USA, die als Vermittler hinzugezogen wurden, warf die äthiopische Seite vor, parteiisch zu sein.

Auf dem Spiel steht der Friede in Nordostafrika. So kursierten in der Vergangenheit Berichte, wonach Ägyptens Regierung unter Präsident Abdel Fattah al Sisi plane, den Damm notfalls zu bombardieren. Die Vereinten Nationen (UN) drängen deshalb auf eine schnelle und dauerhafte Lösung. Diese sei auch nach Ansicht der Europäischen Union, die sich Ende Mai als Vermittlerin anbot, „wichtig für die Stabilität der gesamten Region“.

Vor wenigen Tagen gab es dann einen kleinen Durchbruch: Die Streitparteien verkündeten, wieder Gespräche aufnehmen zu wollen. Sicherheitsexperte Dawit schätzt: „Am Ende werden die Verantwortlichen wieder zur Vernunft kommen und die Situation nicht weiter eskalieren lassen.“ Muss „Gerd“ überhaupt ein Zankapfel sein? Die beiden Ökonomen Addisu Lashitew und Haim Kassa verneinen das. „Zugang zu Elektrizität ist entscheidend für die Armutsreduktion, Wirtschaftswachstum und die industrielle Fertigung“, betonen sie in einer Analyse. Entsprechend sei der Staudamm eine Chance für die ganze Region. Eine friedliche Lösung vorausgesetzt.

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