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Update

Royal Baby im Blitzlicht: William und Kate präsentieren ihren Sohn

„Waity Katy“ wurde Kate Middleton genannt, weil sie so lange auf den Heiratsantrag warten musste. Jetzt rächte sie sich – und ließ das Volk auf die Geburt warten. Aber es traf schließlich ein Land, das das Warten zu einer Kunstform erhoben hat.

Ausgerechnet England, „the cradle of democracy“! Und wer liegt jetzt in dieser Wiege der modernen Demokratie? Ein wenige Stunden alter zukünftiger Monarch, Thronfolger an dritter Stelle, Seine Königliche Hoheit, Prinz von Cambridge, 3800 Gramm Lebendgewicht, Name: vorläufig unbekannt. Auch Royals haben in Großbritannien 42 Tage Zeit, ein Kind amtlich zu registrieren.

Möglich, dass Prinz William etwas blasser aussah, als es die englische Blässe vorschreibt. Immerhin hatte er soeben geradezu eigenhändig den Stammbaum Englands verlängert. In demselben Raum des Londoner St. Mary’s Krankenhauses, in dem er selbst geboren wurde.

Am Dienstagabend, nur einen Tag nach der Geburt, haben Prinz William und seine Frau Kate der jubelnden Menge in London ihren Sohn präsentiert und die Geburtsklinik verlassen. Sie würden noch über den Vornamen nachdenken, sagte William, als er vor dem St. Mary-Hospital mit dem in eine Decke gewickelten Baby vor die wartenden Reporter und Fans trat. Anschließend begab sich das Paar bei strahlendem Sonnenschein mit dem neuen Thronfolger in den Kensington Palast.

"Es ist ein spezieller Moment. Ich denke alle jungen Eltern wissen, wie sich das anfühlt“, sagte die 31-jährige Kate, die das Baby zuerst auf dem Arm trug, bevor sie es an ihren Mann weitergab. „Es ist ein hübsches Baby, ziemlich schwer und er hat bereits mehr Haare als ich“, sagte William mit einem breiten Lächeln den jubelnden Zuschauern, die zu hunderten vor dem Krankenhaus warteten.

Zum Glück habe der Sohn das Aussehen der Mutter geerbt, scherzte William. Catherine trug bei dem kurzen Auftritt ein einfaches blaues Kleid mit weißen Punkten, während William ein hellblaues offenes Hemd anhatte. Mehrfach winkten sie der Menge zu, die bei sengender Hitze vor dem Krankenhaus im Londoner Stadtteil Paddington teils seit Stunden ausharrte.

Guess what. Nun ist es doch ein Junge geworden. Die Royal Navy gratuliert.

© Reuters

Das Interesse an Kate und Williams Kind sei unvorstellbar, hieß es schon seit Wochen. Größer noch als bei ihrer Hochzeit. Die Zeitungen richteten eine Art „Wehenticker“ ein, und selbst der Palast kam um eine Wehen-Meldung auf der Internetseite nicht mehr herum: „Royal Birth – Labour Announcement.“ Erlöst, geradezu entfesselt wirken die Londoner, die den Nachwuchs bejubeln. Während die einen feiern, fassen es die anderen nicht, dass darüber überhaupt geschrieben wird. Dass der Wahnsinn wieder losgeht, der schon bei Kate und Williams’ Hochzeit begann.

Denn es ist ja etwas ganz und gar Wahrscheinliches eingetreten. Erwartbar, geradezu selbstverständlich. Zwei Menschen taten sich zusammen, und irgendwann hatten sie Lust auf ein Kind. Das Kind brauchte neun Monate.

Den Royalisten wurde ein lang ersehnter Thronfolger geboren, den Gegnern nur ein weiterer Kostgänger einer parasitären, omnipräsenten Familie, die den englischen Steuerzahler im letzten Jahr 33,3 Millionen Pfund gekostet hat.

Kurz vor elf Uhr gestern Morgen kam der Friseur der Herzogin ins Krankenhaus – das wurde als untrügliches Zeichen genommen, dass der Höhepunkt der Royalen Geburt bevorstehen würde. Der erste Fototermin des Paares vor dem Krankenhaus, sozusagen die erste Preisgabe des kleinen Prinzen an die Öffentlichkeit. Aber dann wurden die Fotografen und Patrioten, die sich auf den Termin gefreut hatten, erst einmal enttäuscht: Vorerst, wurde verbreitet, sei mit dem Erscheinen des Paares nicht zu rechnen. Aus dem Krankenhaus hörte man nur, dass das Paar „nicht glücklicher sein könnte“ und dem Krankenhauspersonal für seine „wunderbare Pflege“ danke. Vor dem Lindo Wing und seiner weltberühmten Backsteinfassade stellten sich Hunderte auf weiteres Warten ein.

Es traf immerhin ein Land, das das Warten zu einer Kunstform erhoben hat: Sei es abwartend Tee trinkend oder als soziale Plastik, die sich in Gestalt ordentlicher Schlangen im öffentlichen Raum vor Bankschaltern und Bushaltestellen spontan ergibt.

Der englische Hof ist längst ein Global Player der Unterhaltungsindustrie

Prinz Charles nimmt in Nordengland Glückwünsche entgegen.

© AFP

Lange hatte man über Kate Middleton gespottet, die so viele Jahre auf den Heiratsantrag warten musste. Man nannte sie Waity Katy. Erst wartete Kate, jetzt wartete das Volk.

Was eine Zeit lang aussah wie die Rache von Waity Katy ist ja in Wahrheit eine echte Notwendigkeit, für die man dankbar sein sollte. Man brauchte ja Zeit – Zeit, in der in China Souvenirtassen bemalt und nach England verschifft werden konnten, Zeit, in der im Fernsehen die Sonderprogramme geplant und landesweit Wetteinsätze auf Babynamen getätigt wurden (Favoriten George und James). Zeit, in der Kinderausstatter ihre Umsätze hochschraubten, die Britische Münzanstalt Sondermünzen prägte und die Kanonen im Greenpark und im Tower für insgesamt 103 Salutschüsse durchgeladen werden konnten.

Im exponentiellen Verhältnis zur Fruchtblase wuchs eine Aufmerksamkeitsblase, in deren vollkommener Informationsleere die wildesten Gerüchte ihren Platz fanden. Ob das Baby womöglich schon früher und heimlich geboren worden sei? Ob es einen unterirdischen Geheimgang zum Krankenhaus gebe. Ob das Kind vielleicht ein Mädchen und Diana genannt werde. Früher wäre das nicht passiert, denn bis in die 30er Jahre musste zur Vermeidung von Betrug der Innenminister bei der Geburt eines Thronfolgers anwesend sein. Da gebar Kate noch verhältnismäßig privat.

Man hatte also viel Zeit, darüber nachzudenken, dass der englische Hof für seine Mitglieder in zweierlei Bedeutung ein Zuchthaus sein konnte. Wie viele Kinder dort schon entfremdet aufgewachsen waren, wie viele dort unglücklich geworden waren. Und ob es gelingen würde, diesem neuen Kind die gestärkte und gesteifte Kindheit zu ersparen. Es herrscht phasenweise der Eindruck vor, ein Aufwachsen in englischen Palästen gefährde das Kindswohl.

Man bedauerte also online das Baby, das in diese Familie geboren würde, so wie man schon Harry und William und früher Charles bedauert hat, und begrüßte, dass nun auch die Englische Krone mit der Bürgerlichen Kate den Unternehmensberater-Modebegriff „Diversity“ entdeckt zu haben und sich etwas zu öffnen schien.

Der Vater ist Hubschrauberpilot, der in Wales ab und an einen Untertan rettet, die Mutter Hausfrau. Auch der Opa war Pilot, die Oma Stewardess. Der andere Opa ist Bio-Landwirt, und erst dann wird es merkwürdig. Die zweite Oma nämlich wurde von Paparazzi auf Motorrädern in einem Pariser Tunnel zu Tode gehetzt, wie man sagt. Die Irrste aber ist die Uroma, bekannt für ihre Stoik. Die ist nämlich die Königin von England, weshalb das Kind, solange es noch ohne Geschlecht auskommen musste, immerhin schon die „Nummer Drei“ genannt werden konnte. Die Nummer Drei der Thronfolge.

Und hat das Baby, gerade erst zur Welt gekommen, nicht schon selbst eine belastete Vergangenheit? Es ist die Tragödie der Krankenschwester, die sich erhängte, nachdem sie auf den Scherz-Anruf eines australischen Radio-Komikerpaares hereingefallen war, das sich für Queen Elizabeth II. und Prince Charles ausgegeben hatte. Worauf die Moderatoren erfuhren, dass Herzogin Catherine, die wegen Schwangerschaftsübelkeit behandelt wurde, eine ruhige Nacht ohne Würgereflex gehabt habe.

Es ist ja die Zeit des Wartens, in der die Wertschöpfung stattfindet und die Superlative erreicht werden, die dann um die Welt gemeldet werden: die Rekordsummen der Devotionalienhändler, die enorme Anzahl skurriler Berichte und zuverlässige Einschaltquoten. Denn der englische Hof ist längst ein Global Player der Unterhaltungsindustrie. Er muss jene 33,3 Millionen Pfund Produktionskosten ja wieder einspielen. Und er wird immer besser darin, die Dramaturgie selbst zu moderieren.

In Bucklebury, Kates Heimatort, soll bald eine Gedenktafel stehen

Kates Eltern besuchen ihre Tochter im Krankenhaus.

© dpa

Besonders spezialisiert sind sie auf Cliffhanger, die das Volk dann wieder für Monate auf die Folter spannen. Nur stellt man fest: In Wahrheit befindet es sich dort am liebsten. Es nennt die Folter Vorfreude. Es hangelt sich von Höhepunkt zu Höhepunkt: Wird er ihr einen Antrag machen? Werden sie heiraten? Wie sieht ihr Hochzeitskleid aus? Wird sie schwanger? Wann kommt das Kind? Wird es ein Mädchen oder ein Junge? Werden die Eltern glücklich, oder scheitern sie? Das Warten hat ein Ende, da beginnt das Warten. Auch die Thronfolge ist eine Warteliste. Prinz Charles wartet noch heute darauf, ins Spiel eingewechselt zu werden. Und ist jetzt über dieses lange Warten sogar Großvater geworden. Auf die Frage eines Gratulanten, ob er die Geburt auch mit Champagner begossen habe, antwortete er: „Ja, aber nur ganz wenig.“ Seine Frau Camilla, Herzogin von Cornwall, die selber schon mehrfach Großmutter ist, freute sich vor allem für ihren Mann. „Es ist wunderbar für den Großvater – er ist brillant mit Kindern.“

Premierminister David Cameron hatte mehr das britische Staatswesen im Sinn, als er noch am Abend der Geburt vor die Downing Street Number 10 trat: „Es ist ein wichtiger Moment im Leben unserer Nation.“ Eine der herzlichsten Gratulationen kam von US-Präsident Obama. Er sprach nicht nur von den „Segen der Elternschaft“, sondern wurde geradezu politisch: „Angesichts unserer speziellen Beziehung freut sich das amerikanische Volk, sich dem Volk des Vereinigten Königreichs bei seinen Feiern zur Geburt des jungen Prinzen anzuschließen.“

Aber die Briten schafften das Feiern auch allein. Überall im Land gab es kleine und größere Zeichen der Freude. In Bucklebury, Kates Heimatort, will man zwei Gedenktafeln aufstellen – eine für die Hochzeit, eine für die Geburt des Kleinen. Der Plan, mit einem echt englischen, melodiösen Glockengeläut zu feiern, scheiterte allerdings. Einer der „Bell Ringers“ in dem kleinen Dorf ist in die Ferien gefahren. Dafür läuteten in London die Glocken von Big Ben. Fontänen am Trafalgar Square und anderen Brunnen der Stadt werden nun sieben Tage lang blau angestrahlt – bei einer Prinzessin wäre es rosa gewesen. Beim Wachwechsel vor dem Buckingham Palast, wo Scharen gekommen waren, spielte die Band gestern „Congratulations“. Und die britischen Massenblätter überschlugen sich, „The Sun“ gab sich für diesen speziellen Tag sogar einen neuen Namen: „The Son“.

Dabei ist eigentlich alles so, wie es immer ist, wenn eine Familie sich auf ein Kind vorbereitet. Nur in größerem Maßstab. Der Londoner Kensington Palast, dessen einer 20-Zimmer-Flügel nun der Lebensmittelpunkt der Familie werden soll, der aber seit dem Tod von Prinzessin Margaret über zehn Jahre leer gestanden hatte, musste kindertauglich gemacht werden. Wo andere einfach die Steckdosen sichern, wurde der Backstein-Palast eingerüstet, Kräne erhoben sich, eine Million Pfund wurde versenkt.

Die Kindheit des Neugeborenen, hatte Kate gesagt, solle möglichst „normal“ werden. Und seitdem Diana angefangen hat, William und Harry mit hinaus in die Welt zu „normalen“ Vergnügungsparks zu nehmen, ist Normalität zum schreiendsten Bedürfnis der Palastkinder geworden. Auf der Suche danach gehen sie in Internate, Universitäten und Kasernen und machen sich gemein.

Sie betrinken sich und ordern Lieferpizza und gucken Serien. Sie sind stolz darauf, dass die Armee sie als Hubschrauberpiloten behandelt „wie jeden anderen“. Und sie schließen Deals mit der Presse, „Schonzeiten“, damit sie beim Normalsein nicht beobachtet werden.

Darauf einen Drink, so steif wie eine englische Oberlippe. Aber wer glaubt, nun irgendwie erlöst zu sein von der Spannung, sollte wissen, dass dies nur der nächste Cliffhanger ist. Bleiben Sie dran. (mit AFP)

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